Kino: Antwort auf „The King's Speech“

Logopädin Petra Nickel und Theaterwissenschaftlerin Birgit Gohlke haben eine Dokumentation über das Stottern gedreht: Als Blick „von innen heraus“.

Logopädin Petra Nickel (l.) und Birgit Gohlke haben gemeinsam „Mein Stottern“ gedreht.
Logopädin Petra Nickel (l.) und Birgit Gohlke haben gemeinsam „Mein Stottern“ gedreht.
Logopädin Petra Nickel (l.) und Birgit Gohlke haben gemeinsam „Mein Stottern“ gedreht. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

In der Eingangsszene des Films sieht man Birgit Gohlke, wie sie, schwanger, mit ihrem Partner über mögliche Namen für ihr Kind nachdenkt. Namen, die möglichst leicht über die Lippen gehen. Bei denen die Gefahr gering ist, hängen zu bleiben. Wer möchte schon den Namen des eigenen Kindes stottern?

Am Ende wird es ein Josef, inzwischen gibt es auch eine Martha, und daneben entstand über die Jahre hinweg mit „Mein Stottern“ ein ungewöhnlicher Film. Die Idee dazu hatte Petra Nickel, laut Eigendefinition „kulturschaffende Logopädin“. Auslöser war die Filmbiografie „The King's Speech“. Ein guter, klischeefreier Film, wie beide meinen; der aber auch dafür sorgte, dass sich bei Nickel die Medienanfragen für Interviews, am liebsten mit betroffenen Kindern, häuften.

Ein Anliegen, dem sie mit Vorsicht begegnet – und nun mit ihrem eigenen Gegenangebot: Einer Doku „von innen heraus“. Gemeinsam mit Birgit Gohlke entwickelt, begleitet sie diese zu Begegnungen mit anderen Betroffenen. Darunter auch David Seidler, der Drehbuchautor von „The King's Speech“. Sie sei geschockt gewesen, als sie zum ersten Mal in seinem Film saß, erzählt Gohlke. Und: „Meine eigene Geschichte hat mich dabei eingeholt“.

Wie – und wie unterschiedlich – gehen Menschen mit der Erkrankung um? Und welche Folgen hat das im Alltag? Das erkundet sie nun in „Mein Stottern“. Dass sie selbst vor Kamera – und als Sprecherin im Tonstudio – stehen würde, hat sie freilich selbst überrascht. Und Überwindung gekostet. Aber man wachse eben nur durch – manchmal schmerzhafte – Meilensteine. Ähnlich formuliert es Benedikt, der jüngste Protagonist: Die Hänseleien der Volksschule hätten ihn für spätere immun gemacht. Als begeisterter Sänger fuhr er zur „Großen Chance“, ging unerschrocken zum Bundesheer.

Dass in der Doku eine Frau auf mehrere Männer trifft, ist kein Zufall, spiegelt vielmehr das reale Verhältnis wider. Männer sind öfter betroffen aus Frauen, in Summe einer von hundert Erwachsenen, bei Kindern sind es sogar fünf Prozent. Falsche Vorstellungen zum Thema seien trotzdem bis heute weit verbreitet. Dass Eltern schuld sind, weil sie ihr Kind nicht ausreden lassen. Oder dass Stottern psychische Ursachen habe. Es gelte heute als erwiesen, dass es organisch bedingt sei, sagt Nickel: Betroffene haben weniger Nervenverbindungen zwischen zwei beteiligten Hirnarealen. Oft würden freilich Auswirkungen mit Ursachen verwechselt.

Wie unfair Menschen werden könne, weiß die Logopädin aus eigener Beobachtung. Da wird dann der stets nette Postbeamte unfreundlich, die Verkäuferin spricht nur noch mit der Begleitperson. Am besten sei, offen über das Thema zu reden, rät Gohlke. Manche lassen sich etwa gern vom Kellner aus der verbalen Patsche helfen, „mich selbst macht es wahnsinnig, wenn ich nicht aussprechen darf. Ich weiß ja, was ich sagen will“.

Dass Betroffene im Film auch bei der Therapie begleitet werden, hätte auch sie mit dem Thema Stotter-Therapie versöhnt. Diese Techniken, sagt Nickel, würden Betroffenen das Leben erleichtern – und oft einen Prozess auslösen, der zu mehr persönlicher Freiheit führt. „Viele trauen sich dann Dinge, die vorher für sie ausgeschlossen gewesen wären.“ So hält ein Wissenschaftler, der zuvor nur im Labor gearbeitet hat, heute Vorlesungen als Dozent.

AUF EINEN BLICK

Petra Nickel ist Kulturschaffende und Logopädin und u. a. auf Stottern spezialisiert. „Mein Stottern“ ist ihr Filmdebüt, daneben arbeitet sie an einem Film über die Soulszene. Birgit Gohlke hat in Wien Theaterwissenschaft studiert und immer in Bereichen gearbeitet, in denen sie sich viel mit Menschen austauschen musste. Für die gemeinsame Dokumentation „Mein Stottern“ konfrontiert sie sich mit anderen Stotternden und stellt sich ihrer eigenen Vergangenheit. Der Film hat nächste Woche Premiere und läuft ab 23. Februar im Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2018)

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