„Abenteuer mit tödlichem Ausgang“: Immerjunges Rock-'n'-Roll-Herz

Acht Jahre tüftelte der steirische Austropop-Star Boris Bukowski an „Gibt's ein Leben vor dem Tod?“. Es hat sich ausgezahlt. So progressiv klang er noch nie.

Genießt auch mit 71 Jahren das, wie er sagt, wilde Musikerleben: Boris Bukowski.
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Genießt auch mit 71 Jahren das, wie er sagt, wilde Musikerleben: Boris Bukowski.
Genießt auch mit 71 Jahren das, wie er sagt, wilde Musikerleben: Boris Bukowski. – (c) Clemens Fabry

„Keiner hilft keinem“, zitiert Boris Bukowski in einem seiner neuen Songs das berühmte Motto der Lord Jim Loge, diesem gar nicht so geheimen Bund österreichischer und deutscher Künstler, dem Granden wie Wolfi Bauer, Martin Kippenberger, Walter Grond und auch der schon 2005 verstorbene Bukowski-Freund Jörg Schlick angehörten. Das Lied nennt sich „Kunst ist Leben“. In ihm räsoniert Bukowski über das Sinnhafte des Zweckfreien: „Kunst ist nicht überheblich, ohne Zweck, doch nie vergeblich.“

Dass man für sie zuweilen darben muss, das hat Bukowski nach seinen kommerziellen Höhenflügen in den Siebziger- und Achtzigerjahren erfahren. Sein letztes Album hat er vor 18 Jahren gemacht. Das vom damaligen Ö3-Chef Bogdan Roščić ausgegangene Austropop-Bashing hat ihm einigermaßen zugesetzt. 1999 spielte er mit „6“ sein bislang letztes Album ein. „Da bin ich finanziell ziemlich eingefahren. Für dieses Experiment hab ich mich in der Familie verschuldet.“

Und so wurde Geld auch zum Thema des Openers des ersten Albums seit 18 Jahren. „Geld ist schmutzig, Geld ist fleckig, auch gewaschen bleibt es dreckig“, singt er brummelig über die überraschend gefährlich klingende Musik. Sollte man in Zeiten, wo dunkle Kreise über eine Abschaffung des Bargelds nachdenken, nicht etwas freundlicher zum Mammon sein? Bukowski lächelt hintersinnig und besteht darauf, dass nichts zwei derart auseinanderklaffende Seiten hätte wie Geld. „Es kann für das Schlimmste und das Beste des Menschen stehen.“

 

Körperlich und geistig fit

Den mittlerweile auch schon 71-jährige Steirer, der seit 30 Jahren in Wien lebt, kann man nur schwer als Urgestein bezeichnen. Körperlich scheint er fitter zu sein als manch 35-jähriger Bobo, geistig ist er elastisch wie eh und je. „Gibt es ein Leben vor dem Tod?“, fragt er in der Titelnummer. Eine konkrete Antwort darauf will er nicht geben. Nur so viel: „Das Leben ist für mich im besten Fall ein geiles Abenteuer mit tödlichem Ausgang. Die wenigsten aber haben den Mut sich darauf einzulassen. Dann kann es passieren, dass man schon lange tot ist, bevor man stirbt.“

Ein Boris Bukowski ist sehr bewusst auf Seiten des wilden Lebens. Als die Kombo Die Buben im Pelz (Christian Fuchs und David Pfister von FM4) ihn fragten, ob er eventuell gewillt sei, auf ihrer Velvet-Underground-Hommage mitzuwirken, sagte Bukowski gern zu. Er, der als größten Hit „Kokain“ hat, sang plötzlich Lou Reeds „Heroin“.

„Ich war gewissermaßen der Drogenbeauftragte des Projekts“, lacht er. Nicht weniger als 26 Musiker wirken auf seiner überraschend progressiv klingenden Liedersammlung mit. Darunter Ex-Sofa-Surfer Wolfgang Schlögel, Ernst Molden, Bernd Heinrauch und Depeche-Mode-Drummer Christian Eigner.

Sehr gelungen sind auch die reduzierten Momente. Etwa das wehe „Mein Herz schlägt immer noch nach dir“, das Remake eines älteren Songs. „Bei mir geht es viel um die Texte, aber nirgends steht geschrieben, dass die nicht zündend daherkommen dürfen. Es muss einfach fahren.“ Bukowski gehört einer Generation an, die noch angetreten ist, die Welt mit Hilfe der Musik zu verändern.

Dass diese Haltung unmodern geworden ist, betrübt ihn. „Die Leute haben so viele Ängste heutzutage, dass sie nicht bedenken, welche Freiheiten sie sich abkaufen lassen. Dazu dudelt das Formatradio, das Musik zur Berieselung degradiert. Es ist traurig, wenn Popmusik nur noch der Behübschung trister Zustände dient.“

 

„Kopierfehler der Evolution“

Bukowski lobt auf seinem Album lieber „Die schönste Sünde“, geißelt die Intoleranz der Ein-Gott-Religionen, definiert den Menschen als „Kopierfehler der Evolution“. Mit Ernst Molden singt er „Im Namen Gottes, Amen“, einen 25 Jahre alten Text von EAV-Mann Thomas Spitzer. „Das hätte ich mir auch nicht gedacht, dass ein alter Liedtext so aktuell werden kann.“

Trotz zwischenzeitlich harter Zeiten bereut der gelernte Jurist nicht, sich in jungen Jahren für die Kunst entschieden zu haben. „Es zählt es zu meinem größten Privileg, dass ich immer das tun durfte, was ich wollte. Alles, was jetzt noch kommt, ist Draufgabe.“

AUF EINEN BLICK

Neues Album. Boris Bukowskis neues Album heißt „Gibt's ein Leben vor dem Tod?“ (Run For Fun/Hoanzl). Am 3. November stellt er es bei einem Konzert in Graz (Generalmusikdirektion) und am 16. November in Wien (Szene Wien) vor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2017)

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