Von Bernhard bis Sargnagel: Mit Dreissinger im Kaffeehaus

Sepp Dreissinger über die letzten Künstlercafés, die Handys als Untergang der Kaffeehauskultur und warum Sargnagel quasi wie Bernhard ist.

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Sepp Dreissinger kommt fast täglich ins Weimar. Wenn ein Handy läutet, geht er. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sepp Dreissinger kann gar nicht anders, als mindestens zwei Mal am Tag ins Kaffeehaus zu gehen. Aufstehen, anziehen, Kaffeehaus. „Nach dem Zähneputzen komme ich immer hier her“, sagt er im Café Weimar in der Währinger Straße, zeigt seinen Stammplatz am Fenster, daheim habe er keine Kaffeemaschine, außerdem trinke er den kleinen Braunen nicht gern allein. Meistens geht er ins Weimar, eine Zeitlang war er eher im nahen Schopenhauer, früher öfter im Eiles, und sonntags geht Dreissinger seit Langem immer ins Weidinger. „Das ist für mich wie für andere der sonntägliche Kirchgang“, sagt er.

Das Kaffeehaus als fast heiliger Ort, das hat er nun in seinem neuen Bild- und Gesprächsband „Im Kaffeehaus“ gewürdigt. Vor allem das Kaffeehaus als den Ort der Künstler. Kaffeehäuser und Künstler sind seine Leidenschaften, lange schon, sagt Dreissinger. Und so hat er sich mit Künstler-Porträts, allen voran als „der Bernhard-Fotograf“ einen Namen gemacht.

„Bernhard im Bräunerhof“, unter dem Spiegel, Dreissingers berühmteste Fotografie, ist selbstverständlich im Buch. Wie er auch die meisten Porträtierten in deren Stammkaffeehäusern zum Gespräch und Fotografieren traf.

Gert Jonke und Robert Menasse im Café Sperl, Joachim Meyerhoff oder Ulrich Seidl im Café am Heumarkt, Elfriede Mayröcker im Café Mozart, Ernst Jandl ebenfalls, oder die jüngere Generation: Birgit Minichmayr im Bräunerhof – sie wollte auf Bernhards altem Stammplatz unter dem Spiegel fotografiert werden, David Schalko im Café Ritter oder Stefanie Sargnagel im Café Weidinger. Die Fotos sind zwischen 1988 bis heute entstanden, auch die Gespräche über das Kaffeehaus sind über viele Jahre entstanden.

Da erklärt Robert Menasse zum Beispiel, dass es im Kaffeehaus keine Musik geben darf. Von Christine Nöstlinger erfährt man, dass Mädchen im Kaffeehaus lange nichts zu suchen hatten und sie selbst sich erst nach bestandener Matura mit zwei Freundinnen in ein Café in Hernals getraut hat. Und Stefanie Sargnagel erklärt, dass sie das Weidinger so mag, weil dort Hackler im Blaumann, junge Künstler oder alte Kartenspieler zusammenkommen, während sich rechte Gruppen dort am Stammtisch treffen.

Das Weidinger, sagt Dreissinger, ist für ihn heute das letzte Kaffeehaus, das noch so etwas wie ein Flair von einem Künstlerkaffeehaus hat, wie er es von früher gewohnt war. „Dort sieht man abends Künstler aus der Alternativszene sitzen und diskutieren.“ Durch Sargnagel ist es noch bekannter geworden. „Sargnagel ist unglaublich. Sie ist wie früher der Bernhard, unglaublich, wie berühmt sie in so kurzer Zeit geworden ist“, sagt Dreissinger.

Außerdem ist das Weidinger eines der letzten Kaffeehäuser, in denen noch geraucht werden darf. Denn die Rauchverbote sind für ihn, den Raucher, ein Grund für den Niedergang dieser Kultur. „Wolf Wondratschek hat mir gesagt, das Kaffeehaus ist auch zum Rauchen erfunden. Dieses Spelunkenhafte, Verrauchte geht auch mir ab“, sagt Dreissinger, der überhaupt von einem Zeitenwandel, von einem Kulturwandel spricht, wenn es um seine geliebten alten Kaffeehäuser geht.

 

Ein Zeitenwandel, aber kein Ende

Schuld sei das digitale Zeitalter, vor allem das Handy. „Gemütlicher wird es dadurch nicht“, sagt er, und wenn man sich traut, beim Gespräch auf das Handy zu schauen, schreitet er ein: „Weg! Ausschalten!“, sagt er dann, und man weiß nicht, ob das ein Scherz oder er doch verärgert ist. „Früher hat man sich im Kaffeehaus getroffen, es wurde miteinander geredet, man hat sich beim Zeitungstisch getroffen, wo ein Gespräch bzw. ein Flirt entstanden ist. Auch in der Kunst ist viel in Gruppen entstanden. Heute ist jeder seine eigene Insel, viele sitzen da mit Handys und Laptops, schauen wie fremdgesteuert in die Maschine und sind an einer Kommunikation mit dem Nebentisch nicht interessiert.“ Wenn er ein Handy läuten hört, stehe er auch schon einmal auf und gehe.

Heute, sagt Dreissinger, fehle vielen Kaffeehäusern das Ambiente von früher, vor allem das Gemeinschaftsgefühl. „Die Kaffeehausgeschichte ist auch eine Sozialgeschichte, es hat sich alles verändert. Aber ich hoffe, dass das Wiener Kaffeehaus ewig bleibt. Es wird sich halt verändern. Robert Schindel hat ja gesagt, das Kaffeehaus stirbt nie, eher sterben wir aus.“

ZUR PERSON

Sepp Dreissinger war einmal Musikprofessor an Wiener Gymnasien, parallel dazu hat sich der gebürtige Vorarlberger in Wien als Fotograf, Bücher- und Filmemacher einen Namen gemacht. Am berühmtesten sind seine Aufnahmen von Thomas Bernhard oder Maria Lassnig.

„Im Kaffeehaus. Gespräche, Fotografien“ ist im Album Verlag erschienen.
336 Seiten,
39 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2017)

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