Rebensaft wie aus der Bibel: Arbeiter im Weinberg des Herrn

Der Winzer Christian Grassl macht mit dem Weinexperten Sepp Baldrian Wein, wie er in der Bibel steht. Maulbeerbäume inklusive.

Christian und Maria Grassl auf ihrem Weingut in in Göttlesbrunn.
Christian und Maria Grassl auf ihrem Weingut in in Göttlesbrunn.
Christian und Maria Grassl auf ihrem Weingut in in Göttlesbrunn. – (c) © Adrian Almasan | www.adrianal

Dieses Jahr hätte es höchstens ein Fingerhut voll Wein werden können: vielleicht 15 Kilo Trauben haben die 700 Weinstöcke abgeworfen, die Christian und Maria Grassl im April gesetzt haben. Und die man auf den ersten Blick gar nicht wirklich erkennt, wenn man im Weinberg in Göttlesbrunn ankommt: Jeder der kleinen Stöcke steht nämlich neben einem ungleich größeren Maulbeersetzling.

Die Kombination aus Wein und Maulbeerbäumen – die den Reben später einmal als Rankhilfe dienen sollen – ist nicht neu. Im Gegenteil: Sie ist schon in der Bibel beschrieben, so wie dort auch viele andere Informationen darüber zu finden sind, wie vor 2000 oder mehr Jahren Wein gemacht wurde. Genau so soll es jetzt auf ein paar Zeilen im Weingarten auch am Nepomukhof laufen.

Wein, wie er in der Bibel steht: Den Anstoß zu dem Projekt, das als weltweit einzigartig bezeichnet wird – jedenfalls weiß man von niemandem sonst, der so etwas macht – gab den Grassls der befreundete Weinexperte Sepp Baldrian, der die Zeitschrift „Der Weinbau“ herausgibt. „Das Ziel des Bibelweingartens ist, den Wein genau so zu produzieren wie einst, als er Teil der Volksmedizin war“, sagt er. „Im Sinne des ganzheitlichen Nutzens des Weins.“

Null Chemie, null Zusatzstoffe

Ausgewählt haben Baldrian und Grassl daher auch eine Rebsorte, die seit 2700 Jahren angebaut wird: den Grünen Silvaner, der in Österreich eher in Vergessenheit geraten ist. Der Bibelwein soll mit null Chemie und null Zusatzstoffen auskommen. Für die Vergärung werden keine speziell gezüchteten Hefen verwendet, der Wein wird wie einst in Amphoren hergestellt. Was es für bibelgetreuen Wein sonst noch alles (nicht) braucht, ist in dem Buch nachzulesen, das der eigentliche Startpunkt für das Projekt war: „Zum Wein in der Bibel“, für das der Ökonom und Theologe Anton Burger die Rolle des Rebensafts in den Schriften analysiert hat – vom Alten Testament bis zu den Evangelisten. Etwa 650 Mal ist dort demnach vom Wein die Rede.

Gleichnisse wie die Hochzeit in Kana, wo Jesus Wasser in Wein verwandelt oder die Arbeiter im Weinberg („Die Letzten sollen die Ersten sein“) sind bekannt. „Die Bibel wurde vor dem Hintergrund einer Agrargesellschaft geschrieben“, sagt Burger. „Weinbau war alltäglich. So waren auch die Erzählungen sofort verständlich.“ Und nebenbei gibt die Bibel eben auch noch Auskunft über die Arbeit im Weingarten, das Weinmachen.

Dass der Bibelwein nun in Göttlesbrunn entsteht, ist kein Zufall. Neben der Freundschaft zwischen den Grassls und Baldrian gibt es eine historische Komponente – in der Gegend wurde von den Römern bereits im Jahr sechs nach Christus Wein kultiviert. Und eine klimatische: das pannonische Klima ähnelt laut Baldrian den Bedingungen im heutigen Israel. „Wir sind schon gläubig“, sagt Christian Grassl – übrigens einer von insgesamt vier Grassls im Ort – zur Motivation für das Projekt. „Aber der eigentliche Reiz an dem Bibelweingarten ist, etwas Neues und Einzigartiges zu machen.“ Das Zurück zur Natur, die Frage, wie man im Einklang mit der Natur arbeiten könne, sei spannend, sagt das Winzerpaar, das seinen Betrieb gerade auf bio umstellt.

Was aus den Reben an den Maulbeerbäumen wird, wird sich in zwei, drei Jahren zeigen. 1200 bis 1300 Liter Wein sollte der Bibelweingarten irgendwann hergeben. Wie der schmecken wird? Die Rebsorte sei leicht fruchtig, mit duftigen Noten, sagt Grassl. Ausbauen will er ihn eher leicht. Viel mehr kann aktuell auch noch nicht sagen.

Wenn es funktioniert, kann sich Grassl vorstellen, den Bibelweingarten zu erweitern. Dass der eine Pilgerstätte wird, erwartet er sich – trotz allerhand Segensgrüßen von Kirchenmännern – nicht. „Aber wie Burger schreibt, haben Leute früher im Weingarten ihren Frieden gefunden. Wenn es ein Platz wird, wo man seinen Gedanken nachhängen oder ins Reine finden kann, wäre das auch was Schönes.“

AUF EINEN BLICK

Winzer. Am Nepomukhof in Göttlesbrunn in Niederösterreich probieren Christian und Maria Grassl in ihrem kleinen Teil ihres Weingartens, Wein so zu produzieren, wie es in der Bibel beschrieben ist. Die beiden arbeiten mit dem Weinexperten Sepp Baldrian zusammen, dem Herausgeber der Zeitschrift „Der Weinbau“, von dem der Anstoß für das Projekt kam. Entstanden ist die Idee durch das Buch „Zum Wein in der Bibel“ von Anton Burger.

www.der-weinbau.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2018)

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