Hawelka wird 100: Der alte Mann und sein Café

Sein Name steht nicht nur für ein Kaffeehaus, sein Name ist in Wien eine Institution. Am Montag feiert Leopold Hawelka seinen 100. Geburtstag. Ein Blick zurück auf das Leben von Wiens berühmtestem Cafetier.

APA (c) Georg Hochmuth

Wie sich die Bilder doch gleichen. Leopold Hawelka sitzt auf seinem Stammplatz, der Sitzbank mit dem rot-gelb gestreiften Stoff in seinem Café, trägt wie schon immer ein altes braunes Sakko, eine rote Fliege und blickt traurig in die Kamera oder ins Leere. Was immer es in den vergangenen Jahren über das Café Hawelka zu sagen gab, was immer geschrieben wurde, dieses Bild fand sich fast immer daneben. Ein alter Mann, der mit seinem Blick irgendwo anders zu sein scheint. Auch dieser Tage begegnet man diesem Bild von Wiens wohl berühmtestem Cafetier laufend wieder. Denn am Montag feiert Leopold Hawelka seinen 100. Geburtstag.

Auch als Gast muss man schon eine Weile zurück in die Vergangenheit gehen, um sich ein anderes Bild von Leopold Hawelka in Erinnerung zu rufen. Damals, als er noch persönlich die Gäste am Eingang begrüßte und ihnen einen freien Platz zuwies. Als er Damen in den Mantel half und sogar noch selbst den Kaffee und ein Glas Wasser auf dem Silbertablett zum Tisch brachte. Der große Einschnitt, dass er immer weniger zum Chef und immer mehr zum Gast im eigenen Café wurde, er kam um das Jahr 2005, als seine Frau 91-jährig plötzlich starb.

69 Jahre lang waren Josefine und Leopold verheiratet. Kennengelernt haben sie einander im Restaurant Deierl nahe der Bellaria. Er war dort Kellner, sie Sitzkassierin. Irgendwann beschlossen die beiden zu heiraten – und ein Kaffeehaus zu pachten. 1936, einen Tag nach ihrer Hochzeit, begannen sie dann auch schon ihre Karriere als Cafetiers. Erst im Café Alt-Wien in der Bäckerstraße. Dann, im Mai 1939, übernahmen sie schließlich das legendäre Kaffeehaus in der Dorotheergasse – das mit Kriegsbeginn wieder schließen musste, weil Leopold zur Wehrmacht eingezogen wurde. Erst im Dezember 1945 nahm das Paar den Betrieb wieder auf – und schnell entwickelte sich das Hawelka zum Treffpunkt für Maler und Literaten.


Künstler unter sich. Von Doderer bis Torberg, von Artmann bis Heller, von Hundertwasser bis Qualtinger, sie alle kamen in das kleine Café in der Dorotheergasse. Weil sich Hawelka beständig weigerte, das Café zu renovieren, und so ein einmaliges Ambiente entstehen konnte, sagen die einen. Weil der Cafetier den jungen und noch unbekannten Künstlern auch das eine oder andere Werk abkaufte, meinen die anderen. Und weil man, grob gesagt, unter sich war.

Das änderte sich erst im Jahr 1975. Als nämlich Georg Danzer mit „Jö schau („A Nackerter im Hawelka“) einen Nummer-eins-Hit landete, kamen plötzlich nicht nur die Künstler. Das kleine Café hatte es innerhalb kürzester Zeit zu überregionaler Bedeutung gebracht. Und spätestens Mitte der 1980er-Jahre hatte das Hawelka seinen Ruf als Künstlertreff endgültig eingebüßt. Was zwar den Verlust des ursprünglichen Flairs mit sich brachte, doch auf der anderen Seite lässt sich mit Touristen dann doch wieder mehr Geld machen als mit Künstlern, die vor allem lange herumsitzen und dabei wenig bis gar nichts konsumieren.

Für das Ehepaar Hawelka änderte sich durch die neuen Gäste sonst kaum etwas. Leopold begrüßte weiterhin die Gäste und wies ihnen Plätze zu. Ob das nun alte Stammgäste aus der Künstlerszene waren oder Touristen – das spielte keine Rolle. Denn persönliche Freundschaften mit den Gästen, und seien sie auch noch so regelmäßig da, lehnte Leopold Hawelka immer als Unsitte ab. Und während er sich um die Plätze kümmerte, sorgte sich Josefine liebevoll um die Gäste. „Alles in Ordnung?“, fragte sie dann, die Hände auf eine Sessellehne gestützt. Und das eine oder andere tröstende Wort, wenn es gerade nicht so gut lief, hat sie für ihre Gäste ebenfalls immer gehabt.

Aber es waren nicht nur Worte, für die Josefine Hawelka berühmt war. Viele denken bei ihrem Namen vor allem an ihre Buchteln – die Spezialität nach dem Rezept ihrer böhmischen Großmutter, die sie regelmäßig zubereitete. Immer erst spät am Abend gab es sie, meist erst ab 22 Uhr. Eine liebgewonnene Tradition, die auch nach dem Tod von Josefine Hawelka fortgesetzt wurde. Nur dass dann eben Sohn Günter und die Enkel Michael und Amir dafür verantwortlich waren.

Dass alles so bleiben muss, wie es immer schon war, das ist eines der Charakteristika im Hawelka – und sicherlich auch mit ein Grund, warum das Café so beliebt ist. Allerdings, die eine oder andere Tradition musste man dann doch kippen. Die Rauchschwaden, zum Beispiel, die jahrzehntelang fast schon zum Inventar des Cafés zählten, die sind verschwunden. Den Gesetzen zum Nichtraucherschutz ist es geschuldet, dass die Luft im ehemaligen Literatencafé heute klar, die Sicht vom Sitzplatz am Fenster ohne Einschränkung bis zur Theke reicht.


Bruch mit der Tradition. Lange hat man sich dagegen gewehrt. Hat versucht, mithilfe des Denkmalschutzes ein reines Raucherlokal argumentieren zu können. Denn eine gläserne Trennwand mitten durch das Lokal, das hätte die Atmosphäre komplett zerstört. Doch alle Versuche waren letztlich vergebens. Das Hawelka ist seit dem vergangenen Sommer rauchfrei. Und diesem Umstand ist auch ein weiterer Traditionsbruch geschuldet – denn weil die rauchenden Gäste ausblieben, opferte man den Dienstag, den bis dahin eisern eingehaltenen Ruhetag. Seit Anfang des Jahres hat das Hawelka an sieben Tagen die Woche geöffnet.

Leopold Hawelka ist noch immer da. Fast täglich kommt er noch in sein Café, sitzt auf seinem Stammplatz, liest Zeitung, beobachtet die Gäste und lässt sich geduldig von Touristen fotografieren. Die dann auf ihren Speicherkarten das Bild eines alten Mannes auf einer Sitzbank mit rot-gelb gestreiftem Stoff haben. Er trägt ein braunes Sakko, eine rote Fliege und schaut ein bisschen traurig ins Leere. Wie sehr sich die Bilder doch gleichen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)

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