Stefan Sterzinger: „Nur die Welt ist schlecht“

Sänger und Akkordeonspieler Stefan Sterzinger feiert im Porgy und Bess Geburtstag. Mit seinem „Liebeslied für einen Walter“ und einer ganzen Trilogie.

Stefan Sterzinger, daheim mit lila Pflanze statt lila Zottelschal.
Stefan Sterzinger, daheim mit lila Pflanze statt lila Zottelschal.
Stefan Sterzinger, daheim mit lila Pflanze statt lila Zottelschal. – (c) Michele Pauty

Stefan Sterzinger wurde in Wien im Frauenhospiz als lediges Kind einer Näherin und eines Ungarn-Flüchtlings geboren. So beginnt sein Wikipedia-Eintrag, dem, abgesehen von einer Werkliste, freilich nur noch wenige Informationen folgen. Ablesen kann man aus der kurzen Persiflage auf die Einträge anderer trotzdem einiges. Zum Beispiel Sterzingers Sinn für zarte Ironie.

Angegeben ist auf Wikipedia auch sein Heimatort: Kleinschönmein im Weinviertel. Es habe tatsächlich Leute gegeben, die auf der Suche nach dem Ort vergeblich das Land abgefahren seien, erzählt Sterzinger. Wenn er sie, auf Konzerten angesprochen, mit der Wahrheit konfrontierte (das Dorf ist erfunden), hätten die Leute dann zwischen zwei Reaktionen geschwankt: bös sein oder lachen. „Am Ende haben sie entschieden, dass es eh ein schöner Ausflug war.“

Ähnlich Freude macht es ihm, mit Stereotypen zu spielen. So erklärt der Sänger und Akkordeonspieler gern, er stamme „aus einer bildungsarmen Schicht“. Nachsatz: „Nur meine Mutter versteht das nicht.“ Er selbst sieht darin sogar Vorteile. „Wenn man aus einer Verlegerfamilie kommt“, meint er mit Blick auf einen bekannten Kollegen, „muss man den Dialekt erst mühsam lernen.“

 

Dialekt und Zottelboa

Sterzinger konnte ihn immer schon – und zerlegt auch ihn mit Vergnügen. „Es gibt jedes Wort in der Schriftsprache – und ganz tief.“ Er achte am liebsten auf ein ausgewogenes Verhältnis. „Es macht Spaß, verschiedene Färbungen in einem Satz zu verwenden.“ Virtuos jongliert er damit etwa im Lied „Superchecka“, alternativer Titel: „Liebeslied für einen Walter ihrer Wahl“. In der Austropop-Ballade erzählt er von einem, „den jeder gern zum Freund haben möchte, mit dem aber keiner arbeiten will, und das aus gutem Grund“. Man darf raten, welcher echte Walter gemeint sein könnte.

Jedenfalls kommt der Walter gelegen, wenn es ihm und dem Publikum mit den echten Liebesliedern zu viel wird. Auf sie ist Sterzinger vor allem an seinen Soloabenden derzeit reingekippt. „Ich habe das Gefühl, ich bin im richtigen Alter für Liebeslieder.“ Apropos: Demnächst wird Sterzinger, der gern mit Zottelboa um den Hals auftritt, 60 Jahre alt. Normalerweise feiert er seine Geburtstage rein privat, mit Frau und Tochter und einer kleinen Sachertorte von Aida mit einem Kerzerl drin, „ein Ritual mit Spaßgehalt“. Diesmal gibt es eine Ausnahme, und zu diesem Anlass ein gleich dreitägiges „Porträt“ im Porgy und Bess.

Wobei selbiges nicht als Rückblick auf seine Jahrzehnte als Querdenker und Urgestein der Wiener Musikszene zu verstehen ist, sondern als dreiteilige Darstellung seines aktuellen Selbst. Einmal, am heutigen Freitagabend, als Gründer des „Glück & Auf Orkestar“. Die zehnköpfige Formation ist das größte Ensemble, mit dem er je gearbeitet hat. Der Name hat weniger mit Bergwerk als mit James Brown zu tun. Ihm gefalle die „Get up“-Passage in dessen „Sex Machine“, „Auf“ sei demnach als „Gemma los“ zu verstehen. Das Glück wiederum geht auf ein Radiointerview mit Marlene Streeruwitz zurück, die darin sinngemäß gemeint habe, Glück für alle sei möglich. Das wiederum erinnert an seine eigene Überzeugung. „Ich glaube immer noch: Der Mensch an sich ist gut, nur die Welt ist schlecht.“ Sterzinger ist übrigens Beinahesoziologe, zum Akademiker fehlen nur die Diplomarbeit und der Glaube daran, dass in dieser Welt alle wissen, was sie tun.

Er hat sich schon vor Jahrzehnten bewusst für die Musik entschieden, nachdem er seinem persönlichen Musikerhelden nahe genug gekommen ist, um zu sehen, wie wenig dahintersteckt. „Das hat mich motiviert, die Dinge anders und besser zu machen.“ In Kauf genommen hat er, dafür sein ganzes Leben „auf kleinem Fuß zu leben, eher auf Zehenspitzen“. Aber die Entbehrung sei es wert, „wenn man dafür solche Sachen machen darf“. Wie im Porgy und Bess, wo er am Samstag im zweiten Teil mit dem Akkordeonquartett Belofour auftritt, im Idealzustand als ein „außer Kontrolle geratener Biosynthesizer“.

Am Sonntag schließlich, im dritten Teil der Trilogie, begleiten ihn Edi Köhldorfer an der Gitarre und Franz Schaden am Kontrabass. Ziemlich sicher wird er zumindest an diesem Abend auch ein paar der Geschichten einstreuen, die die Leute so gern von ihm und seiner Stimme hören. „Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich dafür auf der Welt bin“, relativiert Sterzinger. „Ich will spielen.“

ZUR PERSON

Stefan Sterzinger wurde 1957 in Wien geboren und wuchs im Weinviertel auf. Ein Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften brach er kurz vor Ende ab. Danach erlebte er „Abenteuerliches mit Musik“ in der Schweiz, Südfrankreich, Spanien und Afrika. Als Sänger, Akkordeonspieler und Entertainer ist er Autodidakt. Zum 60er widmet ihm das Porgy und Bess ein dreiteiliges Porträt: 1.9.: Glück & Auf Orkestar, 2.9.: Belofour, 3.9.: Sterzinger/Köhldorfer/Schaden. Ab 13.9.: „Schöne Orte“-Tour mit Liebesliedern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2017)

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