Großbürgertum: Die "zweite Gesellschaft"

Das Großbürgertum war einst das Rückgrat des gebildeten Wien. Bis zum Ende der Monarchie und dem Holocaust. Wer überlebte, zog sich ins Private zurück. Jetzt erst tritt dieser Stand wieder stärker vor den Vorhang.

Grossbuergertum zweite Gesellschaft
Grossbuergertum zweite Gesellschaft
Thonet – (c) Bruckberger

Kommen Sie bitte herein, der Herr Doktor ist im Salon.“ Ein Besuch bei Heinrich Treichl ist eine gediegene Sache. Die Haushälterin bittet einen ins Stadthaus, durch einen langen Flur gelangt man in einen Raum voller Gemälde. Und die hängen dort nicht nur zu Dekorationszwecken. Heinrich Treichl kennt die Geschichte jedes einzelnen. Genauso wie er all die Bücher gelesen hat, die sich in seiner Bibliothek bis zur Decke türmen. Bis heute abonniert er zudem nicht nur zahlreiche internationale Zeitungen und Zeitschriften, sondern konsumiert sie auch.

Heinrich Treichl (96) ist der Inbegriff des „Grandseigneur“, des Großbürgers, wie er einst das Leben in Wien entscheidend geprägt und gestaltet hat: wirtschaftlich unabhängig, einflussreich, familienorientiert, weltgewandt, bildungsbewusst. Und auch im hohen Alter noch nicht sonderlich gewillt, seine Zeit zu verschwenden. „Was verstehen Sie denn eigentlich unter einem Großbürger?“, fragt er. Ein kleiner Test. Ob man ihn bestanden hat, bleibt allerdings Treichls Geheimnis. Etwas anderes würde seine Höflichkeit nicht zulassen.

Viele Menschen von der Art eines Heinrich Treichl, einst Generaldirektor der Creditanstalt, Vater von Erste-Generaldirektor Andreas Treichl, verbunden durch Abstammung und Heirat mit Namen wie Ferstel und Ullstein, gibt es in Wien allerdings heute nicht mehr. „Singuläre individuelle Gestalten“, wie sie die Historikerin und Bürgertumsforscherin Marie-Theres Arnbom nennt. Und vor allem solche, die auch bereit sind, vor den Vorhang zu treten und damit das Image des Großbürgertums wieder so mitzubestimmen, wie ihre Familien es einst zu Beginn des 20. Jahrhunderts getan haben. Als die Großadeligen als Mäzene immer mehr in den Hintergrund gerückt sind und das Großbürgertum dank seiner Wirtschaftsmacht im Rücken an ihre Stelle getreten ist.

„Vorhang“ ist das Stichwort für eine Frau, die moderne Wiener Großbürgerlichkeit nicht nur lebt, sondern sie auch als Lebensstilkonzept verkauft: Evamaria Thonet, Nachfahre der weltberühmten Möbelfabrikanten, und heute mit ihrem Einrichtungshaus Viktor Steinwender selbst in dieser Branche tätig. Thonet genoss eine „typisch großbürgerliche Erziehung, sehr altmodisch, sehr antiemanzipatorisch“, wie sie sagt: „Das hat mir natürlich immense Kraft gegeben.“

Im Salon mit Brot und Käse. Marie-Theres Arnbom, Jahrgang 1968, stammt ebenfalls aus einer großbürgerlichen Familie. Sie arbeitet nicht nur die Geschichte jüdischer Intellektueller und Großbürger auf; sie versucht auch, dieses Gedankengut selbst wiederzubeleben – etwa mit einem kleinen Salon, zu dem sie einmal im Monat an die 50 Gäste einlädt. „Da gibt's dann halt nur Brot, Käse und Wein, mehr nicht. Heute, wo viele Frauen arbeiten, hat ja kaum jemand noch die Zeit und die Nerven, sich um Gesellschaften zu kümmern. Und auch nicht das Personal.“

Marie-Theres Arnbom ist es dennoch wichtig, dass „die Leute wieder mehr zusammenkommen“. „Die Leute“ – das sind die Mitglieder im mittlerweile etwas diffusen Klub der Großbürger, der zuzeiten Stefan Zweigs oder Arthur Schnitzlers fixer Bestandteil des österreichischen Gesellschaftslebens war. Zur Mitgliedschaft berechtigt war der „Beamtenadel“ ebenso wie Unternehmer und Industrielle, Ärzte und Wissenschaftler. Zwar bezeichnete man sich selbst leicht abwertend als „die zweite Gesellschaft“ und grenzte sich damit vorauseilend gehorsam und obrigkeitstreu von Hof und Adel ab. Und dennoch: Bis zum Börsencrash 1929 funktionierte das Großbürgertum als wichtiger wirtschaftlicher und kultureller Motor.

