Wiener Teenagerin, durch ein Kopftuch weltberühmt

Als Initiatorin des Kopftuch-Emoji hat Rayouf Alhumedhi (16) es nicht nur an ihrer Wiener Schule zu Bekanntheit gebracht. Sie hofft, dass manche ihre Vorurteile überdenken.

Rayouf Alhumedhi wurde vergangene Woche vom US-amerikanischen Time Magazine unter die 30 einflussreichsten Teenager der Welt gewählt.
Rayouf Alhumedhi wurde vergangene Woche vom US-amerikanischen Time Magazine unter die 30 einflussreichsten Teenager der Welt gewählt.
Rayouf Alhumedhi wurde vergangene Woche vom US-amerikanischen Time Magazine unter die 30 einflussreichsten Teenager der Welt gewählt. – Vienna International School / Ra

Was denken Sie über Frauen mit Kopftuch?“, fragt Rayouf Alhumedhi nach einer halben Stunde, in der sie geschildert hat, warum sie ein Emoji mit Kopftuch am Handy wollte, wie das abgelaufen ist und was sie damit sagen will. „Was denken Menschen in Österreich, wenn sie eine verschleierte Frau sehen?“ Nach einigen Sätzen über den hiesigen Kopftuchdiskurs, über Unterdrückung und Rückständigkeit als wiederkehrende Motive, lacht die 16-Jährige und ihre Augen blitzen: „Bin ich nicht die exakte Antithese davon? Und ich liebe es! Weil es die Leute eines Besseren belehrt. Ich hoffe, dass manche ihre Vorstellungen überdenken.“

So wie sie in der Kantine der Vienna International School sitzt, ein cremefarbenes Kopftuch ums Gesicht geschlungen und in den Pullover gesteckt, gut gelaunt, eloquent und kein bisschen schüchtern, muss man sich zwischendurch in Erinnerung rufen, dass sie ein Teenager ist. „Meine Freunde haben immer zu mir gesagt: So gesprächig wie du bist, musst du einmal eine Fernsehshow kriegen“, sagt sie in US-amerikanisch gefärbtem Englisch – ihr Deutsch hält die Diplomatentochter für das Gespräch nicht für firm genug.

Fernsehshow ist es noch keine geworden, an Aufmerksamkeit hat die Tochter des Kulturattachées an der saudischen Botschaft in Wien aber im vergangenen Jahr einiges bekommen. Für die Kampagne, durch die es nun auch Emojis von Frauen mit Kopftuch gibt, wurde sie vergangene Woche vom US-amerikanischen Time Magazine unter die 30 einflussreichsten Teenager der Welt gewählt – neben Schauspielerin Millie Bobby Brown oder Cindy Crawfords Modeltochter Kaia Gerber.

Die Geschichte beginnt vor eineinhalb Jahren, zu diesem Zeitpunkt lebt Alhumedhi in Berlin. Als sie mit ihren Freundinnen eine WhatsApp-Gruppe gründet, merkt sie wieder einmal, dass es für sie – die einzige Kopftuchträgerin – kein Emoji gibt; so wie für Millionen anderer Frauen. Das will sie ändern.

Sie schreibt an Apple, sie schickt einen Vorschlag an das Unicode-Konsortium, das die Standards für Schriftzeichen und Emojis auf elektronischen Geräten festlegt („Ich hatte null Erfahrung, davor hatte ich höchstens einmal einen Laborbericht für die Schule geschrieben“). So kommt sie mit Journalisten in Kontakt, der US-Investor Alexis Ohanian unterstützt sie, die Idee hebt ab. Seit einem Update vor gut zwei Wochen können etwa Apple-User weltweit neben einigen anderen neuen Symbolen auch ein Emoji mit einem violetten Kopftuch verschicken.


