Jörg - Recordshack - Lauermann: "Ohne Stimme keine Emotion"

Niemand hat so ein Arbeitsethos wie Jörg - Recordshack - Lauermann. Als DJ, Label- und Shopbetreiber sorgt er für stete Bewegung in der Wiener Soulszene.

Jörg – Recordshack – Lauermann in seinem Plattengeschäft Record Shack.
Jörg – Recordshack – Lauermann in seinem Plattengeschäft Record Shack.
Jörg – Recordshack – Lauermann in seinem Plattengeschäft Record Shack. – (c) Michele Pauty

Der Mann ist ein Zugereister. Als junger Mensch schon kam er oft mit dem letzten Zug in die Großstadt Wien, um nach einer durchtanzten Nacht mit dem ersten wieder zurück ins Waldviertel zu fahren. Damals hatte Hansjörg Lauermann, ein aufstrebender Mod aus Langau bei Geras, bereits höchstes Interesse am urbanen Nachtleben. Seine Obsession zum Sammeln von Schallplatten erlebte ihre zarten Anfänge.

„Erst war es ja Ska und Reggae, dem meine Liebe galt. Erst nach Entdeckung des auf Reissues spezialisierten Soullabels Kent ist meine Liebe zum Soul entbrannt“, sagt er. „Dieser Sound hat mir mehr zugesagt als damals aktuelle Strömungen.“ Der auf dem gleichnamigen Musikalbum der britischen Rockband The Who basierende Film „Quadrophenia“ sorgte für seine frühe Verbundenheit zur Mod-Jugendkultur. Als er 1992 endgültig nach Wien zog, lebte er sein Faible zur sozialen Distinktion voll aus. Mods schufen sich ja vermeintlich Vorteile durch das Tragen von getupften Hemden und Parkas.

 

„Mag kleinbürgerlich wirken“

„Dass Kleidung und Frisuren immer so etepetete sein mussten, das mag ein wenig kleinbürgerlich wirken“, sagt Lauermann. „Damals hat es uns aber Spaß gemacht. Ganz wichtig war uns, unser Gewand aus England zu beziehen.“ Das führte der Rollerfahrer dann durchaus gern am Donnerbrunnen, dem damaligen Treffpunkt der Mods in der Wiener Innenstadt, aus. Was dort passierte, war ihm zu wenig. „Die meisten dieser Szene machten so verkrampft auf Stil, dass sie sogar vergaßen, Alkohol zu trinken.“ Nach Anfängen im Fun-Club sah sich der aufstrebende Soul-Connaisseur zunächst bei den Altvorderen um. Alex Spreitzers „Safe Soul“ im B.A.C.H. und Helmut Schätzls „Soul Train“ im Monte waren wichtige Referenzveranstaltungen. Als DJ konzentrierte er sich zunächst ganz auf den sogenannten Northern Soul, eine flotte Abart des Genres, das von manchen Soulliebhabern mit Geringschätzung bedacht wird, weil der Beat in dieser Stilart die größte Rolle spielt. „Records with the Best Beat“ prangt auch auf Lauermanns im April 2000 eröffneten Plattengeschäft.

„Diese Werbebotschaft rührt von meinen Wurzeln im Northern Soul. Mittlerweile lernte ich das Stimmliche mehr zu schätzen“, sagt er. „Zu einem guten Song gehört einfach das Drama, das einzig vom Gesang ausgeht. Ohne Stimme keine Emotion.“ Das Spektrum der feilgebotenen Vinylware (CDs führt er auch, aber nur wenige) umfasst neben Soul auch R&B, Funk, Brasil, ein wenig Disco und Jazz. Seit einiger Zeit lässt Lauermann bei seinem Record Shack genannten Label auch neue schwarze Scheiben pressen.

Das Repertoire besteht aus raren Neuveröffentlichungen sowie aus selbst oder von Freunden wie BTO Spider (FM4) produzierten, neuen Stücken. 53 Singles sind bereits auf dem Markt, vier gerade in Fertigung. Dass er diese Teile nicht nur nach Deutschland und Japan, sondern auch nach Großbritannien exportiert, macht ihm besondere Freude, weil es ein wenig ist, „wie den Eskimos Kühlschränke zu verkaufen“. Zu seinen Freunden zählen mit Ady Croasdell, Eddie Piller, Dean Rudland, Ian Levine und Ralph Tee alle wesentlichen britischen Soullabelbetreiber. Das spornte auch zum Umdenken an. Nachdem Lauermann jahrelang wie besessen ausschließlich Originale gesammelt hat, lässt er mittlerweile auch Reissues gelten. Wieso auf einmal? „Die Besessenheit merkt man selbst gar nicht so“, meint er, „sie fällt einem viel eher an anderen auf. Natürlich ist ein Original zu erstehen immer noch das Erstrebenswerteste. Aber mittlerweile müsste man ein Millionär sein, um so zu einer guten Soul-Sammlung zu kommen. Es ist viel gescheiter, man beginnt mit günstigen Basics. Die 1000-Pfund-Originale kann man sich dann immer noch kaufen.“

Nicht jeder leidenschaftliche Soulhörer ist allerdings auch Plattenkäufer. Diese Spezies fängt sich Lauermann seit 2003 mit seiner Veranstaltung „Sound of Soul“, einem international besetzten Tanzspektakel, das Ende Jänner sogar in einer sogenannten Weekender-Edition über drei Abende geht. Welche Art von DJ ist dafür qualifiziert? „Die, die sich gern mit den Leuten spielen, ihnen nicht nur das auflegen, was sie ohnehin schon kennen.“

ZUR PERSON

DJ Jörg Recordshack wurde 1973 als Hansjörg Lauermann geboren und ist in Langau bei Geras im Waldviertel aufgewachsen. Seit 2000 betreibt er das Plattengeschäft Record Shack in der Reinprechtsdorfer Straße im fünften Bezirk. (www.recordshack.org). Seit 2003 lädt er zu SoS-Soulabenden. Nächster Termin: SoS All Nighter Main Event am 27. Jänner 2018 ab 22.30 Uhr in der Roten Bar im Volkstheater. Mit dabei sind unter anderem die DJs Mick H., Jordan Wilson, Brav, Stefano Oggiano, Leo Ernst und Alex Harasek.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2018)

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