Zum Selbstverständnis eines Großbürgers gehörte es nicht nur, Familiensinn zu pflegen, viele Kinder zu haben und diese anspruchsvoll auszubilden und streng zu erziehen, sondern auch, sich für das Allgemeinwohl zu engagieren: in Form von Wohltätigkeit und Mäzenatentum im weitesten Sinn. Großbürger waren nicht nur leidenschaftliche Konsumenten von Kultur, sie gestalteten diese auch in ihrem – oft sehr liberalen – Sinn. „Das Großbürgertum hatte immer großes Interesse an Design und war sehr modebewusst“, meint Thonet. Viele Architekten lebten von dem Mut großbürgerlicher Bauherren, etwas Neues auszuprobieren, zum Beispiel für die Sommerfrische. „Indirektes Sponsoring“ nennt Marie-Theres Arnbom diesen Trend des frühen 20. Jahrhunderts, der Attersee und der Wolfgangsee waren dafür besonders beliebte Spielwiesen. „Großbürgertum – das war einmal Avantgarde gepaart mit Reichtum. Leute, die sich getraut haben, sich von angesagten Künstlern ein ganzes Haus hinstellen zu lassen“, meint Evamaria Thonet.

Die Welt der Sicherheit. Getragen wurden diese Experimente nicht nur von der wirtschaftlichen Macht des Großbürgertums, sondern auch von dessen heute geradezu unvorstellbarem Glauben, dass die Gegenwart auch die Zukunft sein würde, wenn auch vielleicht mit kleinen Adaptionen. „Die Welt der Sicherheit“, nannte es Stefan Zweig in seinen Erinnerungen an die „Welt von Gestern“, „das rührende Vertrauen, sein Leben bis auf die letzte Lücke verpalisadieren zu können“.

Doch diese Palisaden erwiesen sich als morsch. Der erste entscheidende Einbruch kam mit dem Ende der Monarchie und der Reduktion Österreichs auf einen Kleinstaat; der zweite, noch viel brutalere, mit dem Beginn des Naziregimes. Dass sich das Großbürgertum nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Österreich öffentlich nicht mehr sichtbar etablierte, überrascht den Autor und Schauspieler Miguel Herz-Kestranek nicht. Seine Familie, vor 1938 Teil des klassischen jüdischen Großbürgertums, war von der nationalsozialistischen Verfolgung betroffen, sein Vater Stefan gelangte auf verschlungenen Pfaden bis Uruguay. „Nach 1945 hatte diese Gesellschaftsschicht einfach den Boden unter den Füßen verloren. Es gab keinen Platz mehr, wo man andocken konnte“, meint Herz-Kestranek.

Das galt sowohl politisch als auch wirtschaftlich und ideologisch. Das Großbürgertum fand sich in keiner der beiden Massenparteien wirklich wieder; eine geschlossene politische Macht waren die Großbürger auf Grund ihrer Heterogenität ohnedies nie gewesen – ein Grund, warum das liberale Gedankengut in Österreich nicht wirklich Fuß fassen konnte.

Wirtschaftlich kämpfte diese Schicht mit einem doppelten Handicap. Jüdische Flüchtlinge, die (trotz fehlender Ermunterung seitens der österreichischen Behörden) überlegten, in ihre alte Heimat zurückzukehren, taten sich sehr schwer, ihren Besitz wiederzubekommen. Die großen Industrien, die dem kleinen Österreich nach 1945 geblieben waren, wurden vielfach verstaatlicht, die private Unternehmerstruktur des Landes wandelte sich in eine von Klein- und Mittelbetrieben. Die verbliebenen „Großbürger“ hatten genug damit zu tun, ihren Besitzstand davor zu bewahren, immer weniger zu werden. Da verschwendete man nicht sehr viele Gedanken an aktuelle politische oder gesellschaftliche Entwicklungen – es sei denn, es waren nostalgische. Das öffentliche Engagement des Großbürgertums war aber ohnedies weder notwendig noch gewünscht, denn die Aufgaben, die früher vielfach Privatleute erfüllt hatten – vom Mäzenatentum bis zur Charity – wurden nach 1945 endgültig in die öffentliche Hand genommen. Dazu kam die Steuergesetzgebung, die Private bis vor Kurzem nicht gerade dazu einlud, für künstlerische oder wohltätige Zwecke in die Tasche zu greifen.

