Der Club der russischen Gentlemen

Vier Wiener Musiker singen Lieder aus der Sowjetunion ihrer Kindheit. Jetzt hat der Russian Gentlemen Club sein erstes Album präsentiert.

Vier Sowjet-Wiener: Alexander Shevchenko (l.), Aliosha Biz (vorne), Georgij Makazaria (hinten) und Roman Grinberg (r.).
Vier Sowjet-Wiener: Alexander Shevchenko (l.), Aliosha Biz (vorne), Georgij Makazaria (hinten) und Roman Grinberg (r.).
Vier Sowjet-Wiener: Alexander Shevchenko (l.), Aliosha Biz (vorne), Georgij Makazaria (hinten) und Roman Grinberg (r.). – (C) RGC

An einem Tag des Jahres 1989, um 12 Uhr 12, kam Aliosha Biz am Wiener Südbahnhof an. Er hielt es für eine Zwischenstation. „Kein Russe, der etwas auf sich hielt, hätte als Endziel Österreich gewählt.“ Doch dann trank er das erste Bier, „und die Stadt sagte zu mir: komm!“

In der Tasche hatte Biz zwei Telefonnummern für Übernachtungsmöglichkeiten, „aber es war Juli, alle waren weg.“ Die ersten zwei Nächte übernachtete er im Warteraum am Südbahnhof, tagsüber spielte er in der Kärntnerstraße seine Geige. Plötzlich bremste neben ihm ein Radfahrer, erkundigte sich nach seiner Herkunft („Moskau“), seiner Tätigkeit („derweil noch nichts“) und seinem Wohnort („derweil noch nirgendwo“).

Daraufhin gab ihm der Unbekannte, der sich als Hans Tschiritsch entpuppen sollte, eine Adresse, Leopoldsgasse 51, „da kannst du wohnen, und übrigens, ich brauch dich morgen im Studio als Geiger.“ Wer, fragt Aliosha Biz rhetorisch im Rückblick, bekomme schon an einem Tag eine Gratiswohnmöglichkeit und einen Plattenvertrag? „Wer da die Stadt undankbar verlassen würde, wäre ein Vollidiot.“ So blieb er und baute sich mit Dobrek Bistro ein musikalisches Leben auf. So wie der im gleichen Jahr gelandete Georgij Makazaria mit Russkaja oder Roman Grinberg, schon seit den Siebzigern hier, mit seiner Expertise für jüdische Musik. Akkordeonspieler Alexander Shevchenko kam als letzter, 1999, als der Umbruch schon abgeschlossen war. „Wir haben alle Zeitschichten erlebt“, so Biz. „Jeder hat ein Stück Heimat mit sich mitgebracht und dieses Stück ist jeweils unterschiedlich groß.“

In jedem Fall hat dieses Stück Heimat viel mit der Musik der Sowjetunion zu tun. „Um das Volk ruhig zu stellen, gab es unendlich viele Musiksendungen im Fernsehen“, sagt Grinberg. Tag des Lehrers, Tag des Fallschirmspringers, alles wurde mit Musik gefeiert. Es sei denn auch eher die Sehnsucht nach der Kindheit, die er mit der Musik verbinde, als jene nach einem Land mit vergifteter Luft und geringer Lebenserwartung. Biz sieht die Sache sanfter, seine Nostalgie gilt dem damaligen Zusammenhalt. Auf Russisch gebe es ein eigenes Wort dafür, „wenn jeder jeden unterstützt.“

Megaproduktion und Nervenkitzel

Ein wenig Pathos und Klischee dürfen neben dem Humor jedenfalls mitschwingen, wenn sich die vier Musiker zum Russian Gentlemen Club zusammenfinden. Selbiger existiert seit vier Jahren, tritt seither immer öfter in Erscheinung und hat nun, auf Nachfrage der Fans, ein Album vorgelegt, per Crowdfunding finanziert und vorausschauend mit „I“ betitelt, was ein zweites und drittes wahrscheinlich macht.

„Wir sind ins Studio gegangen und haben gedacht, wir spielen das an einem Tag live ein“, erzählt Russkaja-Sänger Makazaria nach der Erstpräsentation bei belegten Broten auf einer Bierbank hinterm Theater am Spittelberg. Tatsächlich sei das Projekt in eine „Megaproduktion“ ausgeartet. Am Ende gab es noch ein wenig Nervenkitzel, als am Tag vor der Präsentation nur die Vinylscheiben eintrudelten, die gepressten CDs lagen immer noch beim Hersteller in Tirol. Für das nötige Telefonat, so Biz, habe man Anleihen bei einem russischen Inkassobüro genommen. Da gilt dann das gleiche wie für die Musik: Man müsse nicht Russisch sprechen, um es zu verstehen.

AUF EINEN BLICK

Der Russian Gentlemen Club sind Georgij Makazaria, Roman Grinberg, Aliosha Biz und Alexander Shevchenko. Geboren in Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, singen sie russische Lieder vom Singer-Songwriter-Stück bis zur Romanze. Termine z. B. 22. 9., Innsbruck, 4. 10. Mödling, 4. 12. Wien (Metropol, Russian Groovy Christmas Show), 22. 3. 2019 Wien Musikverein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Der Club der russischen Gentlemen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.