Ewan McGregor: „Halte nichts von Midlife-Crisis“

Im Kino ist Ewan McGregor derzeit in „Christopher Robin“ zu sehen, der Geschichte von Winnie Puh und seinem menschlichen Freund. Im Interview erzählt er von Selbstfindung mit Winnie Puh, Freiheit als Kind und späten Motorradtouren um die Welt.

Winnie Puuh verkörpert für Ewan McGregor das Leben im Augenblick. Dieses Bewusstsein hätten viele bitter nötig.
Winnie Puuh verkörpert für Ewan McGregor das Leben im Augenblick. Dieses Bewusstsein hätten viele bitter nötig.
Winnie Puuh verkörpert für Ewan McGregor das Leben im Augenblick. Dieses Bewusstsein hätten viele bitter nötig. – APA/AFP/VALERIE MACON

Aktuell macht Ewan McGregor eher durch sein turbulentes Familienleben Schlagzeilen. Aber beim Interview in London lässt sich der 47-Jährige nichts davon anmerken, er gibt sich aufgekratzt und erzählfreudig. Das mag am Anlass liegen, dem Film „Christopher Robin“.

Ist es für einen Briten vorstellbar, die Geschichten von Winnie Puuh nicht zu kennen?

Ewan McGregor: Nicht in meinem Fall. Diese Geschichten sind so sehr in meinem Bewusstsein verankert, dass ich gar nicht mehr weiß, wann ich sie zum ersten Mal gehört habe. Sie waren immer Teil meines Lebens. Zwangsläufig habe ich sie natürlich auch meinen eigenen Kindern vorgelesen.

In „Christopher Robin“ wird die küchenphilosophische Seite dieser Storys betont. Inwieweit hat sie aus Ihrer Sicht Relevanz?

Sie betont, wie du als Mensch dich selbst finden musst. Christopher Robin hat das nötig, er hat nicht die richtige Balance und den Schlüssel zum Glück gefunden. Winnie hilft ihm dabei. Er ist wie ein Haustier, das seinen Besitzer bedingungslos liebt. Je mehr ich über den Film nachdenke, desto klarer wird mir, dass der Bär das Leben im Augenblick verkörpert. Er sagt: Dein Leben passiert hier und jetzt. Dieses Bewusstsein haben viele von uns bitter nötig. Ständig hängen wir an Smartphones.

Sie auch?

Wie jeder. Ich habe deswegen kein schlechtes Gewissen, unser Leben ist nun mal so. Aber ich finde es nicht erstrebenswert. Auch wenn die Geschichten von Winnie in den 1930er-Jahren entstanden, ihre Ideen haben Gültigkeit.

Der Film handelt auch vom Ende der Kindheit. Was vermissen Sie von Ihrer?

Das Konzept von Zeit, beziehungsweise das fehlende Konzept. Ich verbrachte meine Sommer im Wald hinter meiner Heimatstadt Crieff in Schottland. Nach dem Frühstück stieg ich auf mein Rad, holte meinen Freund ab, dann stromerten wir durch den Wald, bis es dunkel wurde. Für meine Eltern war es völlig okay, es waren ja auch die friedlichen 70er. Der ganze Tag war mit Spielen erfüllt. Das kannst du dir nur als Kind leisten, du trägst keine Verantwortung.

Würden Sie sich das zurückwünschen?

In gewisser Weise ist meine Kindheit nicht vorbei. Es gibt Momente, da fühle ich mich daran erinnert. Auf meiner Motorradtour um die halbe Welt kam ich mit meinem Kumpel durch das Marschland von Sibirien. Das war im Sommer, und weil es im Norden war, wurde es nicht richtig dunkel. Wir blieben die ganze Nacht auf, warfen Steine und rissen dumme Witze – wie damals.

Sie machten diesen Trip in Ihrem 33. Lebensjahr. Warum nicht früher?

Als junger Mann hatte ich nicht das Verlangen, über meinen Tellerrand hinauszuschauen. Manche Leute gehen in ihren 20ern auf Backpacker-Touren, ich war damals einfach noch nicht dazu bereit. Als es dann so weit war, ließ ich mich durch nichts abbringen. Ich dachte: Ich kann jetzt meinen Ängsten nachgeben und nichts von der Welt sehen, oder losziehen und etwas erleben.

War das quasi eine verfrühte Midlife-Crisis?

Ich befinde mich in einer Midlife-Crisis, seit ich 19 bin. Nein, im Ernst. Ich glaube nicht an dieses Konzept. Das ist ein deplatziertes Etikett. Wenn jemand in seinen 40ern etwas machen will weil er immer davon träumte, dann soll er das tun. Das Leben ist kurz – fuck it, man soll nichts verpassen. Warum müssen wir uns darüber mokieren? Das macht doch nur Menschen glücklich.

Ihre Filmfigur muss Angestellte entlassen. Vor so etwas bleiben Sie also verschont.

Vor Jahren habe ich ein Kindermädchen gefeuert, weil es Pillen schluckte. Da habe ich nicht mit der Wimper gezuckt. Anders wäre es, wenn ich jetzt einen Kollegen entlassen müsste, das wäre schwer. Aber als Schauspieler hast du ja in der Regel keine Angestellten.

In Ihren Rollen geht es nun wieder ernster zu – Sie spielen „Dr. Sleep“ in der „Shining“-Fortsetzung. Entscheiden Sie für so etwas nach Kriterien wie bei „Christopher Robin“?

Ich habe kein System. Auf jeden Fall möchte nichts machen, was sich wie eine Wiederholung anfühlt. Mir ist es dabei gleich, was das für ein Film ist, solange das Drehbuch mich packt.

Apropos „schaffen“: Die Philosophie von Winnie Puuh ist es, durch Nichtstun etwas zu erreichen. Ist Ihnen das auch gelungen?

Oh ja. Beim Nichtstun finde ich meinen inneren Frieden.

Steckbrief

Ewan McGregor wurde 1971 in Perth, Schottland, geboren. Bekannt wurde der Schauspieler, Sänger und Regisseur durch „Trainspotting“, darauf folgten Rollen in „Lebe lieber ungewöhnlich“, „Star Wars“ (Episode I bis III) oder „Black Hawk Down“.

Aktuell ist McGregor in „Christopher Robin“ im Kino zu sehen. Außerdem ist McGregor, er ist Vater von vier Kindern, zuletzt wegen der Trennung von seiner Frau im Vorjahr in die Schlagzeilen geraten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2018)

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