Chelsea: "Auch Beth Ditto stand auf unserer Bühne"

Im Dezember feiert die Wiener Gürtelinstitution Chelsea ihr 25-jähriges Bestehen. Ein Interview mit Lokal-Betreiber Othmar Bajlicz über Musik, seine Leidenschaft zum runden Leder und Beth Ditto.

Chelsea:
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(c) Wohnzimmer/Simone Eilmsteiner

Mit einer Reihe an Jubiläumskonzerten feiert das Musik- und Fußball-Lokal Chelsea sein 25-jähriges Jubiläum. Von 1986 bis 1994 war das Chelsea in einem Keller eines Wohnhauses in der Piaristengasse beiheimatet, seit 1995 am Lerchenfelder Gürtel (Bögen 29-30). Betreiber Othmar Bajlicz im Gespräch mit DiePresse.com über die schwierigen Anfänge, seine Leidenschaft zum runden Leder und über legendäre Chelsea-Konzerte:

Wieso heißt das Lokal eigentlich Chelsea?

Der Name Chelsea kommt vom Londoner Bezirk. Ich fahre schon seit Jahrzehnten nach London, um Konzerte zu besuchen. Die Kings Road in Chelsea war schon in den 60er Jahren ein Brennpunkt der Musikszene. Die Rolling Stones haben um die Ecke gewohnt und sind dort herumgelungert. Und in den 70er Jahren ist dort dann auch die Londoner Punk-Szene entstanden.

Vor 25 Jahren sperrte das Chelsea erstmals auf. An welchem Tag war die Eröffnung und wie sah das Musikprogramm aus?

Eröffnet wurde es im Dezember 1986. Wenn ich mich genau erinnere, war es der 9. Dezember. Am ersten Tag, das war ein Donnerstag, hatten wir noch kein Live-Programm. Ich wollte, dass die Leute sich das Lokal anschauen und es kennenlernen. Am zweiten Tag spielte dann die erste Band im Chelsea, und zwar The Key, eine Wiener Band. Am darauffolgenden Tag hatten wir die Lolitas, eine Berliner Band mit Francoise Cactus am Schlagzeug - sie gründete später Stereo Total - zu Gast. Das war der Anfang.

Das Chelsea war ja damals in der Piaristengasse beiheimatet ...

Ja, das war ein Keller eines Wohnhauses, der seit dem zweiten Weltkrieg unbenutzt war. Im Erdgeschoß gab es einen kleinen Barraum, wo früher ein Friseurgeschäft drinnen stand. Und diese Bereiche haben wir für unsere Zwecke ausgebaut.

Wenn Sie sich zurückerinnern, was war der Antrieb ein Lokal wie das Chelsea aufzusperren? Es war in den 1980ern ja eher ungewöhnlich Live-Musik und ein DJ-Programm anzubieten?

Das stimmt, das hat es zur damaligen Zeit in Wien nicht gegeben. Die Szenelokale wie die Blue Box hatten maximal DJs. Das Tempo, das heutige Europa, hatte nicht einmal DJs und war auch so immer gesteckt voll. Oder auch das Amerlingbeisl. Also, wir waren die ersten, die mit so einem regulären Programm - Live-Bands und DJ-Programm - begonnen haben. Und das von Montag bis Sonntag.

Welche Musik war im Chelsea in den 80ern tonangebend?

Zum einen Rock und zum anderen britischer Pop. Das Wort Britpop hat es ja damals noch nicht gegeben. Das ist erst in den 90er Jahren von einem Journalisten erfunden worden. Wie gesagt, es war Rockmusik in den verschiedensten Variationen, also experimentelle Rockmusik oder Noise. Wir haten viele britische Bands natürlich und auch ältere Punkbands. Auch ein DJ aus der Gothic-Szene hat aufgelegt.

Waren Sie anfangs alleine für das Booking veranwortlich?

