Segeln: Jugendwahn auf hoher See

Wer ist der jüngste und schnellste Weltumsegler? Experten sind alarmiert über den Wetteifer der Teenager.

Laura Dekker ist also wieder aufgetaucht. Die 14-jährige Niederländerin wurde auf der Karibikinsel St. Maarten aufgegriffen. Dorthin hatte sie sich geflüchtet, weil ihr die Soloumseglung der Welt verboten worden war. Nicht von ihrem Vater Dirk, sondern von den Behörden, die den geschiedenen Eltern die Obsorge abgesprochen hatten.

Doch Laura Dekker ist kein Einzelfall. Im Gegenteil, seit Jahren wetteifern Teenager – mehr oder weniger von ihren Eltern unterstützt oder angetrieben – um Superlative im Solosegeln.

Erst diesen Sommer wurden Rekorde aufgestellt. Zuerst umsegelte der im November 1991 geborene Kalifornier Zac Sunderland die Erde in Rekordzeit: Nach 397 Tagen lief er im Juli in der Marina del Rey bei Los Angeles ein. Die Müdigkeit, sagte er nach seiner Landung, sei sein größter Gegner gewesen. Die Bekanntschaft, die er unterwegs mit Piraten gemacht hat, sei dagegen beinahe eine Lappalie gewesen. Dem Namen seines Bootes „Intrepid“ („Unerschrocken“) gemäß, hat er in seiner Not die Küstenwache zu Hilfe gerufen.

 

Mit 17 Jahren allein um die Erde

Sunderland, dessen 16-jährige Schwester Abby demnächst ebenfalls zum großen Törn aufbrechen will, konnte sich seines Rekordes nur kurz erfreuen. Gut einen Monat später stahl ihm Michael Perham die Show: Der um dreieinhalb Monate jüngere Engländer benötigte nur 286 Tage für die Erdumrundung und gönnte sich sogar den Luxus, das Weihnachtsfest zu Hause mit der Familie zu verbringen. Zudem erhielt er bei der wesentlich professioneller als von Sunderland geplanten Mission von seinem Vater „Begleitschutz“, der in einer Yacht parallel zu seinem Sohn segelte.

Weniger glücklich war die 16-jährige Australierin Jessica Watson bei ihrem ersten Versuch, im Kielwasser des Engländers Francis Drake zu segeln, der im 16. Jahrhundert als Erster die Erde umrundet hatte. Watson war im September noch vor dem Start bei Sydney mit einem Frachter kollidiert, weil sie übermüdet die automatische Warnfunktion ihres Bordradars nicht aktiviert hatte. Das Unglück aber konnte sie nicht bremsen: Nun ist sie seit 65 Tagen unterwegs und hat bereits mehr als 7000 Meilen zurückgelegt.

Die jüngste weibliche Erdumseglerin ist die Schweizerin Tania Aebi, die im Mai 1985 als 18-Jährige aufgebrochen war und zweieinhalb Jahre benötigt hatte. Am schnellsten war 2005 Dame Ellen MacArthur in 71 Tagen. Sie war damals allerdings schon 29 Jahre alt.

 

„Grenzen ausloten“

Die Kinder- und Jugendpsychologin Sabine Völkl-Kernstock erklärt die Abenteuerlust der jungen Segler mit dem Drang, Neues zu entdecken. Es gehe um das Ausloten der eigenen Grenzen: „Und um diese zu erkennen, muss man sie überschreiten.“ Für einige der Youngsters, die aus Seglerfamilien stammen, sind wiederum die Eltern die Triebfeder. Eltern von der Sorte „Eislaufmamis“ wollen in einer Art „verlängertem Ich“ ihre Träume und Ziele von den eigenen Kindern ausgelebt sehen, analysiert Völkl-Kernstock.

Was aber, wenn der Wunsch, das Außergewöhnliche zu tun, vom Kind selbst stammt? „Eltern sollten nicht von vornherein sagen: ,Du wirst scheitern‘“, sagt Völkl-Kernstock. Vielmehr sollten sie zuhören und das Anliegen ernst nehmen. „Dann kommt meist automatisch ein Draht zustande.“

Auch rechtlich betrachtet sind die (Segel-)Ausflüge der Teenager bedenklich, sagt Familienrechtsexperte Marco Nademleinsky. Mit dem Kindeswohl seien derartige Expeditionen jedenfalls so lange nicht vereinbar, solange der Teenager der Schulpflicht unterliege. Aber auch darüber hinaus könne das Gericht die Obsorge der Eltern (sie besteht bis zur Volljährigkeit) einschränken, gegebenenfalls auch mit einstweiligen Maßnahmen.

Lauras kurze Weltreise, Seite 14

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2009)

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