"Ich war stets Anti-Establishment": Bob Dylan interpretiert von Nabil

Alfred Goubran ist jetzt Nabil. Der Dichter und Sänger überrascht mit einem kantigen Coverversionenalbum namens „Relocated“.

Alfred Goubran (54): „Die sind alle allergisch auf das, was ich mache.
Alfred Goubran (54): „Die sind alle allergisch auf das, was ich mache.
Alfred Goubran (54): „Die sind alle allergisch auf das, was ich mache. – (c) Michele Pauty

Noch im Vorjahr hat er mit Pauken und Trompeten seine Musikkarriere ad acta gelegt. Jetzt ist er wieder da. Ein Marketinggag? „Überhaupt nicht. Ich habe einfach entdeckt, dass es noch ein paar Sachen gibt, die mich in der Musik interessieren.“ Sagt Alfred Goubran. Er nennt sich jetzt Nabil und überrascht mit rau gesungenen Coverversionen von Bob Dylan, Jacques Brel und Traffic.

Gesellschaftspolitisch scheint es allerdings derzeit ein eher ungünstiger Moment zu sein, sich auf die eigenen arabischen Wurzeln zu besinnen. Andererseits: Wann ist so etwas hierzulande schon günstig? „Es ist einfach mein zweiter Vorname“, erklärt Goubran, der zum Gespräch in ein bei Polizisten beliebtes Lokal namens Landsknecht geladen hat, den Namenswechsel.

„Mit den Jahren werden mir meine Wurzeln wichtiger. Mein Vater war ägyptischer Kopte, der fliehen musste, als Nasser an die Macht kam.“ Mit ihm lebte der in Graz geborene Goubran in der Nähe von Bochum. Als er dreieinhalb Jahre alt war, starb der Vater. Mit der Mutter ging es dann nach Kärnten.

Nach wilden Jugendjahren mit vielen Reisen und unterschiedlichsten Jobs gründete Goubran mit 29 Jahren die Edition Selene, einen Verlag für Kunst, Theorie und Literatur. „15 Jahre habe ich diesen Verlag gehabt. In dieser Zeit habe ich nichts von mir veröffentlicht. Als Verleger arbeitet man nur für andere, wenn man es ernst nimmt. Als dann die Sache mit dem Konkurs vorbei war, hab ich mir mit dem ersten Geld eine Gitarre gekauft. Dann sind meine Sachen gekommen. Literatur und Songs. Auf einmal war es mir möglich, aus mir herauszugehen.“

Künftig englische Texte

Außer Gedichten und Romanen veröffentlichte Goubran zwei CDs, bei denen er eigene Lyrik vertonte. Dichtung und Musik haben sich in der Zwischenzeit entkoppelt. „Das Musikalische ist mittlerweile ganz eigenständig. Im Oktober kommt ein Gedichtband, der gar nichts mehr mit Musik zu tun hat.“ Und das nächste Nabil-Album soll auch keines mehr mit Coverversionen sein.

Goubran wird dafür englischsprachige Texte verfassen. Die zehn hochmelodiösen Coverversionen, die er jetzt herausbringt, sind eine Art Horsd'œuvre. Der Musiker nimmt sich für alles viel Zeit. Für manche Dylan-Komposition brauchte er einige Jahre, um sie richtig spielen zu können. Er nimmt die Form und Funktion des Liedes ernst. „Wichtig ist, dass du etwas in die Anwesenheit holst, das vorher nicht da war. Etwas Gültiges.“

Goubrans Mitstreiter sind szenebekannt. Hannes Wirth, der Gitarrist von Ernst Molden, Bassist Stefan Deisenberger und Cellist Lukas Lauermann sind die bekanntesten Namen. „Jeder, in dessen Band der Hannes spielt, ist gut aufgehoben bei ihm. Er spielt meist im Hintergrund und hat dabei so eine Würde. Wenn Leute wie Primus Sitter, Lukas Lauermann oder Hannes Wirth mit mir spielen, dann weiß ich, dass das, was ich mache, ein gewisses Gewicht hat.“ Mit den Medien, die sich als Vertreter der Jugendkultur definieren, hat er nicht das beste Einvernehmen. „Die sind alle allergisch auf das, was ich mache. Es ist ja absurd, aber es fällt niemandem auf, dass FM4, der größte Alternativsender, ein Staatssender ist. Das stimmt mit meiner Definition von Anti-Establishment nicht überein.“

„Ich gehe selten auf Konzerte“

Ein Highlight auf dem Debütalbum von Nabil ist eine nervenzerfetzende Version von Jacques Brels „Port of Amsterdam“, das einst auch David Bowie grandios interpretiert hat. Wie sehr hat er sich in Brel eingehört? „Schon ziemlich, obwohl meine Französischkenntnisse verbesserungsfähig sind. Das Glück bei Brel ist, dass er ein Poet ist. Für Österreich hat ja André Heller sowohl das Wort ,Poet‘ als auch das Wort ,Chansonnier‘ ruiniert. Nach Heller konnte sich hierzulande niemand mehr ernstlich selbst so bezeichnen“, grantelt er. Dabei ist Goubran sowieso auf das eigene Tun fixiert. „Ich gehe selten auf Konzerte, weil das meiste, was sich auf Bühnen abspielt, Repräsentation ist. Ich probiere live stets neue Dinge aus. Das bloße Runterspielen interessiert mich nicht.“

AUF EINEN BLICK

Künstler: Alfred Goubran alias Nabil.

Werk: Album „Relocated“, Nabil. Gedichtband „Technische Tiere“, Limbus Lyrik.

Konzerte: 5.10., Nabil & Friends, Klagenfurt, New Amsterdam Bar, 27.10., Dylan-Tribute, Lesung und Konzert, Bochum.

Österreich-Tournee im November und Dezember mit Jazzband (Primus Sitter, Marc Abrams, Daniel Aebi), unter anderem am 10.12. im Jazzland.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2018)

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