Ja, das habe ich quasi im Alleingang gemacht. Learning by doing, wenn man so will. Es war ein Sprung ins kalte Wasser - Ich war zwar ein großer Musikfan, Plattensammler und Konzertbesucher, aber auf der anderen Seite habe ich, abgesehen von kleineren Partys, keine Erfahrung gehabt. Ich war die ersten neun Jahre bei jedem Konzert im Chelsea dabei, habe jede Band, die im Chelsea gespielt hat, empfangen und betreut. Diese Tätigkeiten, wie auch die Promo, kann ich heute delegieren, das Booking teilen wir uns auf. Wobei für den speziellen Anlass des 25. Jubiläums haben wir die Promo an die Agentur Wohnzimmer ausgelagert.

Wie ging es dann weiter mit dem Chelsea? Stichwort: Lerchenfelder Gürtel.

Das Lokal in der Piaristengasse mussten wir im September 1994 schließen, weil es dort auf Dauer schwer war, mit Live-Musik durchzukommen. Es gab immer wieder Beschwerden der Bewohner und auch von Anrainern. Wir sprechen ja auch vom konservativen achten Bezirk. Wir haben wegen der Lautstärke zwar viel unternommen, um  eine Dämmung zu erreichen, aber die Bässe sind doch raufgekrochen. Im nachhinein muss ich sagen, das der Standort wohl nicht so gut gewählt war, wenn man permanent Live-Rockmusik machen will. Heutzutage hätte ich das Lokal im Wohnhaus nicht mehr eröffnet.

Dann mussten wir aufgrund eines Gerichtsbeschlusses raus. Wir haben zwar lange mit Anwälten gekämpft, aber irgendwann war das dann endgültig. Es hat sich kurze Zeit später die Möglichkeit ergeben, ein Lokal in den Gürtelbögen zu eröffnen, sich dort einzumieten. Man muss anmerken, dass es zur damaligen Zeit von der Stadt Wien das Bestreben gab, den Gürtel wieder zu beleben und die Gegend attraktiver zu machen. Für uns war der Standort ein Segen. Keine direkten Nachbarn, links und rechts eine Fahrbahn, gute Anbindung zu den Öffis. 2001 oder 2002 bekamen wir einen vierten Bogen dazu, der wurde vorher nicht genutzt. So konnten wir das Lokal vergrößern und hinten eine höhere Bühne zu machen. Eine weitere Verbesserung für das Chelsea.

Wieviel Stunden verbringen Sie im Chelsea? Gibt es eine tägliche Besuchsroutine?

Ich schaue fast täglich vorbei, nachdem das Büro fünf Minuten und die Wohnung sechs Minuten vom  Chelsea entfernt sind. Es gibt diese tägliche Routine. Manchmal bin ich schon früher dort, wenn Bands ankommen, die ich schon kenne.

Wenn Sie sich an die vergangenen 25 Jahre zurückerinnern, was waren die Highlights, welchen Auftritt im Chelsea haben Sie am besten in Erinnerung, und welchen am unangenehmsten?

Bei der großen Anzahl der Konzerte ist das schwer zu sagen. Interessant sind jene Konzerte, bei denen man schon weiß, die Band ist gut, kann was und spielt das nächste Mal wahrscheinlich im Gasometer, aber ist eben noch nicht so bekannt. Davon hat es einige gegeben: Zum Beispiel hat Peaches ein Konzert vor 50 Leuten gespielt. Gossip haben zur Zeit ihrer ersten EP gespielt, also zu der Zeit, wo die Platte noch nicht gezündet hat. Also auch Beth Ditto hat auf der Chelsea-Bühne gestanden. Dann waren da auch die Toten Hosen oder Die Ärzte, die schon sehr groß waren und die Stadthalle füllten, und trotzdem am Spaß an der Freude einen Clubgig spielten.

Mir fallen auch junge englische Bands ein, wie die Wombats, die ihr erstes Österreich-Konzert im Chelsea gespielt haben und jetzt am Glastonbury auftreten. Im alten Chelsea haben unter anderem Soundgarden, quasi die Grunge-Vorreiter, gastiert. Zwei, drei Jahre später haben die ganze Stadien in Amerika gefüllt.

