Ritterschlag der Queen für Wiener

Der Wiener Jude Erich Reich wird heute von Queen Elizabeth zum Ritter geschlagen. Er wurde 1935 in Wien als jüngster von drei Söhnen geboren. Als Vierjähriger flüchtete er vor den Nazis nach England.

Ritterschlag Queen fuer Wiener
Ritterschlag Queen fuer Wiener
(c) AP (Kirsty Wigglesworth)

Wenn Erich Reich heute, Freitag, im Londoner Buckingham Palace von Queen Elizabeth den Ritterschlag erhält, ist es mehr als eine Ehrung für das Lebenswerk des 75-Jährigen: „Ich nehme dies als Auszeichnung für uns alle an. Für meine Familie, meine Mitarbeiter und für uns jüdische Flüchtlinge, die in Großbritannien Zuflucht gefunden haben“, sagt er im Gespräch mit der „Presse“. „Ich habe diese Ehrung nie erwartet, ich wollte nur etwas Gutes tun in meinem Leben.“

Sir Erich, wie Erich Reich nun mehr korrekt anzusprechen ist, wurde 1935 in Wien als jüngster von drei Söhnen geboren. Seine Eltern stammten aus Polen, sein Vater war Kantor an der Synagoge in der Leopoldstadt. Im Herbst 1938 wurde die Familie aus Nazi-Deutschland abgeschoben. Österreich war da bereits von der Landkarte verschwunden. Geschockt durch die sogenannte „Reichskristallnacht“ am 9.November 1938 beschloss Großbritannien noch im selben Monat, 10.000 jüdischen Kindern die Aufnahme zu gestatten. „Ich kam mit meinem älteren Bruder am 29.August1939 mit einem der letzten Kindertransporte“, erinnert sich Reich. Vier Tage später begann der Zweite Weltkrieg.

Erich Reich wuchs in Südengland bei Zieheltern aus dem tschechischen Sudetenland auf. „Sie waren gute, strenge Leute.“ Bis zum plötzlichen Auftauchen seines Bruders nach Kriegsende hielt Erich sie für seine leiblichen Eltern. „Ich hatte jede andere Erinnerung verdrängt.“ Das letzte Lebenszeichen der Eltern bleibt eine Postkarte von 1942 aus dem Warschauer Ghetto. Sein Vater wurde wahrscheinlich in Auschwitz ermordet, seine Mutter in Treblinka.

Nach Kriegsende ging Erich Reich zunächst nach Israel. „Ich wurde ein echter Kibbutznik.“ Im Suez-Krieg 1956 diente er unter einem gewissen Ariel Sharon: „Er war laut, herrisch und schwierig“, erinnert er sich an den späteren israelischen Ministerpräsidenten. Ende der 50er-Jahre kehrt Reich nach England zurück. Nach einer Karriere im Tourismusbereich gründete er 1991 sein Unternehmen „Classic Tours“, für dessen Aktivitäten er nun den Ritterschlag erhält: Reich verbindet dabei die britische Tradition, für wohltätige Zwecke jemanden für eine sportliche Leistung zu „sponsern“, mit dem Vergnügen von Urlaubsreisen.


So bringt „Classic Tours“ etwa Radfahrer nach Israel, die das Land durchqueren und dabei Geld für Einrichtungen wie die British Heart Foundation auftreiben. „In bisher 19 Jahren haben wir mit mehr als 40.000 Teilnehmern rund 60 Mio. Pfund für bis zu 300 Wohlfahrtseinrichtungen aufgetrieben“, sagt Reich. Viele Jahre ließ er es sich nicht nehmen, selbst mitzumachen. „Am bewegendsten war die Fahrt mit dem Rad vom Brandenburger Tor bis zum Eingang von Auschwitz.“

Reich ist seit Langem auch Vorsitzender der Vereinigung jüdischer Flüchtlinge. Trotz der schmerzlichen Vergangenheit hat er seine Geburtsstadt Wien nicht vergessen: „Die Wahrheit ist: Ich liebe Wien. Die Oper, die Theater, die Cafés. Alles andere schalte ich einfach aus.“ Der letzte Wien-Besuch liegt zwei Jahre zurück, da zeigte er einem seiner Neffen die Stadt.

Deutsch spricht er selbst zwar nicht mehr, aber er versteht noch viel. „Aber mein jüngster Sohn studierte unter anderem Deutsch an der Universität.“ Reich ist Vater von fünf Kindern, zwei davon arbeiten im Filmgeschäft. Sohn Allon Reich produzierte den Film „Der letzte König von Schottland“, Tochter Liora Reich kümmerte sich um das Cast bei „Kick it like Beckham“.

Verfolgt Reich die österreichische Politik? „Die politische Situation in Österreich ist keine, die jeden Tag in den Nachrichten vorkommt. Das ist nicht mehr so wie im vergangenen Jahrhundert“, sagt er.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2010)

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