Erika Pluhar: "Ein Woody Allen wär ich gern geworden"

Die Musikerin, Schauspielerin und Autorin Erika Pluhar hat in ihrem neuesten Roman "Spätes Tagebuch" viele autobiografische Erlebnisse verarbeitet.

Erika Pluhar Woody Allen
Erika Pluhar Woody Allen
Pluhar – (c) APA (Georg Hochmuth)

Haben Sie ein Exemplar der Jubiläumsnummer der „Presse am Sonntag“ ergattert?

Erika Pluhar: Die vom André Heller? Ja, hab' ich eine ergattert.

 

Und wie hat Ihnen die „Heller-Nummer“ gefallen?

Es ist eine Nummer, wie ich sie mir vorgestellt habe, weil ich ihn ja sehr gut kenne, mit seinen Vorlieben und Ambitionen. Aber er hat schon versucht, sie aus seinem ganz persönlichen Dunstkreis zu entfernen. Aber dann gibt es natürlich ein paar kulturelle Vorlieben, die ich nicht teile. Wir lieben einander sehr, vor allem nach dem Tod meiner Tochter sind wir einander ganz nahe gekommen, aber wir bewegen uns in verschiedenen Welten.

 

Wie meinen Sie das?

Kulturell gesehen. Er ist für mich doch gewissermaßen immer ein Lobbyist gewesen. Es gibt eine Kulturszene, mit Peymann, Scholten, Jelinek. So eine Kulturklüngelei. Gehört man da dazu, ist man beim Feuilleton absolut abgesichert. Ich war immer eine Einzelkämpferin, schon am Theater, bei der Musik, in der Literatur. Gerade beim Schreiben musste ich mich gegen die Feuilletonhäme durchsetzen. Und mein lieber Freund Heller bleibt halt ein bisschen in diesem Bereich.

 

Zur Zeit sind wieder einmal Ihre beiden Ehemänner Gesprächsthema.

Mein halbes Leben lang wurde ich immer wieder zu meinen Ehemännern befragt. Aber nachträglich muss ich auch sagen: Würde ich das bei einer anderen Frau wahrnehmen, dass sie gerade diese zwei sehr spektakulären österreichischen Männer geheiratet hat – es würde auch auf mich verblüffend wirken.

 

Aber Sie werden wohl auch deshalb immer wieder zu den beiden befragt, weil Sie immer bereitwillig Antwort geben.

Ich gebe auf alles gern Antwort, was mir plausibel erscheint. Was ich durch die Nähe zu diesen beiden Mannexemplaren erfahren habe: Ich bin gegen Macht und mediale Manipulation. Das habe ich bei beiden erlebt. Beide sind sie sich immer sehr bewusst gewesen, wie sie mit den Medien umgehen und sich mit den Mächtigen gut stellen. Deswegen bin ich sehr zurückhaltend mit politischen Äußerungen, aber wenn, dann tätige ich sie ohne Rücksicht auf Verluste. Ich schließe mich nicht gerne diesen allgemeinen Rundschreiben, Unterschriftenlisten und Kerzerln an. Ich mag's immer gern, wenn es pur ist.

 

Hat Ihnen Robert Dornhelms Film „Out of Control“ gefallen?

Ich fand ihn in Ordnung, sagen wir so. Es war zu sehr seine rabaukige Art im Vordergrund. Ich habe dem Udo schon damals immer gesagt, er soll doch nicht immer in den Medien herumbrüllen, dieses „Wir werden weiterkillen“. Was er aber meinte, nur nicht gut ausformulieren konnte: Die Menschheit wird sich bescheißen bis ans Ende ihres Existierens, und killen wird sie auch. Damit hat er ja nicht so unrecht. Ein paar Dinge im Film musste ich klarstellen. Das zersägte Ehebett, von dem Daphne Wagner (Prokschs zweite Ehefrau, Anm.)spricht, gab es nicht. Und an die Kiste mit den Fotos von Politikern, die er erpressen wollte, glaub ich einfach nicht.

 

Das klingt, als hätten Sie gewisse Ressentiments gegenüber Daphne Wagner?

Nein, überhaupt nicht. Ich war nur über ihre Aussagen erstaunt. Im Gegenteil. Ich hab sie damals sehr bewundert, dass sie den schwer alkoholkranken Mann geheiratet hat, und wir waren gemeinsam beim Begräbnis. Aber alle, die mich näher kennen, wissen, dass ich und eine Säge nicht zusammenpassen.

Ihr Enkel Ignaz hat Sie zur Premiere begleitet.

Der saß völlig geplättet neben mir, denn eigentlich ist dieser Udo ja sein Großvater. Meine Tochter war seine Mutter. Er wusste gar nicht viel. Er war ein einziges Mal mit der Anna im Gefängnis. Er gehört genau in die Generation, die vom Udo keine Ahnung mehr hat.

 

Was auffällt, Sie und viele Befragten in dem Film trauen Proksch dieses Verbrechen bis heute nicht zu, verklären seine Person.

