Pernille Fischer Christensen: „Sie war anders als alle anderen“

Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen darüber, warum sie ausgerechnet die Jugend von Astrid Lindgren verfilmt hat, warum die Schriftstellerin eine große Philosophin war – und was sie zur #MeToo-Debatte gesagt hätte.

„Mutterschaft ist doch kein Randthema“, sagt Regisseurin Fischer Christensen über die Kritik eines potenziellen Financiers. „Das ist etwas so unglaublich Wesentliches.“
„Mutterschaft ist doch kein Randthema“, sagt Regisseurin Fischer Christensen über die Kritik eines potenziellen Financiers. „Das ist etwas so unglaublich Wesentliches.“
„Mutterschaft ist doch kein Randthema“, sagt Regisseurin Fischer Christensen über die Kritik eines potenziellen Financiers. „Das ist etwas so unglaublich Wesentliches.“ – (c) Getty Images (Ian Gavan)

Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, Ronja Räubertochter: Wie schlug das Herz, das diese Figuren erschaffen hat? Woher nahm Astrid Lindgren die Tiefe an Gefühlen, die ihre Geschichten so allgemeingültig und doch unvergleichlich machen? Regisseurin Pernille Fischer Christensen machte sich auf Spurensuche und entdeckte eine junge Frau, die sich ihr selbstbestimmtes Leben erkämpfen musste. Die Hauptrolle in „Astrid“ spielt übrigens Alba August, hochbegabte Tochter der dänischen Filmemacher Bille und Pernilla August.

 

Warum haben Sie sich bei Ihrem Film ausgerechnet für diese Phase in Astrid Lindgrens Leben entschieden?

Pernille Fischer Christensen: Astrid Lindgren ist bis heute eine der wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten in meinem Leben, ich bin mit ihren Büchern aufgewachsen. Und eines Tages sah ich in einer Zeitschrift ein Bild von ihr, da war sie Anfang 20, und sie hält ihren kleinen Sohn an der Hand. Unter dem Bild steht: „Astrid Lindgren und der kleine Lasse am Boulevard der Hoffnung.“ Diese Straße ist aber in Kopenhagen, nicht in ihrer Heimat Schweden. Und das fand ich interessant – warum war sie da in Dänemark?

Und dann haben Sie nachgeforscht?

Genau. Ich bin auf so vieles gestoßen, was ich vorher nicht wusste. Astrid Lindgren ist ja mit 19 Jahren von einem verheirateten Mann schwanger geworden. Sie hat das Kind in Kopenhagen zur Welt gebracht, weil es nur hier legal möglich war, den Vater nicht offiziell anzugeben. Und weil sie nicht selbst für Lasse sorgen konnte – sie musste ja Geld verdienen –, lebte er bis zu seinem fünften Lebensjahr in Kopenhagen bei einer Pflegemutter.

 

Wie, glauben Sie, hat die Trennung von ihrem Sohn sich auf sie ausgewirkt?

Sie hat sehr darunter gelitten. Wenn Sie ihre Bücher lesen, dann zieht sich durch viele ein großes Thema: Trennung. Es gibt so viele Buben in ihren Büchern, die nicht mit ihren Eltern zusammen sind. „Mio, mein Mio“, „Die Brüder Löwenherz“ . . . Sie hat selbst von sich gesagt: „Wenn das mit Lasse nicht passiert wäre, wäre ich vielleicht auch Schriftstellerin geworden, aber sicher keine weltbekannte.“ Obwohl ich durchaus der Meinung bin, dass sie eine geborene Künstlerin war. Sie war Pippi Langstrumpf in der kleinhäuslerischen Welt, in der sie aufgewachsen ist. Sie war anders als alle anderen.

 

War das auch etwas, was Sie hervorheben wollten? Dass sie eine Art Rebellin war?

Ja, in meinem Film geht es stark um Freiheit. Um die Freiheit des Geistes und der Seele und darum, welche Konsequenzen Freiheit hat. Astrid Lindgren war eine große Philosophin, sie behandelt die ganz großen Themen im Leben mit einer sehr verständlichen Sprache. Und ihre Message ist gerade heute wieder extrem wichtig, inmitten der ständigen Angstmache um uns herum.

 

Wendet sich Ihr Film besonders an Frauen?

Nein, überhaupt nicht. Ich mag es generell nicht so, wenn man sagt: „Frauen sind so und Männer sind so.“ Es war mir auch wichtig, dass ich die Männerfiguren nicht eindimensional darstelle. Der Vater ihres Kindes ist nicht einfach nur ein verheiratetes Arschloch, er ist vielschichtiger gezeichnet.

Dieser Film ist die Geschichte einer Frau, inszeniert von einer Frau. Hat es das schwieriger gemacht, ihn zu finanzieren?

Ja, schon. Ich habe schon ein paarmal die Geschichte erzählt, wie ich an einen potenziellen Geldgeber herangetreten bin, der zu mir gesagt hat: „Ich bitte Sie – wie soll denn ein Film über Mutterschaft erfolgreich sein?“ Man hört schon oft seltsame Sachen, wenn man Filme macht wie ich. Ich meine, Mutterschaft ist doch kein Randthema, Mutterschaft ist etwas so unglaublich Wesentliches, das doch buchstäblich das Leben jedes Menschen betrifft!

 

Entmutigen Sie solche Reaktionen?

Ich mache weiter damit, die Themen zu verfilmen, die ich für relevant halte. Und wir wissen so wenig über die Geschichte aus weiblicher Sicht. Viel weniger, als wir glauben. Das gehört nicht zu unserer Schulbildung – ich hoffe, das ändert sich mit unseren Kindern.

 

Astrid Lindgren war immer eine Persönlichkeit mit einer starken Meinung, mit der sie nie hinter dem Berg gehalten hat. Was, glauben Sie, hätte sie zu #MeToo gesagt?

Nun, sie hat Pippi erfunden, was würde Pippi sagen? „Nimm deine Hände weg von mir, du Arsch!“

Steckbrief

1969 wurde Pernille Fischer Christensen in Kopenhagen geboren.

Mit 20 Jahren wurde sie die Assistentin von Tómas Gislason, einem engen Freund von Lars von Trier.

1999 drehte sie als Abschlussarbeit für die Filmschule das Drama „Indien“, das in Cannes ausgezeich-net wurde.

2006 gewann sie mit „En Soap“ bei der Berlinale den silbernen Bären, 2010 lief dort „Eine Familie“.

Ihr Partner – beruflich und privat – ist der Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2018)

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