Jermaine Browne: „Warum soll ich nicht weinen?“

Als Victoria's-Secret-Choreograf ist Jermaine Browne Begriff, als Street-Jazz-/Hip-Hop-Tänzer lehrt er u. a. in Wien und hat seinen ersten Kunstfilm gemacht.

Choreograf Jermaine Browne durfte mit Fotografin Inge Prader für das Foto auf das Dach des Hotels Harmonie Vienna im neunten Bezirk
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Choreograf Jermaine Browne durfte mit Fotografin Inge Prader für das Foto auf das Dach des Hotels Harmonie Vienna im neunten Bezirk
Choreograf Jermaine Browne durfte mit Fotografin Inge Prader für das Foto auf das Dach des Hotels Harmonie Vienna im neunten Bezirk – (c) Prader/Tiberius

Er choreografiert Dance-Videos für Jennifer Lopez und Christina Aguilera, er coachte Mick Jagger und ist seit Jahren Choreograf der Victoria's-Secret-Shows und damit von Stars wie Justin Timberlake, Katy Perry oder Taylor Swift. Aber wenn es seine Zeit erlaubt, dann stattet Jermaine Browne einer seiner Lieblingsstädte einen Besuch ab: Wien, wo er jüngst seinen Kunstfilm „Water“ im Rahmen der Fotoausstellung von Edward Burtynsky im Kunst-Haus Wien vorgestellt hat. Im Hotel Harmonie erzählte er der „Presse“ von seinen Wien-Plänen – und wie er sich von ganz unten in jene Glitzerwelt hochgearbeitet hatte, die ihn sofort faszinierte: „Meine Mutter wollte, dass ich Prediger werde. Religion war also ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Und dann kam ich nach Amerika, sah Fernsehen und sagte: ,Da will ich hin!‘“ Da war er 13 Jahre alt – und eben mit seiner Mutter aus Guyana kommend in die USA emigriert.

New York als Kulturschock

„Ich kam aus dem Nichts“, sagt Browne. Er habe keine Ahnung gehabt, was ihn in Amerika erwartet: „Bei uns schien die Sonne, aber über New York wütete ein Blizzard. Da habe ich zum ersten Mal Schnee gesehen. Ich war asthmatisch, und es war so kalt, als wir ankamen. Ich versuchte, irgendwie Luft zu bekommen, und fühlte mich wie ein Fisch, der aus dem Wasser gezogen wird und plötzlich an Land liegt.“ Und dann waren da all diese Menschen: „Ich hatte vorher noch nie einen Weißen gesehen. Das war ein Kulturschock!“

Tanzstunden waren im Familienbudget nicht drin, also habe er Toiletten geschrubbt und sei sehr früh arbeiten gegangen, erzählt Browne. Aber schon bald habe er seinen eigenen Stil entwickelt: „Als ich jünger war, fand ich mich nicht besonders gut aussehend. Ich habe dann in einem Geschäft gearbeitet und mir Kleidung gekauft, um mich aufzubrezeln und aus mir etwas Besonderes zu machen. Im Fernsehen gab's ja keine schwarzen Kinder mit starken Eigenschaften – und wenn es solche Vorbilder in den Medien nicht gibt, dann fühlt man sich minderwertig. Ich habe meine Kleidung dafür eingesetzt, mich ein bisschen besser zu fühlen.“ Heute arbeitet Browne auch als Model, stand unlängst für die Kampagne der Vienna Awards for Fashion & Lifestyle 2018 vor der Kamera, die er auch als Mitglied des Kreativteams beraten wird – Choreografie inklusive. „Und es wird bei der Verleihung im Mai eine kleine Soloperformance von mir geben.“

Inspiration aus Wiener Museen

Immer wieder gibt er in Wien Street-Jazz und Hip-Hop-Workshops – beim ImPulsTanz oder unlängst zum Thema „Wasser“, passend zu seinem Film, den er im leeren Pool des Sans-Souci-Hotels gedreht hat. „Es geht darum, wie wir mit Wasser umgehen. Um unsere Liebe zu Wasser – aber auch darum, dass wir es für selbstverständlich nehmen, sogar verschwenden, während andere oft kilometerweit mit einem Kanister auf dem Kopf gehen müssen, um welches zu haben.“ Browne zeigt sich in dem Film emotional, einmal rinnen Tränen über seine Wangen. „Viele Leute denken, ein Mann sollte keine Emotionen zeigen. Aber warum soll ich nicht weinen?“, fragt er. Er wolle dieses sensible Thema spürbar machen.

Wenn er in Wien ist, geht Browne gern ins Museum, weil ihn das – so wie Mode und Modefotografie – inspiriert. Schon Ende Oktober will er zur Viennale wieder da sein und seinen Zyklus zu den Elementen vorantreiben: Nach „Water“ soll – gemeinsam mit dem aus Peru stammenden Künstler Luis Casanova und wieder in Kooperation mit einem Wiener Museum – ein Kunstfilm über Erde entstehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2017)

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