Desert-Rock in heißen Zeiten

Calexico aus Tucson, Arizona, überschreiten nicht nur im Süden der USA Grenzen: Ein Gespräch über Klima, Waffen und Reden mit dem Öl-Verfechter.

John Convertino (l.) und Joey Burns beim Gespräch. Am Donnerstag spielen sie bei der „Nacht gegen Armut“ in der Wiener Arena.
John Convertino (l.) und Joey Burns beim Gespräch. Am Donnerstag spielen sie bei der „Nacht gegen Armut“ in der Wiener Arena.
John Convertino (l.) und Joey Burns beim Gespräch. Am Donnerstag spielen sie bei der „Nacht gegen Armut“ in der Wiener Arena. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sie kommen aus Tucson, Arizona, singen über das Leben an der staubigen Grenze zu Mexiko, aber sie sind weltläufiger als wohl so einige Vertreter der Ost- oder Westküste. Man könnte mit ihnen die Frage „Riesling oder Veltliner“ diskutieren. Oder aber darüber, dass österreichische Weinbauern mit Tröpfchenbewässerung beginnen und spanische ihre Reben inzwischen in höheren, kühleren Regionen pflanzen.

An dem Tag, als Sänger Joey Burns in Arizona ins Flugzeug steigen wollte, um zur Aufnahme des neuen Albums nach Kalifornien zu fliegen, wurde der Flug storniert: Es sei zu heiß draußen, um abheben zu können. Der Klimawandel – er ist eines der Themen, die die „Tucson-Desert-Rock“-Band beschäftigen. Auch in Kalifornien, wo Burns aufgewachsen ist, ist er spürbar.

Für die Aufnahmen hatte sich die Band nördlich von San Francisco im Kühlen ein kleines Häuschen am Meer gemietet. Ein Mathematiker hatte es einst für seine Familie aus Teilen eines alten Piers selbst gebaut. Heute ist darin ein Studio untergebracht. Eines Tages, erzählt John Convertino, der zweite Kopf der Band, habe er einen Wal gesehen. „Das ist ein spirituelles Erlebnis, das jeder haben können sollte. Auch unsere Kinder.“

Auch Burns habe der Ozean inspiriert. Seine Kinder hatten ihm aufgetragen, vom Wasser glatt gespültes Glas mitzubringen. Eine alte Gitarre aus den Sechzigern, von der Frau des einstigen Besitzers, inspirierte ihn zum Song „The Town & Miss Lorraine“. In den Klippen habe er aber auch den Schutzraum gefunden, den hier jemand zu bauen begonnen hatte. Das habe ihn sehr an seine Kindheit in Südkalifornien erinnert, „an die Tage mit Smogalarm, als ich nicht draußen spielen durfte“, an die anhaltende Paranoia des Kalten Kriegs. „Das hat alles eine gewisse Stimmung ausgelöst.“

 

Zeit der Extreme

Im Opener des neuen Albums der Band singt Burns über „love in the age of the extremes“: Liebe im Zeitalter der Extreme. Auf dem Weg nach Europa sei sogar am Bahnhof eine Doku über schmelzende Gletscher beworben worden. „Gleichzeitig haben wir einen Anführer, der den Klimawandel negiert. Das ist doch wirklich ziemlich extrem.“

Wie auch die wiederkehrenden Schusswaffen-Massaker oder das Desaster rund um die Versuche der US-Regierung, das Thema Einwanderung direkt an der Grenze zu lösen. Convertino lebt selbst in der texanischen Grenzstadt El Paso, seine Frau unterrichtet an der Uni multikulturelle Erziehung. Ihre mexikanischen Studenten stauen sich dafür regelmäßig viele Stunden über die Grenze. Er sei mit einem Abgeordneten befreundet, erzählt Convertino, „der seinen Kollegen in Washington regelmäßig zeigt, dass die Grenze auch großartig ist.“

Auch mit Gabrielle Giffords sind Burns und Convertino gut bekannt – jener Abgeordneten, der 2011 von einem jungen Mann in den Kopf geschossen wurde. Heute engagiert sie sich für strengere Waffengesetze. Wichtig, finden die beiden, „als ein Aspekt eines größeren Ganzen.“ Angesichts der Nachrichtenlage würde man sich auch als Band fragen, ob „auf die Bühne zu gehen und die Leute zum Tanzen zu bringen, wirklich das ist, was wir tun sollen.“ Ihre Antwort fiel bisher zugunsten der Fans aus. „Es ist schließlich etwas Positives, und diese positive Energie ist Teil des Widerstands.“

Abgesehen davon laute ihre Strategie: Auch kleine Dinge helfen. „Alltägliche Dinge. Jemanden auf der Straße anzulächeln. Jemandem die Tür aufzuhalten kann vielleicht für jemanden den Tag verändern. Das Coole ist, dass man das gar nicht weiß.“ Sein Nachbar in Texas habe früher in der Ölindustrie gearbeitet, erzählt Convertino. „Er glaubt weiter ans Öl. Wir haben auf den Rauch der Raffinerie geschaut und ich habe ihn gefragt, ob Windräder nicht schöner wären. Wir hatten eine Basis, auf der wir reden können. Das hat sich gut angefühlt.“ In eine ähnliche Richtung deutet auch der Albumtitel „The Thread That Keeps Us“: Dass es einen unsichtbaren Strang gebe, der alle zusammenhält, „trotz der Dinge, die wir jeden Tag lesen.“

AUF EINEN BLICK

Calexico wurde Ende der 1990er von Joey Burns und John Convertino in Tucson, Arizona gegründet. Die beiden treten stets mit multikultureller Besetzung auf. Das neue Album „The Thread That Keeps Us“ erschien Anfang des Jahres. Am Donnerstag, 19. Juli, spielen sie in der Wiener Arena für die „Nacht gegen Armut“, davor spielen Erwin & Edwin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2018)

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