Yves Rocher gestorben: Pionier der „grünen Kosmetik“

Am zweiten Weihnachtsfeiertag starb der Kosmetikindustrielle Yves Rocher. Er hatte früh auf die zwei Grundlagen seines späteren Erfolgs gesetzt: Die Pflanzen als Basis der Schönheitspflege und den Versandhandel.

(c) Michaela Bruckberger

Die Erfolgsgeschichte begann in einem kleinen bretonischen Nest, La Gacilly, wo der 14-jährige Yves im Estrich der Hutmacherfamilie Rocher mit Heilpflanzen experimentierte. Aufgrund der Ratschläge einer kräuterkundigen Frau fabrizierte er zu Beginn der Fünfzigerjahre eine Pomade zur Linderung von Hämorrhoidenschmerzen, die er in Kleinanzeigen in damals sehr populären Illustrierten anpries.

Damit setzte Yves Rocher bereits auf die zwei Grundlagen seines späteren Erfolgs: die Pflanzen als Basis der Schönheitspflege und den Versandhandel. Ein Jahr nach der Gründung seiner eigenen Firma war er dank des Erfolgs seiner Kosmetika bereits stolzer Eigentümer eines Geschäfts an der besten Straße in der Hauptstadt Paris. Heute erzielt das Weltunternehmen Yves Rocher dank der 15.000Beschäftigten (davon ist trotz Globalisierung fast die Hälfte noch in Frankreich tätig) und mit 1700Verkaufsstellen in 80 Ländern einen Umsatz von mehr als zwei Mrd. Euro. Die Geschäftsleitung übergab der Firmengründer vor zwei Jahren seinem Enkel Bris, nachdem dessen Vater Didier bei einem tragischen Waffenunfall ums Leben gekommen war. Der 79-jähriger Yves Rocher hatte in der letzten Woche in Marrakesch einen Hirnschlag erlitten, er starb nach dem Transport in ein Pariser Krankenhaus am Samstag.


Für die meisten seiner Millionen Kundinnen und Kunden auf der Welt ist Yves Rocher vielleicht bloß ein Markenname wie L'Oréal oder Dior, der französisches Savoir-vivre oder Pariser Eleganz verheißt. In Frankreich, und vor allem in der Bretagne, ist es der Name eines „großen Industriellen und eines Pioniers der nachhaltigen Wirtschaft“, wie ihn Staatspräsident Nicolas Sarkozy in einer Aussendung würdigte.

In La Gacilly war er ganz einfach der „Patron“, der Boss und Schlossherr, der am Dorfrand im Château Glénac wohnte und von dort sein kosmetisches Weltreich leitete. „Ohne Yves Rocher wäre hier Wüste“, sagten die Leute dankbar. Die meisten halten es für selbstverständlich, dass er als Bürgermeister von 1962 bis 2008 auch in der Lokalpolitik den Ton angab. Schließlich war er der einzige nennenswerte Arbeitgeber weit und breit.


In seinen Kosmetikfabriken von La Gacilly verdienen noch heute mehr als 1300 Leute ihren Lebensunterhalt. Nur ein Mal wurde Rochers Autorität (kurz) infrage gestellt: Im März 2008 streikte rund die Hälfte der Arbeiter in La Gacilly während zwei Stunden mit Erfolg für eine Lohnerhöhung um drei Prozent.


Dank des Parfummuseums und des botanischen Gartens, die wie praktisch alles hier zur Firma Yves Rocher gehören, wurde das Dorf sogar zu einer Touristenattraktion. „Wir haben sogar vormittags und gegen Ende des Nachmittags einen Verkehrsstau und mussten deshalb zwei Ampeln installieren“, schildert stolz ein Dorfbewohner Alltagsprobleme wie in der Großstadt. Yves Rocher war ein paternalistischer Familienunternehmer alter Schule. Als er sich nach der Übernahme der Kinderkleidermarke Petit Bateau von der Bank BNP übervorteilt fühlte, demonstrierte er mitsamt seinen Arbeitern vor der Bankfiliale in Rennes: „Wir wollen unser Geld zurück!“

Heute wird Yves Rocher, der sich selbst ungern fotografieren ließ, vor allem als Vorläufer einer natürlichen oder grünen Kosmetik gewürdigt. Ursprünglich war es bloß seine Absicht, aus den bekannten Heilpflanzen ein werbeträchtiges Verkaufsargument zu machen und seine (industriell hergestellten) Produkte von jener der Konkurrenz abzugrenzen, die ihre Schönheitsmittel wie Pharmazeutik als Ergebnisse von Forschern in Labors und als Marken der Luxusindustrie anbot.

Aber natürlich verstand Rocher sehr schnell, dass er mit seinen Bioprodukten voll im Trend lag. Er stiftete auch einen speziellen Umweltpreis, mit dem exklusiv Frauen für ökologische Erfindungen und Initiativen belohnt werden.

Auf einen Blick

Yves Rocher, *7.4.1930, †26.12.2009, französischer Unternehmer, gründete einen Kosmetikversandhandel, eröffnete 1969 in Paris sein erstes Geschäft. Er war 1962 bis 2008 auch Bürgermeister seines Heimatortes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2009)

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