Hetze im Netz. Spätestens jetzt ist sie auch in der Schule der Star. „Congratulations“, ruft ihr durch den Lärm während der Vormittagspause ein vielleicht zwölfjähriges Mädchen im Gang zu. „Rayouf, you are so popular“, sagt ein Bub, kurz bevor sich eine kleine Traube jüngerer Schüler um die 16-Jährige bildet. „Die Mitschüler sind so lieb“, sagt Alhumedhi. Ganz neu ist ihr Gesicht aber ohnedies nicht: Nachdem ihre Familie nach fünf Jahren in Berlin vor neun Monaten wieder nach Wien kam, ist sie Schülervertreterin. Und sie hat auch ihre ersten Schuljahre an der Eliteschule verbracht, die einst für Kinder der UN-Angestellten gegründet wurde.

Während die Stimmung in der internationalen Schule positiv ist, sieht es in den sozialen Medien anders aus. Die kontroversiellen Kommentare über Alhumedhi und das Hijab-Emoji sind dort zahlreich: Das Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung der Frau, des politischen Islam, ein Emoji nicht notwendig oder kontraproduktiv. Spätestens, seit ein FPÖ-Politiker sich auf Facebook äußerte, kamen untergriffige Kommentare dazu. „Ab nach Hause“, „Wir wollen diese Fetzenpinguine nicht.“ Zumindest nach außen hin nimmt Alhumedhi die Anfeindungen gelassen. „Mir war klar, dass es kontroversiell wird, wenn das Aufmerksamkeit bekommt“, meint sie. Die Leute seien aufgebracht, als sei das jetzt der Start für die Scharia. Sie lacht. „Aber es ist ein Emoji!“

„Meine Idee war Repräsentanz: Ich wollte mich repräsentiert fühlen – ich wollte ein Emoji von mir haben“, sagt die Schülerin über ihre Idee. Muslimische Frauen seien auch eifrige Nutzerinnen von Technologie. Und es sei etwas anders, wenn man sich selbst auch in einem Symbol wiedererkenne.


Stolze Muslimin. Mit Fragen zum Kopftuch hat sie kein Problem, im Gegenteil: Man brauche Offenheit und die Gelegenheit, darüber zu sprechen. Alhumedhi trägt es, seit sie 13 Jahre alt ist. „Ich glaube, dass es mich näher zu Gott bringt – auch wenn der Umkehrschluss nicht zutrifft. Es ist für mich auch eine Quelle der Identifikation. Ich bin stolz, Muslimin zu sein.“ Ihre Familie, mit einer Schwester und zwei Brüdern, beschreibt sie als normal religiös: Es werde gebetet, der Koran gelesen. Die Mutter habe das Kopftuch einige Jahre lang konsequent getragen, später – außerhalb von Saudiarabien – sozusagen on/off. Und wieder konsequent angelegt, als sich die Tochter dafür entschied.

Ihr Geburtsland kennt Rayouf als Diplomatenkind hauptsächlich von Familienbesuchen. Dennoch sollten ihre Kinder möglichst einmal dort aufwachsen. Das Land öffne gerade Türen für Frauen, sagt sie zu den engen Grenzen für Frauen dort. „Dass sich das zurück bewegt, wäre etwas, das ich mir nicht wünsche.“ Zuerst geht es ohnedies einmal um ihren Schulabschluss in Wien. Und dann um das Studium, vielleicht in den USA oder in England. Da wird es jedenfalls genügend Gelegenheit geben, das Emoji zu verwenden. Wobei: „Ich nutze es jetzt schon die ganze Zeit!“ ?

Das emoji

2016 bemerkte die saudische Schülerin Rayouf Alhumedhi einmal mehr, dass es auf dem Telefon kein Emoji gibt, das eine Frau mit Hijab zeigt.

Sie schickte einen Vorschlag an das Unicode-Konsortium, das für die Standards bei Schriften und für die Emojis zuständig ist.

Die Kampagne hob rasch ab, ein Mitglied des Konsortiums brachte sie mit Medien in Kontakt, Investor Alexis Ohanian unterstützte sie.

Seit Kurzem kann das neue Hijab-Emoji verwendet werden. Bei Apple war es Teil des iOS-Updates 11.1 von Anfang November. Für andere Betriebssysteme gilt Ähnliches.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2017)

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