Die Burgenländer und Chikago: Schreiben über das Auswandern

Theodora Bauer hat sich der Geschichte der burgenländischen Migration in die USA gewidmet. Bei der Recherche entdeckte sie Parallelen zur Gegenwart.

Theodora Bauer veröffentlicht am Montag ihren zweiten Roman.
Theodora Bauer veröffentlicht am Montag ihren zweiten Roman.
Theodora Bauer veröffentlicht am Montag ihren zweiten Roman. – Katharina Roßboth

Die „Tante Meri“ war das Sequel. Eine Geschichte darüber, wie nach dem Zweiten Weltkrieg Dinge auftauchen, über die man lang nicht gesprochen hat. Nach ihrem Romandebüt widmet sich Theodora Bauers nun der Zeit vor der Katastrophe. „Chikago“ ist quasi ein Prequel, wie die junge Burgenländerin es nennt. Ein Buch, das auch zeigen soll, wie es damals überhaupt dazu kommen konnte. Die Protagonisten sind Feri und Katica, die in den Zwanzigerjahren im Burgenland leben, um das gerade Ungarn und Österreich streiten und das als Randregion kaum Chancen für die Menschen bietet. Es herrschen Armut und Ausweglosigkeit – und viele denken ans Auswandern. So auch Feri und die schwangere Katica. Nur, dass es keine langsame, gut geplante Auswanderung wird – sondern nach einem Vorfall eine Flucht. Und dass auch Katicas Schwester Anica deswegen mit nach Amerika kommt.

Chikago, geschrieben mit einem k. Das war der erste Impuls für die Autorin, sich mit der Geschichte der Burgenländer zu beschäftigen, die sich damals in großer Zahl nach Amerika aufmachten. Sie war gerade unterwegs zur Schokoladenfabrik in Kittsee, um dort einzukaufen, als sie sich verfranzte – „und plötzlich stand dort ein Straßenschild: Chikago, 5.Gasse“. Tatsächlich ist Chikago ein Ortsteil der Gemeinde, eine schnell aus dem Boden gestampfte Siedlung, die einen Heimkehrer an die rege Bautätigkeit in Amerika erinnert hat. Und die so zu ihrem für die Gegend eher ungewöhnlichen Namen gekommen ist.

 

Recherche im Chicago mit c

„In der Schule wurde nie über die Auswanderungswelle gesprochen“, sagt Bauer. „Es ist total in Vergessenheit geraten.“ Ja, in der Literatur, da habe es manche verstreute Onkel oder Tanten in Amerika gegeben. Aber zum Thema als Ganzes habe sie bei der Recherche kaum etwas gefunden. „Ich musste überall Happen zusammensuchen.“ Immerhin, mit dem Burgenländischen Auswanderungsmuseum in Güssing gab es einen Ort, an dem sie einhaken konnte. Doch für weitere Informationen musste sie weiter hinaus. Ins Auswanderermuseum Ballinstadt nach Hamburg, zum Beispiel, wo sie unter anderem Namenslisten einzelner Schiffe nach Burgenländern durchforstete. Und auch in Chicago – diesmal das echte mit c in den USA – hat sie recherchiert.

„Es waren viele Menschen bereit, mit mir zu sprechen“, erzählt sie. Echte Auswanderer aus den Zwanzigern waren naturgemäß nicht mehr darunter, aber zumindest einige, die in den 1950ern nach Amerika gegangen waren. „Natürlich ist deren Situation nicht ganz vergleichbar“, meint Bauer. Aber zumindest einige Eindrücke über das Auswandern konnte sie dadurch gewinnen. Eine Erkenntnis, die sie dabei gewonnen hat: „Das waren alles Wirtschaftsflüchtlinge.“ Das werde gerade in der heutigen Zeit, rund um die Flüchtlingsbewegungen nach Europa, gern vergessen. Und die Frage „Dürfen sie das überhaupt?“, die heute in diesem Zusammenhang gestellt werde, die stelle sich einfach nicht.

Im Roman verläuft das Leben in der neuen Heimat jedenfalls nicht wie erhofft. Katica stirbt im Kindbett. Feri beginnt aus Frust über die Situation zu trinken und wird schließlich eher zufällig erschossen. Und Anica muss sich nun mit Josip, dem kleinen Sohn des Paares, herumschlagen. Und schließlich sind die beiden Jahre später dazu gezwungen, wieder ins Burgenland heimzukehren. Dorthin, wo sich seit ihrer Flucht einiges getan hat, vor allem politisch. So haben die Nazis an Bedeutung gewonnen – und die Heimkehrer müssen mit einer Situation zurechtkommen, in der sie nun auch hier wieder nicht willkommen sind.

„Mir ist es wichtig, für ein österreichisches Publikum zu schreiben“, sagt die Autorin. Und genau für das Thema Flucht und Migration wolle sie ein Bewusstsein schaffen. „Gerade in Österreich glauben ja viele, dass hier der Nabel der Welt ist, wo alle hinwollen.“ Sie habe jedenfalls viele Parallelen von damals zu heute entdeckt. Und sie hofft, dass sich manche Entwicklungen von damals nicht auch in der heutigen Zeit wiederholen.

ZUR PERSON

Theodora Bauer (geb. 1990) veröffentlicht am Montag ihren zweiten Roman, „Chikago“, (Picus-Verlag, 22 Euro), in dem sie das Schicksal dreier burgenländischer Auswanderer beschreibt. Ihr erster Roman, „Das Fell der Tante Meri“, erschien 2014. Daneben veröffentlichte sie unter anderem den Essay „Così fanno i filosofi“ über Mozarts Opern und das Theaterstück papier.waren.pospischil.

Web: www.theodorabauer.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2017)

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