„Die Texte sind immer zuerst da“: Fetzermusik aus Ottakring

Puschkawü zelebrieren eine Mischung aus Dialektsong und Weltmusik. Robbie Lederer und Peter Marnul zehren von Erfahrungen als Straßenmusiker.

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Ergänzen einander laut eigener Aussage ideal: Robbie Lederer (l.) und Peter Marnul. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Manchem gilt die Musik als Laster, „weil die Beschäftigung mit ihr eine Neigung ist, die den Lohn in sich selbst trägt“. Das postulierte zumindest einmal der 1875 geborene Leopoldstädter Geigenvirtuose Fritz Kreisler. Dass diese Neigung heute vielfach ausgenützt wird, davon zeugt auch die Idee von Stadträtin Ulli Sima, Musiker unentgeltlich in den U-Bahn-Stationen einzusetzen, „um das subjektive Sicherheitsgefühl der Fahrgäste zu erhöhen“.

Robbie Lederer und Peter Marnul verdrehen ob dieses musikerverachtenden Einfalls nur die Augen. Seit mehr als 40 Jahren machen sie gemeinsam in unterschiedlichsten Formationen Musik. Jetzt haben sie Puschkawü gegründet, ein Quintett, das Lieder im Wiener Dialekt präsentiert. Statt wie viele andere Bands aufs Rinnaugerte, das Wehleidige, zu setzen, überraschen sie mit erstaunlich komplexen Rhythmen. Moderne Elemente wie Beatboxing, aber auch Archaisches wie Didgeridoo-Klänge sind da locker integriert.

 

„Fußgängerzonenmusik“

Das ist mutig. Schließlich leidet das Didgeridoo, ursprünglich ein Aerophon, das die australischen Aborigines aus von Termiten ausgehöhlten Baumstämmen entwickelt haben, genauso wie die Panflöte am Stigma „Fußgängerzonenmusik“. Tatsächlich haben sowohl Lederer als auch Marnul reichlich Erfahrung darin. Lederer war schon ab 1976 Straßenmusiker. Damals war die Szene auf der noch jungen Fußgängerzone Kärntner Straße noch übersichtlich. Da gab es den schnorrenden Stadtindianer, der stets eine Gitarre umgehängt hatte, die er nicht spielen konnte. Ein anderer Held war das Lercherl aus Ottakring, ein betagter Geselle, der im Pepitasakko zu Akkordeonklängen Falsett erklingen ließ.

Ja, und dann war schon Robbie Lederer, der in blau-weiß gestreifter Latzhose Songs von Bob Dylan und Cat Stevens entbot. „Es war damals noch nicht erlaubt, aber geduldet. Bis zu 2000 Plärrer hab ich damals täglich verdient. Das meiste davon hab' ich gleich wieder im nahen Cafe Krugerhof für durstige Freunde ausgegeben. Der Herr Fritz, der Ober, war stets hocherfreut.“

Vor einigen Jahren haben Lederer und Marnul nochmals das Experiment versucht. Es war ernüchternd. Marnul: „Generell ist der Umgang mit Straßenmusik in Wien ungut. Man meldet sich an und bekommt einen Standort zugewiesen. Das kann etwa das Carl-Michael-Ziehrer-Denkmal auf der Hauptallee sein, wo ausschließlich Jogger, Radfahrer und Mütter mit Kinderwagen vorbeikommen. Da verdienst du genau gar nichts“, sagt er. „Umgekehrt haben wir mal den Stephansplatz zugewiesen bekommen. Da hatte ich nicht einmal den zweiten Refrain gesungen, begann eine Kundgebung von Palästinensern am Graben. Kurze Zeit später startete die Gegenveranstaltung dazu am Stephansplatz. Wir haben uns beim Singen die Seele aus dem Leib geschrien. Damit nicht genug, folgte noch eine Marienprozession mit Megafon und ganz am Ende noch die Hare-Krishna-Mönche.“ In zwei Stunden hätten sie nur 13,50 Euro verdient.

Nicht ohne Grund spielt Marnul in insgesamt sechs Bands. Mit Puschkawü hat er jetzt, obwohl noch ohne Management, gute Chancen, ein größeres Publikum zu erobern. Die pointierten Texte des Debütalbums „Frische Socken“ stammen beinah alle aus der Feder von Georg Friesenbichler. Sie inspirieren auch die Musik.

„Die Texte sind immer zuerst da“, sagt Lederer. „Der Peter und ich suchen uns das aus, was uns taugt, und vertonen es jeder für sich. Manchmal überarbeitet man dann noch die Musik des anderen. Wichtig ist, dass es dem Hörer vor Wonne die Ganslhaut aufstellt.“ Marnul und Lederer, die einst schon bei den Liederlich Spielleut gemeinsam musiziert haben, ergänzen einander ideal. „Der Peter macht die schönsten Balladen, ich bin für die Fetzerlieder zuständig.“

Ein Juwel im Repertoire von Puschkawü ist das von Sängerin Alex Houdjakova behutsam intonierte Maria-Bill-Chanson „Cafe De Flore“. Dafür gab es auch Lob von der Bill persönlich. „Sehr gelungen“, meinte sie, „da habt ihr euch aber ordentlich geplagt, um das ins Wienerische zu kriegen.“

AUF EINEN BLICK

Eingespieltes Duo. Robbie Lederer und Peter Marnul kennen einander seit vielen Jahren und haben bereits in unterschiedlichen Bands und Konstellationen zusammengearbeitet. Ihr Puschkawü-Debütalbum mit dem Titel „Frische Socken“ erschien im Label Non-Food-Factory von ihrem Musikerkollegen Walther Soyka. Die kommenden Konzerte: 26. August bei der Wiener Ukulele-Night im Local, 6. Oktober in der Brücke in Graz, 10. Oktober im Schwarzberg und 13. Oktober im Wirtshaus Assmayer in Meidling.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2017)

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