Frei dank Stoff und Tomatensauce: Die Schwimmerinnen von Sansibar

World Press Photo. Anna Boyiazis über die Geschichte hinter ihren siegreichen Bildern – und wie sie sich selbst erst spät erlaubte, Fotografin zu werden.

Dokumentarfotografin Anna Boyiazis mag vor allem das Bild rechts hinter ihr.
Dokumentarfotografin Anna Boyiazis mag vor allem das Bild rechts hinter ihr.
Dokumentarfotografin Anna Boyiazis mag vor allem das Bild rechts hinter ihr. – (c) Michèle Pauty

Das Bild, das um die Welt ging – Anna Boyiazis hatte es übersehen, hatte andere ausgesucht, wollte sie in Schwarz-Weiß veröffentlichen. Dann stöberte sie ein letztes Mal durch die Fotos und blieb selbst hängen: an den jungen Frauen in orangen Gewändern, die in türkisblauem Wasser schweben, leicht gehalten von einem weißen Kanister mit rotem Verschluss.

Tomatensauce-Behälter, sagt Anna Boyiazis, und eigentlich habe sie dem Bild mit den improvisierten Schwimmhilfen nie viel Aufmerksamkeit geschenkt, „weil ich Plastik einfach nicht mag“. Und doch ist das ruhige Bild mit den starken Farben nun ihr Favorit in jener Fotostory, mit der sie beim World-Press-Photo-Wettbewerb einen zweiten Preis gewann.

Als sie das erste Mal nach Sansibar kam, berichtet die Amerikanerin bei ihrem Wien-Besuch anlässlich der Ausstellungseröffnung, habe man ihr gesagt, dass Mädchen nicht schwimmen. „Dieses schon“, antwortete sie, und meinte sich selbst. Wenig später berichtete ihr eine befreundete Autorin, dass auf Sansibar erstmals Mädchen in den Schwimmkurs durften. Ab da wusste die Fotografin, die das Wasser liebt und sich den Menschenrechten verschrieben hat, dass sie das fotografieren wolle. „Ich wusste nicht, ob es außer mir irgendjemanden interessieren würde, aber ich wollte es unbedingt tun.“ Zwei Monate lang kämpfte sie um die Erlaubnis.

 

Pragmatischer Zugang

Auf Sansibar spielt sich das tägliche Leben am Meer ab, aber die konservativ-islamische Kultur und das Fehlen sittsamer Bademode würden verhindern, dass Mädchen schwimmen lernen. Seit einigen Jahren ermöglicht ihnen das „Panje“-Projekt nun Unterricht. Der Hintergrund ist ernst: Ertrinken ist eine häufige Todesursache; in den Kursen lernen die Frauen auch, wie man überlebt, nachdem ein Boot oder Schiff gekentert ist.

Der Zugang ist ein pragmatischer. „Ganzkörper-Schwimmanzüge mögen als Unterdrückung gesehen werden“, sagt Boyiazis, „aber eine lebenswichtige Fähigkeit zu erlernen, die sonst verboten wäre, ist ein wichtiger erster Schritt in Richtung Emanzipation.“ Zu erwarten, „dass Frauen ihre Verhüllung ablegen und plötzlich Stringtanga tragen, ist einfach nicht realistisch.“ Um zu fotografieren, musste auch sie sich verhüllen, trug Laufhosen und ein Kapuzenshirt überm Bikini.

Ihre Begeisterung für Fotografie entdeckte die Kalifornierin früh. In einem Auslandsjahr in England bereiste sie Europa und hatte das Bedürfnis, das, was sie sah – die Berliner Mauer, das Anne-Frank-Haus – den Daheimgebliebenen in Bildern zu erzählen. Um einen „richtigen“ Job zu haben, wurde die Yale-Absolventin dennoch Designerin, arbeitete für Architekten an Kunstbüchern, „immer wissend, dass ich irgendwann zur Fotografie wechseln würde. Ich wartete nur darauf, dass irgendwann grünes Licht aufleuchten würde.“

Als ihre Mutter die Diagnose Brustkrebs bekam, wurde ihr klar, „dass das Leben kurz ist und wir nur eine Chance bekommen“. So habe sie beschlossen, „einfach selbst das grüne Licht anzudrehen“. Zwei Jahre lang brachte sie sich das Fotografieren bei, heimlich, „damit mir niemand meinen Traum kaputt macht“. Als sie schließlich mit knapp 40 damit herausrückte, war niemand wirklich überrascht.

Ihr erstes Projekt führte sie nach Uganda: Im Epizentrum der Aids-Pandemie begleitete sie eine Gruppe von Aids-Waisen zehn Jahre lang. Ein Projekt, das nie wirklich abgeschlossen sein wird. „Dazu sind sie mir zu sehr ans Herz gewachsen.“

AUF EINEN BLICK

Anna Boyiazis (51) wuchs als Nachfahrin griechischer Einwanderer im südlichen Kalifornien auf. Sie studierte an der UCLA und in Yale und arbeitete zunächst als Buchdesignerin vor allem für Architekten. 2006 begann sie ihre Karriere als Fotografin. Mit ihrer Serie „Finding Freedom in the Water“ gewann sie beim World Press Photo Award den zweiten Preis in der Kategorie Menschen. Am Dienstag hält sie um 19 Uhr einen Vortrag in der Galerie Westlicht. Die World Press Photos 2018 sind dort bis 21. Oktober zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2018)

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