„Wir sind Roma – na und?“

Simonida Selimović lädt mit ihrer Schwester Sandra zum ersten Wiener Roma-Festival – samt ihrem Stück „Roma Armee“ aus dem Gorki-Theater.

Simonida Selimovi´c hat mit ihrer Schwester das Gedenk-Festival organisiert.
Simonida Selimovi´c hat mit ihrer Schwester das Gedenk-Festival organisiert.
Simonida Selimovi´c hat mit ihrer Schwester das Gedenk-Festival organisiert. – (c) Clemens Fabry

Roma betteln und stehlen, sind kriminell und haben kein Land“: So lauten die Klischees – nichts, worauf man im Normalfall stolz wäre. Das sei der Grund, sagt Simonida Selimović, „warum viele Roma bis heute negieren, dass sie Roma sind, weil sie sich schämen, und ihre Identität nicht preisgeben. Es gibt aber vieles in unserer Community, auf das man sehr wohl stolz sein kann.“ Dass sei einer der Gründe, weswegen sie sich für ein Festival entschlossen habe, „das gleich einmal vier Tage dauert“.

Die Schwestern Selimović sind ein Power-Duo, so unterschiedlich wie entschlossen. Im Vorjahr feierte im Maxim-Gorki-Theater in Berlin das Stück „Roma Armee“ Premiere, die Idee für das akklamierte Stück stammte von den beiden Schwestern, gemeinsam mit Regisseurin Yael Ronen und Roma-Schauspielern aus Serbien, Deutschland, dem Kosovo, Schweden oder Rumänien hatten sie das Projekt entwickelt – „übernational, divers, feministisch und queer“. Im Rahmen des neuen Festivals ist das Stück nun im Volkstheater zu Gast – ein Garant dafür, dass man sich jedenfalls nicht nur Folklore erwarten darf.

 

Ein temporäres Mahnmal

Wohl aber Geschichtsbewusstsein. 80 Jahre nach dem Anschluss soll das Festival auch als temporäres Mahnmal dienen. In Wien gebe es bisher nur kleine Erinnerungshinweise (etwa den Stein im Baranka-Park, wo der Verein Voice of Diversity seit zehn Jahren zu Gedenkveranstaltungen lädt), sagt Simonida Selimović, „aber nichts Zentrales, von dem sich alle Roma angesprochen fühlen und wo sie gedenken können. Wo man auf die Geschichte hinweisen und den Kindern etwas beibringen kann.“ Überhaupt gebe es zu wenig Information – was zu Fehlinterpretationen führe und es leicht mache, „uns in Schubladen zu stecken“.

Die Schubladen haben die Schwestern am eigenen Leib erlebt, und damit ist nicht nur der Ausdruck „Zigeuner“ gemeint, den Simonida unlängst in der Filiale eines Döblinger Biosupermarkts auf einem Dinkelaufstrich entdeckte („ein verletzendes Wort“, was sie den Betreibern auch mitgeteilt habe). Schon in Serbien, wo sie geboren wurde, habe die Kindergärtnerin sie „anders behandelt“, habe die Volksschullehrerin sie deutlich ungenierter gezüchtigt. „Als Kind checkt man nicht, was los ist, aber das war schon bezeichnend.“ In Wien, auf das sie sich gefreut hatte, riet ihr die Mutter dann, in der Schule nicht zu erwähnen, dass sie Romni sei. „Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Plötzlich habe ich dann auch angefangen, unsere Hautfarbe zu sehen.“ Prägende Emotionen seien das gewesen, mit denen sie lange nicht umzugehen wusste.

Ihren Ausdruck fanden die beiden Schwestern früh und trotz der Lebensumstände („Unsere Eltern haben nur darum gekämpft, Essen auf den Tisch zu stellen und Rechnungen zu begleichen“) im Theater. Als prägend erwiesen sich unter anderem zwei Freundinnen der Mutter, die den Kindern Bücher von Nöstlinger zu lesen gaben und ein Jugendtheater-Abo spendierten. In der Schule spielten die Schwestern „Shakespeare's Greatest Hits“: Simonida war Cleopatra, Sandra Richard III.

Schon vor Jahren gründeten die beiden den Theaterverein Romano Svato, „E Bistarde“ heißt nun das Festival: „Vergiss mein nicht“. Auch aus Selimovićs Familie wurden Mitglieder in der NS-Zeit ermordet, ihre Urgroßmutter trug die Tätowierung eines KZ. Ihre Mutter negiere die Toten heute noch. „Da gibt es eine große Scham.“ Auch genaue Zahlen über die Opfer gebe es nicht. „Sie hatten ja keine Papiere, viele wurden direkt vom Zug herunter umgebracht.“

Und auch dem Festival habe man wenig Verständnis entgegengebracht, sagt Simonida Selimović. Beim Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus seien sie ebenso abgeblitzt wie bei vielen Politikern; auch bei der Bewilligung des Festivals durch die Magistratsabteilungen erlebte Selimović Schikanen – „ich konnte es selbst kaum glauben“.

Schauplatz des Festivals ist vor allem Floridsdorf, wo der Ringelseeplatz bis in die Sechzigerjahre Treffpunkt für Roma, Sinti, Lovara und Jenische war. Dort liegt heute eine Sportstätte (deren Nutzung für das Festival nicht genehmigt wurde); stattdessen werden auf der Roma-Wiese Wohnwägen aufgestellt, die tagsüber als Ausstellung, abends als Bühne dienen; dazu kommt das Gasthaus Birner, einst Stammlokal vieler Roma und Sinti. In Summe solle die internationale Veranstaltung vor allem Mut machen: „Mut, zu sagen: Ja, wir sind Roma, na und?“

AUF EINEN BLICK

„E Bistarde – Vergiss mein nicht“ heißt das Festival, das von heute, 14. bis Sonntag, 17. Juni in Wien stattfindet. 80 Jahre nach dem Anschluss Österreichs soll damit der Opfer gedacht werden; gleichzeitig wird das 25-Jahr-Jubiläum der Anerkennung der Roma als Volksgruppe gefeiert, u. a. mit Theater, Musik und einem feministischen Panel zu Selbstrepräsentation und Zukunftsvisionen.

Web: www.romanosvato.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2018)

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