Ina Regen: „So klinge ich also ohne Maske“

Nach zehn Jahren im Schatten anderer wagte sich die oberösterreichische Sängerin Ina Regen mit „Wie ein Kind“ erstmals allein ins Rampenlicht.

Sang zunächst auf Englisch, dann auch Hochdeutsch, mittlerweile singt sie ihre Lieder (auch) im Dialekt: Ina Regen.
Sang zunächst auf Englisch, dann auch Hochdeutsch, mittlerweile singt sie ihre Lieder (auch) im Dialekt: Ina Regen.
Sang zunächst auf Englisch, dann auch Hochdeutsch, mittlerweile singt sie ihre Lieder (auch) im Dialekt: Ina Regen. – (c) Michele Pauty (Michele Pauty)

Wie foit ma hi und mocht si nix draus? Wos dearf ma hoffn, wenn ma goa nix mea was?“ Ihr vor weniger als zwei Monaten auf YouTube positioniertes, erstes eigenes (mit Florian Cojojaru) komponiertes Lied hat bislang mehr als eine halbe Million Klicks gesammelt. Mittlerweile wird „Wie ein Kind“ sowohl von Ö3 als auch von sämtlichen Regionalradiostationen gespielt. Diese Breitenwirkung hätte sich die aus dem oberösterreichischen Gallspach stammende Sängerin und Pianistin Ina Regen nie vorzustellen getraut, zumal „Wie ein Kind“ im Dialekt gesungen ist.

Sich selbst vorauseilend zu formatieren kam für Regen nicht infrage. Ihre Vorbilder wechselten. In ihrer Zeit beim Musical-Verein in Wels schwärmte sie für die Hochoktanstimmen von Whitney Houston, Mariah Carey und Celine Dion. Später, als Studentin an der Bruckner-Universität, für Ella Fitzgerald und Billie Holiday, zwei Sängerinnen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Fitzgerald, die flüssig wie niemand sonst die technischen Hindernisse zu überwinden verstand, und Holiday, die ihre ganz eigene Magie allein mit einer Überportion Gefühl aufbaute. Regen ordnet sich als Sängerin dazwischen ein. „Zu unterschiedlichen Zeiten meiner Karriere mal da und mal dort. Gegen Ende meines Studiums war mir die technische Perfektion zu wenig“, sagt sie. „Ich wollte eine gewisse Tiefe und einen eigenen Ausdruck erreichen. Als Komponistin hab ich zunächst auf Englisch geschrieben, dann auf Deutsch. Der Dialekt ist mir passiert. Viele Hörer sind davon erschöpft, dass sich heute so viel in sogenannten Formaten abspielt. Diese ganze designte Programmmusik ist am Ende schädlich.“

 

Einzelne Wörter „herausgerutscht“

Vor dem Dialekt hat sie sich ein wenig gefürchtet. „Ich hatte Angst, dass es zu schlagermäßig oder plump werden könnte. ,Wie a Kind‘ hat als hochsprachliches Lied begonnen“, erzählt sie. „Während des Einsingens sind mir einzelne Wörter im Dialekt herausgerutscht, weil ich schlampig gesungen habe. Als ich mir die Aufnahmen anhörte, gefielen sie mir wider Erwarten. Ich dachte mir, so klinge ich also ohne Maske.“ Dass im Lied auch eine Zeile wie „Warum trau ich mich nicht so zu sein, wie ich bin?“ versteckt ist, war wohl kein Zufall. „Trotz Dialekts erhöht man ja seine Gedanken in einem Liedtext. Poesie kann auch im Dialekt passieren. Das ist mir mittlerweile klar.“ Ihre so behutsam vorgetragene Sehnsucht nach dem Paradies der eigenen, verlorenen Kindheit hat bei den Hörern einen Nerv getroffen. Über das laut nachzudenken, was man verliert, wenn man erwachsen wird, erfordert auch Mut. „Die Welt der Kinder hat etwas Schwereloses, die Zeit darin hat etwas Relatives. Als Erwachsene zerdenke ich zu viel und gebe ich mich zu gerne gewissen Melancholien hin. Dann weine ich auch gerne, obwohl ich vom Naturell ein fröhlicher Mensch bin.“

Ihr neuestes Lied ist ein ebenfalls im Dialekt gesungenes Duett mit Conchita Wurst. Kennengelernt haben sich die beiden im Rahmen der Qualifikation zum Song Contest 2012. „Damals übernahm ich den Backgroundgesang bei ihr“, sagt Regen. „Wir haben einander auf Anhieb verstanden und sind seither gut befreundet. Ich bin mittlerweile auch fix in ihrer Band.“ Für ihre gemeinsame Coverversion von Hubert von Goiserns „Heast as net?“ rauchten ihre Köpfe nicht lange. „Conchita ist ja in Gmunden aufgewachsen. ,Heast as net?' haben wir vor allem auch wegen des prägnanten Inhalts gewählt.“

 

Mit Musik die Welt verändern

Können Lieder die Welt verändern? „Zumindest hat man als Sängerin die Sehnsucht danach. Ich bin ein gesellschaftspolitisch interessierter Mensch, der sich seiner Verantwortung bewusst ist“, meint Regen. „Ich bin der Ansicht, man soll seine Zeit nach seinen Möglichkeiten mitgestalten. Als Künstlerin hat man eine andere Reichweite, die persönliche Sicht der Dinge zu kommunizieren. Wenn sich Menschen darin wiederfinden, dann ist schon etwas Gutes passiert.“

Der beginnende Trubel um ihre Person hat noch lange nichts, das ihr lästig ist. Trotzdem liebt Regen die zeitweilige Ereignislosigkeit. Dann macht sie es so, wie es einst Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf empfahl. „Man muss ja auch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“

ZUR PERSON

Ina Regen wuchs in Gallspach im Bezirk Grieskirchen auf. Die Schule besuchte sie in Wels, die Musikuniversität in Linz. Die 33-Jährige lebt und arbeitet seit etwa zehn Jahren als Backgroundsängerin in Wien. So sang sie in Thomas Rabitschs Dancing-Stars-Orchester, bei Conchita Wurst, Natalia Kelly und den Makemakes. Mit „Wie ein Kind“ trat sie erstmals solo ins Rampenlicht. Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten Album, das für Herbst 2018 zur Veröffentlichung geplant ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2018)

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