Adele Neuhauser: "Jetzt hänge ich mehr am Leben"

31.12.2010 | 11:38 |  von Friederike Leibl (Die Presse)

Sie hat große Tragödinnen auf internationalen Theaterbühnen gespielt und Karl-Heinz Grasser im Rabenhof. Adele Neuhauser spricht über die Bedeutung von Rollen für ihr Leben und wie sie mit der Traurigkeit umgehen lernte.

Sie haben als Kind die Mondlandung im Fernsehen miterlebt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Adele Neuhauser: Das Erste, was mir einfällt, ist, dass ich auf den Balkon gerannt bin und geschaut habe, ob ich die Astronauten sehe. Und ich hatte den Eindruck, da war irgendetwas Dunkles, und ich dachte, das müssen sie gewesen sein. Bis mein Vater mich aufgeklärt und gesagt hat: „Adele, das kann nicht sein.“ Und was uns heute auch noch fasziniert, denke ich, ist diese abstrakte Zahl einer Entfernung oder auch die abstrakte Zahl eines Lebensalters. Ich werde im Jänner 52 und fange jetzt erst an, mit der Endlichkeit anders umzugehen. Mit der Endlichkeit eines Lebensalters.

 

Sie denken an den Tod?

Das habe ich immer getan, schon als sehr junger Mensch.

 

In Form von Todessehnsucht oder aus Angst vor dem Tod?

In einer großen Todessehnsucht. Ich hatte einige Selbstmordversuche hinter mir und deswegen war für mich der Tod damals in dem Sinn näher, als ich ihn jetzt empfinde. Jetzt hänge ich mehr am Leben.

 

Wie alt waren Sie, als Sie Selbstmord verüben wollten?

Das erste Mal, als ich das gemacht habe, war ich zehn. Ich habe mir die Pulsadern aufgeschnitten. Dann habe ich es einige Male probiert, bis ich irgendwann für mich entschieden habe, entweder mache ich es gescheit oder gar nicht.

 

Wie alt waren Sie bei diesem Entschluss?

Da war ich 21. Ich habe mir eingestehen müssen, dass ich eigentlich am Leben hänge. Die Selbstmordversuche waren Hilferufe. Das war eine sehr, sehr schwierige Phase für mich.

Das hatte auch mit der Tatsache zu tun, dass wir Griechenland verlassen hatten, ich war damals zwar sehr jung, erst vier Jahre alt. Aber wenn man mich damals gefragt hätte, ich wäre nicht weggegangen. Ich hatte lange das Gefühl, dass darin das Übel liege. Und dann ist die Ehe meiner Eltern auseinandergegangen, und das hat auch dazu beigetragen, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre daran schuld. Ich dachte, dass es vernünftiger wäre, aus dem Leben zu verschwinden.

Das ist jetzt natürlich sehr vereinfachend gesagt, aber das ist die Essenz.

 

Wurden Ihre Hilferufe gehört?

Ich wurde von meinen Eltern wahnsinnig geliebt. Meine Mutter hat nach der Trennung von meinem Vater mit meinem Halbbruder die Familie verlassen und ich bin allein bei meinem Vater geblieben. Mein Bruder, ich habe zwei, einen richtigen und einen Halbbruder, ich hänge sehr an beiden, ist anfänglich noch im Haushalt gewesen und dann war ich allein mit meinem Vater.

Mein Vater hat mich mit seiner Liebe gerettet. So schrecklich das klingt, aber man muss da allein durch. Ich hatte mit mir einen Knoten, ich hatte mit mir ein Missverständnis, was diese Welt betrifft– mit mir in dieser Welt.

 

Und das haben Sie mit sich gelöst?

Ja, mithilfe der Sehnsucht, Schauspielerin zu werden, und mit dem Wissen, dass ich Menschen zum Lachen bringen konnte, und das schon sehr früh. Das hat mich irgendwie gerettet.

 

Die Traurigkeit ging weg?

Die Traurigkeit ist noch da, aber ich kann besser mit ihr umgehen.

 

An Ihrer Biografie fällt auf, dass Sie sehr starke Richtungsentscheidungen treffen: etwa dem Theater den Rücken zu kehren, nach Wien umzuziehen, sich zu trennen... Schauen Sie dann zurück?

Ich brauche sehr lange, bis ich die Entscheidung treffe, aber wenn ich sie getroffen habe, dann ist sie manifest. Die Entscheidung, von meinem Mann zu gehen, hat sich über sieben Jahre hingezogen. Das ist so wie bei Kindern – irgendwann taucht eine Frage auf und sie muss beantwortet werden. Und wenn eine Frage auftaucht, dann heißt es, es ist etwas in dir gesät, das diese Frage ermöglicht oder braucht.

 

Ein Grund für Ihren Wechsel zum Film war angeblich, dass die großen tragischen Theaterrollen auf Ihre Seele gedrückt haben?

