Neues Orchester in Wien: Es braucht Mut zur Normalität

Philharmoniker Norbert Täubl hat mit Rémy Ballot das Klangkollektiv gegründet. Warum es das noch braucht – und was die Musiker anders machen.

Vor dem Konzerthaus: Orchestergründer Norbert Täubl (l.) und Dirigent Rémy Ballot.
Vor dem Konzerthaus: Orchestergründer Norbert Täubl (l.) und Dirigent Rémy Ballot.
Vor dem Konzerthaus: Orchestergründer Norbert Täubl (l.) und Dirigent Rémy Ballot. – (c) Akos Burg

Gegen Ende der Unterhaltung kommt die Leidenschaft dann so richtig durch, als Norbert Täubl und Rémy Ballot minutenlang über die Perfektion in der Musik von Mozart, Haydn, Schubert sprechen – als Nichtmusikerin steigt man da zwischendurch etwas aus. „Die haben das einfach total beherrscht“, sagt Ballot in Variationen mehr als einmal, darauf Täubl: „Das ist auch nach 40 Jahren so frisch wie beim ersten Mal.“

Der Klarinettist, der seit 1980 Mitglied der Wiener Philharmoniker ist, und der französische Dirigent, der wegen der Musik vor über zehn Jahren nach Wien kam, haben denn auch ein gemeinsames Projekt gestartet, das sich speziell der Musik rund um die Wiener Klassik widmet: das Klangkollektiv, ein neues Orchester, das – mit Werken von Joseph Haydn und vor allem Franz Schubert – am Mittwoch im Wiener Konzerthaus sein Gründungskonzert spielt (siehe Faktenkasten unten).

Aber braucht Wien eigentlich noch ein neues klassisches Orchester? „Braucht Wien Musik?“, gibt Täubl die Frage zurück. Seiner Meinung nach also: ja. Außerdem sei das Klangkollektiv nicht ganz neu, sondern eine 40-köpfige Formation, die zu 80 Prozent aus Musikern in den bestehenden großen Orchestern der Stadt besteht, vom Volksopernorchester über die Symphoniker bis zu den Philharmonikern. „Ich bin der Opa in dem Haufen“, sagt Täubl (61).

Die Musik nicht sezieren

Mit dem Pariser Ballot (41), der bei dem Dirigenten Sergiu Celibidache („der Antipode zu Karajan“) studierte, kam Täubl bei einer Bruckner-Aufnahme zusammen, dann suchte er ein Jahr lang Leute. Im März nahm die Formation eine Platte auf. „Es gibt keine Eitelkeiten bei uns“, sagt der Dirigent über die Besonderheit des Kollektivs. „Man möchte der Musik dienen.“ Und dann schmunzelt er: „Viele sagen das – aber bei uns ist es anders.“

Das neue Orchester eint demnach vor allem eine Sache: die Liebe zur Wiener Klassik. „Was aus 40 Jahren Symphonikern bei mir hängen geblieben ist, ist das“, sagt Orchestergründer Täubl. Er wollte ein Ensemble gründen, das das Hauptaugenmerk auf diese Musik legt. „Im normalen Konzertbetrieb vermissen wir das.“ Sie wird immer stärker in Spezialensembles ausgelagert. „Wir wollen das in den Mittelpunkt stellen. Und wir wollen es auch nicht sezieren, sondern uns auf die Musik konzentrieren.“

Das bedeutet etwa, sich nicht – wie zahlreiche Formationen – dem (angeblichen) Originalklang anzunähern. Täubl spricht von einem natürlichen Zugang, davon, diese Musik nicht erklärend zu spielen, sondern so, dass der Zuhörer sie schon beim ersten Mal genießen könne. Mainstream sei derzeit, mit Extremen aufzufallen, sagt der Orchestergründer. „Was mir fehlt, ist der Mut zur Normalität.“

Auch andere Dinge will das Klangkollektiv anders machen: So will das Orchester, derzeit angesiedelt im Loreleysaal in Wien Penzing, auch an ungewöhnlichen Orten spielen (die man noch nicht verraten will) und in der Vorstadt, von Ottakring bis zur Seestadt. Außerdem soll es etwas legerer zugehen. Mascherln und Roben werden die Musiker nicht tragen. Ein Sakko wird beim Konzert maximal Ballot anziehen, der schmunzelt: Ohne Sakko zu dirigieren schaue seltsam aus aus.

150 Gratiskarten für Konzert

Und man will ein breiteres Publikum erreichen. „Wenn die Zeitgeistorchester für die Intellektuellen sind und die Philharmoniker für die Besitzenden, dann wollen wir das Orchester für alle anderen sein“, sagt Täubl. Mithilfe einer Crowdfundingkampagne will das Klangkollektiv beim Gründungskonzert 150 Karten für sozial Bedürftige zur Verfügung stellen. Eine Idee, die man auch bei den zukünftigen Konzerten – vielleicht zwei, drei, vier pro Saison – verfolgen will.

Musikalisch steht dabei vorerst weiterhin Franz Schubert im Mittelpunkt, sagt Täubl: Weil sich das Orchester sehr auf die Musik dieser Stadt beziehe – und er wohl der Komponist der Wiener Klassik ist, der wirklich ein echter Wiener sei.

Auf einen Blick

Das Klangkollektiv ist ein neues Orchester mit rund 40 Musikern. Gegründet hat die Formation, die sich auf die Musik rund um die Wiener Klassik spezialisiert, Norbert Täubl, Klarinettist bei den Philharmonikern, mit dem französischen Dirigenten Rémy Ballot. Am Mittwoch um 19.30 Uhr gibt sie ihr Gründungskonzert im Wiener Konzerthaus, mit Werken von Joseph Haydn und Franz Schubert; zuvor gibt es um 18.15 noch einen Einführungsvortrag. Alle Programme soll es auf CD geben, die erste wurde schon im Frühjahr aufgenommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2018)

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