Sie haben die Frage nach der unangenehmsten Erinnerung noch nicht beantwortet, gab es keine Band, die Ihnen da einfällt?

Meistens sind die Tourmanager unsympathischer und die Künstler selbst eher nicht.

Im Chelsea werden ja auch viele Fußballspiele übertragen. Zu wieviel Prozent, würden Sie sagen, ist das Chelsea ein Fußball- und zu wieviel ein Musik-Lokal?

Fußball deswegen, weil ich selbst Fußballer war und sehr interessiert am Fußball bin, mein ganzes Leben lang. Genauso, wie ich mein ganzes Leben lang Musikfan bin.

Wo haben Sie in Ihrer aktiven Zeit gekickt?

Ich habe auch Bundesliga gespielt: Wacker Innsbruck, VOEST Linz und Eisenstadt, wo die noch oben waren.

Hatten Sie nach ihrer aktiven Kickerkarriere den Plan Fußballtrainer zu werden?

Nein, den gab es nie. Weil ich bis zum Karrierende, mit 30 Jahren, selber meine Schwierigkeiten mit Trainern hatte und dieses Verhältnis Lehrer-Schüler wollte ich nicht mein ganzes Leben prolongieren. Das war mir zu hierarchisch aufgebaut und somit habe ich da keine weiteren Gedanken verschwendet.

Welche Ligen werden im Chelsea übertragen?

Wir haben zu aller Erst nur die englische Liga am Samstagnachmittag übertragen. Dann dachte ich mir, wenn dann gscheit und habe andere Ligen dazugenommen. Mittlerweile übertragen wir alle relevanten europäischen Ligen: Primera Division aus Spanien, Seria A aus Italien, Premier League, Deutsche Bundesliga und natürlich auch die Österreichische Liga. Dazu noch Champions League sowie Welt- und Europameisterschaften.

Das Interesse ist über die Jahre immer größer geworden, das heißt, wenn ich Champions-League übertrage, kann ich gar kein Konzert am selben Abend veranstalten, weil dreihundert bis vierhundert Leute wegen dem Spiel kommen. Im Grunde genommen ist das Chelsea aber ein Musiklokal und auch als ein solches gegründet. In den vergangenen Jahren hat sich der Fußball aber als zweites Standbein etabliert. Die Leute, die sich dafür interessieren, werden im Chelsea Wien-weit am besten bedient. War da jetzt zuviel Eigenlob dabei? (lacht)

Haben Sie in Wien eigentlich einen Lieblingsverein?

Ja, ich habe Sympathien zu Rapid, weil Christian Keglevits dort gespielt hat und er auch Burgenländer ist und sogar aus der selben Ortschaft kommt wie ich.

Jetzt muss ich auch nach Ihrer Lieblingsband fragen?

Die Stones sind seit den 60er Jahren eine meiner Lieblingsbands. Von den jüngeren Bands die Arctic Monkeys. Die habe ich mir erst vor drei Wochen in London angesehen. In diese Richtung geht mein Musikgeschmack.

Worauf kann man sich nach den Chelsea-Jubiläumskonzerten im Dezember freuen?

Ich möchte zunächst mal auf das Jubiläumsprogramm hinweisen (lacht). Es gibt einige Live-Höhepunkte im kommenden Jahr, wie French Films aus Dänemark, die im Jänner bei uns spielen. Vielleicht wird aus denen ja auch mal was ...

 

Überblick über die Chelsea-Jubiläumskonzerte:

01.12. M185
02.12. TV Buddhas
04.12. Tanz Baby!
05.12. Kid Congo & The PInk Monkeybirds
06.12. El Vez
08.12. Attwenger
10.12. Freud
12.12. Oliver Welter (Naked Lunch)
13.12. Bulbul
14.12. Clara Luzia
15.12. Killed By 9V Batteries
16.12. Christine Hödl
19.12. A Life, A Song, A Cigarette
20.12. Texta
21.12. Christoph & Lollo
22.12. Christoph & Lollo

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