Ich finde, dass er viel zu ungeschickt und viel zu patschert war, um so etwas Ausgefinkeltes durchzuziehen. Aber ich habe mich ganz bewusst mit dem Fall Lucona nicht bis ins letzte Detail auseinandergesetzt, denn er hatte meine Solidarität – ob schuldig oder unschuldig, damit musste er fertig werden. Er war der Vater meiner einzigen Tochter, und sie hat ihn heiß geliebt.

 

Hans Pretterebner, den Autor von „Der Fall Lucona“, mögen Sie nicht besonders, oder?

Das ist ein kleines Würschtl, das vom Udo nicht genug geliebt wurde. Der war eine Laus in Udos Pelz und lebt nach wie vor davon. Er war eigentlich Udos Mörder.

 

Es ist bei Ihrem neuen Buch „Spätes Tagebuch“ sehr schwer, in der Erzählerin Paulina nicht Erika Pluhar zu sehen.

Es stimmt, dass da eine 70-jährige Frau über das Älterwerden und die Einsamkeit sinniert – und diese ganzen Reflexionen sind natürlich meine. Aber ich habe dieser Frau eine andere Vorgeschichte gegeben, jedoch auch eine verstorbene Tochter zugemutet. In meinem Fall ist es leichter, diese Analogien zu meiner Person herauszufinden, weil ich, ehe ich als Schriftstellerin tätig war, als Schauspielerin und öffentlicher Mensch bekannt war. Aber ich glaube, Schreiben ist genau das: ein Puzzle aus der Kompetenz des persönlichen Erfahrens mit der Erfindung.

 

Sie schreiben Tagebuch...

... seit Jahrzehnten. Das tägliche Notieren ist mir lebenswichtig. Aber es gibt eine Verfügung. Wenn mir blitzartig etwas passiert, wird da nichts veröffentlicht.

 

Das heißt, man wird in 100 Jahren nicht Erika Pluhars Tagebücher lesen können?

Wenn das von Interesse ist, zu einer Zeit, in der alle, die in meinen Tagebüchern vorkommen, auch schon tot sind, dann soll es sein. Ich habe die Schnitzler-Tagebücher sehr gern gelesen – auch wenn er geschrieben hat, er hat Durchfall. In meinen Tagebüchern kommt das auch alles vor. Aber mir ist das dann wurscht. Mir ist überhaupt alles wurscht, wenn ich mal tot bin.

 

Isst Erika Pluhar gerne Käsebrote und trinkt dazu Rotwein, wie Paulina?

Ja. Ich bin überhaupt keine Köchin. Wenn ich abends allein bin, dann gibt es immer Brote mit Käse und Schinken– und Rotwein. Mein Hund Zecherl bekommt sein Häppchen ab. Also Brot und Rotwein – das ist auch sehr analog.

 

Es geht in „Spätes Tagebuch“ sehr viel um Freud und Leid am Einsamsein. Können Sie gut einsam sein?

Ich meine, ein Leben lang das Einsam-sein gelernt zu haben – auch in meinen Ehe- oder Liebeszeiten bin ich immer selbstständig geblieben. Ein Mensch muss Einsamsein lernen. Weil „einsam“ steckt nicht umsonst in dem Wort „gemeinsam“.

Sie sprechen allerdings aus sehr privilegierter Warte: Sie sind immer noch beruflich aktiv, leben mit Ihrem Enkel unter einem Dach...

Es gibt etwas anderes, das mir unerwünscht wäre und das ich keinem Menschen wünsche: das Vereinsamen. Ich glaube aber, das hat ein bisschen damit zu tun, wie man auf Menschen zugeht. Ich kenne auch dieses Gefühl, in einer Form einsam zu sein, dass es einen ein bisserl traurig macht – aber da muss man durch. Gegen das Gefühl des alleine Zurückbleibens gibt es nur einen kleinen Ratschlag: sich nicht auf die Familie verlassen, sondern schauen, ob es einen Nachbar gibt.

Paulina sieht gerne die Nachrichten im Fernsehen. Und Sie?

Ich auch. Ich halte in meinem Buch ein großes Plädoyer für das Fernsehen. Und das meine ich ernst. Ich lasse dafür kaum Zeitungen in mein Haus. Wenn ich mir vorstelle, ich sticke und höre nur das Knacken des Kamins und sonst ist Ruhe – schwer erträglich muss das sein. Ich sehe so schöne Dokumentationen. Ich brauche überhaupt keine Reisen zu machen, mit grauslichen Flughäfen und vollgestopften Flugzeugen und Turbulenzen. Ich habe einen sehr großen Fernsehschirm und liebe das sehr. Sich dann nur den Stumpfsinn zu geben, das wäre schädlich.

 

Sie waren Schauspielerin, sind Musikerin und Autorin. Gibt es etwas, das Sie nicht erreicht haben, aber noch gerne durchgezogen hätten?

Wenn ich jünger damit angefangen hätte, wäre ich noch gerne eine Filmemacherin geworden. Ja, so ein Woody Allen wäre ich gern geworden. Hätte so wie er mal mitgespielt, mal nicht, mal so einen Film gemacht, mal so einen. Ich liebe Film.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2010)

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