Ja. Medea etwa hat mich extrem mitgenommen.

 

Nehmen Sie die Rolle also mit nach Hause?

Wenn eine Rolle fertig erarbeitet ist, also wenn der Probenprozess aufgehört hat, dann arbeitet man mit den Vorstellungen weiter, wo man angekommen ist. Aber während der Proben erwarte ich von mir, dass ich mich voll und ganz dieser Figur gebe.

 

Ist man in dieser Phase überhaupt beziehungsfähig?

Ich muss sagen, ich hatte immer die schwierige und sehr beglückende Situation, dass ich reisen musste, um zu arbeiten. Ich war nie nach einer Probe gleich auf dem Weg nach Hause zu meiner Familie. Ich war immer in irgendwelchen Gastzimmern. Die Wochenenden, die ich dann mit meiner Familie verbracht habe, waren schon schwierig genug.

 

Man hat nicht den Eindruck, dass Sie ganz mit der Bühne abgeschlossen haben...

Habe ich auch nicht. Ich habe wieder so eine Energie und irre Lust auf Größe. Ich könnte wieder einen Bühnenraum größerer Natur ertragen. Im Jahr 2000 hatte ich das Gefühl, ich muss einmal unterbrechen, weil ich mich nicht mehr hören konnte, ich hatte mich in meinen Mitteln überholt.

 

Sie wirken sehr selbstkritisch.

Wenn ich mich schon langweile, wie muss es dann den anderen gehen? Ich hatte das Gefühl, es würde mir guttun, einmal mit anderen Mitteln zu arbeiten, einmal ein bisschen feiner zu arbeiten, etwa mit filmischen Nahaufnahmen. Klares, präzises Denken sichtbar zu machen.

 

Sind Ihnen die Rollen, mit denen Sie Menschen zum Lachen bringen, lieber?

Nein. Ich glaube, dass ich ein sehr tragisches Potenzial in mir trage, dass ich viel Leidenschaft und Pathos habe. Pathos hat in der Tragödie das große Potenzial zu übersteigern, um es besser zu ertragen. Das muss man als Darsteller auch aushalten. Hohler Pathos ist unerträglich, aber gefühlter Pathos ist fantastisch. Ich finde, Tränen wie Lachen sind wunderbare Reaktionen. Aber man muss vorsichtig mit ihnen umgehen.

 

Wie witzig sind Sie privat?

Ich blödle schon wahnsinnig gern. Das hat mich auch gerettet, dass ich blödeln kann. Wenn man sich über sich selbst lustig machen kann, schärft es den Blick für die Relevanz gewisser Empfindungen. Traurigkeit wie Blödeln erfordern Schärfe und präzises Hinschauen. Ich würde mir nur wünschen, dass beides mit einem liebenden Herzen geschieht. Auf Teufel komm raus lustig zu sein oder tragisch zu wirken, schlägt zurück.

Sie haben sich für dieses Interview ein Foto vor den Sgraffiti Ihres Großvaters am Künstlerhaus gewünscht. Warum?

Meine Großeltern haben eine große Rolle in meinem Leben gespielt. Beide waren akademische Maler. Mein Großvater hat dann irgendwann gesagt, es kann nur einen Maler in der Familie geben, und das bin ich. Darauf verlegte sich meine Großmutter darauf, Gobelins zu weben, für die Wiener Werkstätten zu arbeiten und Kasperlfiguren zu machen. Ich habe als kleines Kind einen Teil meines Urlaubs in Griechenland verbracht und einen Teil im Waldviertel. Für mich ist das Waldviertel ähnlich wie Griechenland voller Mystik, diese tiefen Wälder... Ich bin mit meinen Großeltern viel marschiert. Meine Großeltern haben ihre Hochzeitsreise verbracht, indem sie zu Fuß durch das Waldviertel gegangen sind. Mein Großvater war auf der Suche nach Glashütten.

Meine Großmutter war die einzige, die mich, als ich mit sechs Jahren gesagt habe, ich möchte Schauspielerin werden, nicht ausgelacht hat, sondern gesagt hat: „Ja das könnte ich mir vorstellen.“

 

Ihre Urgroßeltern kamen im KZ um. Wie hat das Ihre Familie beeinflusst?

Meine Urgroßmutter ist mit ihrem jüdischen Mann ins KZ gegangen, freiwillig, obwohl sie keine Jüdin war, und ist mit ihm im KZ ums Leben gekommen. Meine Familie spricht schon darüber, aber es war nicht so, dass es uns belastet hat. Es hat uns genährt für das Leben. Es war Thema in der Entwicklung, im Heranwachsen, aber ein viel größeres Thema waren die Natur und die Kunst.

 

Was macht Ihr Sohn beruflich?

Mein Sohn lebt in Graz und studiert Jazzgitarre.

 

Sehen Sie einander oft?

Wir hören uns einmal in der Woche. Es geht ihm gut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.01.2011)

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