Seyran Ates: "Ein Menschenrecht, nicht zu glauben"

Die deutsch-türkische Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates wurde mehr als einmal von konservativen Männern bedroht und sogar verletzt. Ein "Presse"-Interview.

Seyran Ates Menschenrecht nicht
Seyran Ates Menschenrecht nicht
Seyran Ates – (c) Clemens Fabry

Frau Ates, Ihre Eltern hatten ein traditionelles Rollenbild, das auch für Sie gelten sollte.

Seyran Ates: Ja, meine Eltern sind traditionelle Menschen. Mein Vater ist Kurde, meine Mutter Türkin. Sie kommen aus einem Dorf und sind Bauern gewesen, bildungsferne Menschen. Sie haben in ihrem Leben kaum Bücher gelesen, und wenn, dann waren es religiöse Bücher. Entsprechend traditionell sollte das Kind auch sein.

Ihnen hat das nicht gefallen.

Mir gefällt das nach wie vor nicht. Ich habe sehr schnell dagegen aufbegehrt.

Sie sind mit 17 Jahren von zu Hause ausgerissen. Was haben Sie mitgenommen, als Sie Ihr neues Leben begonnen haben?

Ich habe einen kleinen Koffer mit Kleidern und Schulsachen mitgenommen. Das war so viel, wie ich tragen konnte.

 

Ist Ihre Familie noch traditionell-konservativ oder hat sich das in der Zwischenzeit geändert?

Meine gesamte Familie hat sich verändert. Mein ältester Bruder war sehr konservativ und traditionell, er und meine Eltern haben sich inzwischen sehr gewandelt. Als ich von zu Hause weggegangen bin, hat das in der Familie viel bewegt.

 

Haben Sie sich mit Ihrer Familie wieder versöhnt?

Das war schon nach kurzer Zeit, ich hatte nach drei Monaten wieder Kontakt zu ihnen. In den Jahren danach gab es dann die größeren nächsten Schritte. Sie erfuhren, dass ich einen deutschen Freund habe, unverheiratet mit jemandem zusammenlebe. Ich habe ein uneheliches Kind. All das haben sie nach und nach mitbekommen.

 

Worüber reden Sie mit Ihren Eltern heute, wenn die Familie am Tisch zusammensitzt?

Ich kann mit meinen Eltern über alles reden. Sie sind versöhnt mit mir, sie wissen, welche politische Arbeit ich mache, welchen Lebensstil ich habe. Sie finden es einfach wichtig, dass ich glücklich bin.

 

Sie sind ja in Deutschland, wie man heute sagt, zwischen zwei Kulturen aufgewachsen...

...das hat man damals auch schon gesagt. Wir sind in der zweiten Generation zwischen den Kulturen aufgewachsen, das traf für uns mehr zu als für die dritte oder vierte Generation. Unsere Eltern waren neu in Deutschland, Österreich, Europa. Wir kannten das Land nicht, in das wir gezogen sind. Insofern hatten wir ein sehr viel traditionelleres Elternhaus.

 

Hat gerade die zweite Generation zwei Persönlichkeiten gebraucht? Eine für drinnen, eine für draußen?

Die braucht man natürlich nicht, es gibt eine transkulturelle Identität irgendwann, wenn alles gut geht. Aber man entwickelt zwei Persönlichkeiten, weil man sich zu Hause anders verhalten muss als draußen.

 

Und genau das ist der Unterschied zwischen der zweiten und dritten Generation?

Unbedingt. Die dritte Generation – zumindest sehe ich das bei der Hälfte – hat Eltern, die sich viel erarbeiten mussten, um die Gesellschaft kennenzulernen. Und jetzt geben sie das ihren Kindern weiter. Allein, wenn man sich heute die Wohnungseinrichtungen von türkischen Familien ansieht: Viele gehen zu Ikea einkaufen. Vor dreißig Jahren hat man das noch nicht gesehen, das war nicht ihr Geschmack. Die Lebenswege und Berufswünsche sind auch vielfältiger und heterogener, als sie es in unserer Generation waren.

 

Und das ist eine gute Entwicklung?

Unbedingt. Das bedeutet aber nicht, dass man die Kultur der Eltern ablegt und jetzt eine ganz neue hat. Man nennt das transkulturelle Identität, dass man in beiden Kulturen gut lebt, sie miteinander vereinbart und nicht die eine gegen die andere austauscht. Ich habe eine türkische und eine deutsche Identität.

 

Sie haben das Buch „Der Multikulti-Irrtum“ geschrieben, vom Scheitern der multikulturellen Gesellschaft. Als Alternative nennen Sie eben die Transkulturalität.

