Cleese: "Die glücklichste Zeit für mich ist jetzt"

Er zeigte der Welt, was englischer Humor wirklich kann: Als Mitglied von Monty Python, in "Fawlty Towers" und in "Ein Fisch namens Wanda". Heute muss John Cleese mehr arbeiten, als er will, um Alimente abzuzahlen.

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(c) EPA (BJORN SIGURDSON)

Herr Cleese, wo sind Sie gerade?

John Cleese: Im Zug nach Belgien.

 

Als Sie das letzte Mal nach Belgien mussten, nahmen Sie ein Taxi – von Oslo nach Brüssel, weil aufgrund des Vulkanausbruchs alle Flugverbindungen gestrichen waren. Machen Sie oft solche Sachen?

Das war damals die einzige Möglichkeit, nach England zu kommen. Mein kluger Assistent Garry kam auf die Idee. Und am nächsten Tag taten es alle.

Für einen Österreicher sind Sie nach „Monty Python“ und „Ein Fisch namens Wanda“ der Inbegriff alles Englischen. Fühlen Sie sich damit wohl?

Wenn einen die Menschen als Stereotyp wahrnehmen, ist das immer einengend. Aber wahrscheinlich auch unvermeidlich. So denken ja schließlich auch die meisten Leute, die heutzutage in den Medien arbeiten.

 

Sie leben nicht mehr in Großbritannien. Fühlen Sie sich noch immer zu dem Land hingezogen?

Das Problem ist, dass sich England viel mehr verändert hat als ich. Unsere Kultur war früher im Grund eine Mittelklassekultur. Es gab angemessenen Respekt für Bildung. Die Kultur war ein bisschen verstaubt, recht klassenbestimmt und ein bisschen rassistisch. Nicht auf gemeine Art, aber doch ein bisschen. Einige dieser Dinge haben sich verbessert, aber es ist keine Mittelklassekultur mehr.

Welche Art von Kultur ist es denn?

Es ist eine Yob-Kultur, eine Rowdy-Kultur. Das ist in erster Linie die Schuld der Medien. Seit Rupert Murdoch sein Engagement in den englischen Zeitungen begann, hat er sie gnadenlos immer weiter nach unten geführt. Heute sind sie trivial, vulgär und zutiefst unehrlich. Wir konnten uns auch immer brüsten, das am wenigsten schlechte Fernsehen der Welt zu haben. Heute ist es derselbe Mist, den man überall zu sehen bekommt. Oder nehmen Sie London. Das war immer eine englische Stadt mit einem sehr netten kosmopolitischen Element. Jetzt ist es nur noch kosmopolitisch. Im Großen und Ganzen enttäuscht mich London heute. Auch der Umgangston ist nicht mehr sehr höflich. Früher gab es einen grundlegenden Anstand, die Leute bemühten sich, sich gut zu benehmen.

Jeder Komiker braucht Tabus. Was tut man, wenn nichts mehr bleibt, weil sich alle die ganze Zeit über alles lustig machen?

Das stimmt genau. Vor Jahren war es lustig, bis an die Grenzen zu gehen, Witze über wichtige Fragen zu machen, etwa in dem Monty-Python-Film „Life of Brian“. Das hat eine gute und eine schlechte Seite. Die gute ist, dass man auf intelligente Weise die wahre Bedeutung von Tabus infrage stellen kann. Wie zum Beispiel die exzessive Bedeutung, die Amerikaner ethnischen Beiwörtern geben, darüber sollte man sich unbedingt lustig machen. Das Problem ist aber, wenn Komikern das Material ausgeht, sind sie als Ersatz manchmal obszön oder schockierend. Das ist kein guter Ersatz.

Zurück zu Stereotypen. Wetten gilt ja in Österreich als etwas typisch Englisches. Sie sind das Werbegesicht für die Wettgruppe William Hill. Wetten Sie selbst auch?

Ich selbst wette nicht sehr viel. Bei Cricket oder Fußball muss ich nicht wetten, weil ich so mit dem Spiel mitlebe, dass ich keinen Extrakick brauche. Aber in kleinen Dosen ist Wetten lustig und bringt ein bisschen Spaß ins Leben.

Sie sind jemand, der es sich nicht immer ganz leicht gemacht hat und Dingen auf den Grund gehen wollte. Sie haben auch lange Zeit eine Psychoanalyse gemacht. Hatte das mit Ihrer Arbeit zu tun?

Nein. Es gibt viele Komiker, die persönliche Probleme hatten, nichts dagegen getan haben und immer noch große Komiker waren. Für mich ist das Leben jedoch einfach viel wichtiger als die Kunst. Ich wollte wissen, warum ich bestimmte zwanghafte Verhaltensweisen wiederholte, um mich davon zu befreien. Die Freiheit, die man dadurch erreicht, macht einen letzten Endes zu einem besseren Komiker. (Unser Telefoninterview wird durch eine Ansage im Zug unterbrochen, Anm.)Hören Sie mal, jetzt kommt schon wieder eine Ansage. Der Mann spricht Englisch mit einem so starken flämischen Akzent, dass man sich wünscht, er würde die Ansage noch einmal wirklich auf Englisch machen. Aber nein, dann macht er sie tatsächlich auf Flämisch. Eine der großen lustigen Sprachen dieser Welt.