Keine echte Bürgergesellschaft. Ideologisch war das Konzept ebenfalls passé. Damals habe sich auch gezeigt, wie stark der Gedanke eines hierarchischen Staats Österreich im Griff hatte, meint Heinrich Treichl. „Eine echte Bürgergesellschaft, wie etwa in den USA, hat es bei uns nie gegeben“, sagt er. Oder eine überlebensfähige Monarchie wie in Großbritannien, die lernte, sich schmiegsam an alle Veränderungen anzupassen und eine zumindest scheinbar durchlässige Gesellschaft begünstigte, in der die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs immer einkalkuliert werden darf. Auch wenn dieser Aufstieg in Wahrheit eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Bestechung ist.

Das verbliebene österreichische Großbürgertum zog aus diesen geschichtlichen Entwicklungen die Konsequenzen – und sich zurück. Nicht zuletzt deshalb, weil man sich angefeindet fühlte – aus „klassenkämpferischen Gründen“, wie Herz-Kestranek meint: „Die Motive verstehe ich, aber man hat halt das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Früher war ,Großbürgertum‘ ein ganz normaler Terminus, der von allen Seiten wertfrei verwendet wurde. Dann wurde man eine ganze Zeit lang schief angeschaut, wenn man sich Großbürger nannte, ganz nach dem Motto:. Wer glaubst du denn, dass du bist“, sagt er. Evamaria Thonet sieht das ähnlich: „Bis heute schwingt da die altsozialistische Idee mit: Wir sind der Aufbruch, wir sind das Neue.“

Kleinlich findet sie das. Und dürfte damit in ihrer Schicht nicht allein stehen. Also blieb man unter sich, traf sich im Musikverein oder beim Techniker-Cercle, schickte die Kinder zu den Schotten, zu den Ursulinen, ins Theresianum oder in die Hofzeile. Und schaute vor allem auf seinesgleichen. „Mir wurde als CA-Generaldirektor immer wieder vorgeworfen, ich hätte aus den eigenen Kreisen rekrutiert“, erinnert sich Heinrich Treichl. „Dieser Vorwurf war auch nicht unberechtigt. Denn Leute mit gewissen Familientraditionen waren einfach eher bereit, gesellschaftliche und soziale Verpflichtungen zu erfüllen.“

Nachschub für diese Posten gab es. Das Wiener Großbürgertum hatte zwar die Reihen geschlossen und den Rückzug ins Private angetreten, doch an einem Prinzip hielten die „guten“ Familien fest, so gut es eben ging: an einer durchdachten Heiratspolitik. „Wir sind alle miteinander verwandt und wissen alles über alle“, meint Evamaria Thonet. Auch wessen Sohn oder Tochter gerade einen Job sucht.

Der EU-Effekt. Und so glaubt man auch zu wissen, dass das Großbürgertum hierzulande eine gewisse Renaissance erleben könnte. „Man gewinnt wieder mehr Selbstbewusstsein“, meint Thonet. Und traue sich auch wieder, dieses Lebensgefühl zu zeigen: „Es ist unglaublich, wie viele junge Leute sich wieder geschmackvoll und fantasievoll einrichten können.“ Zu verdanken habe man das unter anderem der Europäischen Union. „Wir sind hier in Österreich nicht mehr so abgeschnitten, die Jugend heute ist gut ausgebildet, geht ins Leben hinaus, geht in die Welt, und bringt von überall her etwas mit“, sagt Thonet. Und das sei gut so.

Keine Freude hat der Großbürger damit, als solcher bezeichnet zu werden. Wahrscheinlich erinnert der Terminus zu sehr an den „Kleinbürger“. Akzeptiert hingegen ist „Großbürgertum“ (international geläufig als „Haute bourgeoisie“).

Markenzeichen sind ein gewisses finanzielles Niveau, wirtschaftliche Unabhängigkeit, großes Augenmerk auf Bildung und Ausbildung der Kinder, Sinn für Familie und Traditionen, Weltgewandtheit, Internationalität.

Eine umsichtige Heiratspolitikhat das Großbürgertum schon immer für sehr wichtig gehalten. Daher sind viele „gute“ Familien auch durch verwandtschaftliche Bande verbunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2010)

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