Multikulturalisten sind der Ansicht, dass Kulturen sehr scharf voneinander zu trennen sind. Es gibt keine Identitätsüberschneidungen.

 

Sie sind noch als Studentin während eines Beratungsgespräches mit einer Türkin von einem Mann angeschossen worden. Im Krankenhaus sagte Ihre Mutter: „Das wäre nicht passiert, wenn du zu Hause geblieben wärst.“ Wie reagiert man auf so eine Aussage, vor allem, wenn man davon ausgehen kann, dass sie recht hatte?

Was ist das für eine Aussage? Wenn sich Daimler und Benz nicht an den Motor gemacht hätten, dann hätten wir kein Auto. Diese Aussage hat bei mir genau das bewirkt: Abwehr.

 

Sie leben in Berlin. Der Mann, der Sie angeschossen hatte, wurde freigesprochen und lebt auch in Berlin. Haben Sie nicht Angst, dass er Ihnen irgendwann in der U-Bahn gegenübersitzt?

Ich fahre nicht mit der U-Bahn.

 

Insgesamt sind Sie in Ihrem Leben eingeschränkt, weil viele – auch aus der türkischen Community – Ihre Tätigkeit nicht goutieren.

Ich bewege mich nicht sehr viel öffentlich...

 

...nach einem Scheidungstermin wurden Sie und Ihre Mandantin vom nunmehrigen Exmann in einer U-Bahn-Station attackiert.

Danach habe ich meine Anwaltszulassung zurückgegeben.

 

Sie haben aber davor schon sehr viele Drohungen von Männern bekommen. Warum war der Vorfall in der U-Bahn der Auslöser?

Ich konnte nicht mehr. Ich habe meine Zulassung zurückgegeben, weil es keinen öffentlichen Ort geben sollte, wo sie mich erreichen können.

 

Sie engagieren sich auch politisch und sind als Schriftstellerin tätig. Worauf wollen Sie sich in Zukunft mehr konzentrieren?

Ich habe eine Erwerbstätigkeit als Juristin, das ist immer mein Standbein, ich möchte auch nichts anderes tun. Aber ich habe neben meinem Studium im „Frauenladen“ (Beratungsstelle, Anm.) gearbeitet und auch nebenbei Bücher geschrieben, das erste mit 18 (unter dem Pseudonym Ayse und Devrim: „Wo gehören wir hin?“, Anm.). Inzwischen sind es vier Bücher und ein Drehbuch als Koautorin. Das ist ein gottgegebenes Talent, wofür ich sehr dankbar bin. Ich schreibe auch weiterhin.

 

Apropos gottgegebenes Talent: Da Sie den Islam oft kritisieren, könnte man davon ausgehen, dass Sie nicht sehr gläubig sind.

Ich bin sehr gläubig. Gerade seit meinem Nahtod-Erlebnis, nachdem ich angeschossen wurde, glaube ich unbedingt an Gott.

 

Ihr neues Buch heißt „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“. Aber wie soll diese genau aussehen?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Es geht darum, dass wir innerhalb des Islam akzeptieren müssen, dass es liberale und konservative Kräfte gibt. Man muss sich genauso in vielen verschiedenen Facetten zeigen dürfen, wie es in den anderen Religionen auch erlaubt ist.

Wenn Sie also den Islam mit anderen Religionen vergleichen, was fällt auf?

Dass es liberale Juden und Protestanten gibt. Wichtig ist, dass die sexuelle Revolution ein politischer Begriff ist, es geht nicht nur um den Geschlechtsakt oder dass es sich nur auf den Islam bezieht. Die 68er haben die Trennung zwischen Religion und Staat und ein selbstbestimmtes Leben eingefordert. Es ging um die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Was soll Ihrer Ansicht nach innerhalb des Islam genau passieren?

Es muss eine Auseinandersetzung zum Thema „außerehelicher Geschlechtsverkehr“ geben: dass man nicht heiraten muss, um Sexualität zu leben. Das ist das, was sehr viele Menschen sowieso schon tun, gleichzeitig aber moralisch von einer Vielzahl von anderen Muslimen dafür ausgegrenzt oder beschimpft werden. Dann geht es um die Akzeptanz von Homosexualität. Es geht auch darum, dass bei einer Abkehr vom Islam nicht der Tod steht. Es ist ein Menschenrecht, nicht zu glauben. Die Bürgerbewegungen haben sich an den Menschenrechten orientiert und ein freies Leben in der Zivilgesellschaft eingefordert. Das sind genau die Dinge, die jetzt in der arabischen Welt passieren. Das ist der Schrei nach Freiheit und selbstbestimmtem Leben. Das ist nicht der Schrei nach einem Leben ohne Religion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2011)

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