 

Einer Ihrer Psychotherapeuten war George Frankl, der von Österreich nach England floh. Was halten Sie von Österreich?

Zwischen 1870 und 1914 war Wien ein außergewöhnlich kreativer Ort. Da sieht man, was Vielfältigkeit hervorbringen kann. Aber abgesehen von der Geschichte hat mir Wien einfach immer sehr gut gefallen. Ich habe noch nie so viel Theater, so viel Musik, so viele Museen gesehen. Ich mag das Tempo der Stadt, das Essen. Viel von der Vulgarität anderer großer Städte fehlt.

Tja, leider nicht ganz. Aber es klingt, als ob Sie gerne hier leben würden.

Wenn Sie ein bisschen weiter westlich wären, würde ich mir das ernsthaft überlegen. Ich denke darüber nach, mir eine kleine Wohnung in der Schweiz zu nehmen. Was ich daran mag, ist, dass man in vier Stunden in Lyon, in Straßburg, in München, in Mailand ist. Aber irgendetwas an der österreichischen und deutschen Kultur hat mich immer angezogen.

 

Derzeit leben Sie aber in den USA?

Ich habe eine Wohnung in Santa Barbara und eine Wohnung in Bath, meine Freundin ist Engländerin. Aber ich bin erst dabei, herauszufinden, wie sich mein Leben entwickeln wird. Das Einzige, was ich sicher weiß, ist, dass ich keinen Winter in Europa verbringen will. Abgesehen davon – alles ist möglich.

 

Das ist toll. Sie werden im Oktober 71. In einem Alter, in dem andere Menschen bereits in Richtung Ewigkeit driften, überlegen Sie, wo Sie eigentlich leben wollen.

Ich habe nie sehr viel Zeit damit verbracht, rückwärts zu schauen. Außerdem wurde meine Mutter 101 Jahre alt. Mein Vater war 79. Er hätte noch länger gelebt, wenn er nicht 40 Zigaretten am Tag geraucht hätte.

 

Arbeiten Sie gerade an einem Filmprojekt?

Derzeit konzentriere ich mich darauf, „Ein Fisch namens Wanda“ in ein Musical zu verwandeln. Das kann erstens sehr lukrativ sein und gibt mir zweitens die Möglichkeit, mit meiner Tochter Camilla zu arbeiten. Wir haben ein sehr gutes und sehr lustiges Buch geschrieben. Jetzt brauchen wir den richtigen Regisseur und Komponisten.

 

Sie haben einmal gesagt, wenn Sie einen Film über Ihre wahren Ideen machten, würden den wahrscheinlich nur 60 Leute ansehen. Was sind Ihre wahren Ideen?

An denen arbeite ich noch. Aber die Welt ist ein viel mysteriöserer Ort, als viele Wissenschaftler glauben. Der Materialismus, der sich in den Werken von Leuten wie Richard Dawkins zeigt, haut völlig daneben. Mich interessiert die akademische Arbeit rund um Parapsychologie. Damit würde ich mich beschäftigen, wenn ich nicht bis zum Alter von 76 Jahren arbeiten müsste, um Alimente zu zahlen.

„Life of Brian“ nahm die christliche Kirche auf die Schaufel. Würden Sie so etwas auch im Zusammenhang mit dem Islam machen?

„Life of Brian“ handelte davon, wie Leute an Religion herangehen, nicht von religiösen Inhalten. Robin Skynner, mit dem ich zwei Psychologiebücher geschrieben habe, sagte immer, dass die Religion für verschiedene Ebenen geistiger Gesundheit angeboten wird. Die Leute am oberen Ende im Islam haben mehr mit den Leuten am oberen Ende im Christentum gemeinsam als mit denen am unteren Ende im Islam. Wenn man paranoid ist, wird man auch eine paranoide Form der Religion annehmen.

Glauben Sie an Gott?

Ich glaube an eine Form der Intelligenz. Allerdings ist mir die Art, wie diese in das Geschehen auf der Erde eingreift, völlig unklar. Aber irgendetwas ist da draußen, etwas geht vor sich.

 

Was war eigentlich die glücklichste Zeit in Ihrem Leben? Die Arbeit mit Monty Python?

Nein, ich glaube, das ist heute. Meine Beziehung zu meiner Freundin ist die beste, die ich je hatte. Daumen halten, wir alle wissen, dass sich das ändern kann. Im Alter von 70 fühle ich mich da privilegiert. Ich habe auch meine Tochter Camilla sehr gern. Meine einzige Beschwerde ist, dass ich dauernd auf Achse bin, um Alimente zu verdienen. Dennoch: Die glücklichste Zeit für mich ist jetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2010)

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