Hanan Ibrahim: "Wir tragen den Schleier aus Angst"

Sie sehen ihre Kinder sterben – an Hunger, Durst, Malaria. Andere fallen Anschlägen zum Opfer. Frauen in Somalia müssen täglich mit Gewalt und Tod zurechtkommen. Hanan Ibrahim hat beschlossen, ihnen zu helfen.

Hanan Ibrahim tragen Schleier
Hanan Ibrahim tragen Schleier
Hanan Ibrahim – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Hanan Ibrahim leistet Aufklärungsarbeit und bietet psychologische Unterstützung an. Dabei bringt sie sich selbst in Lebensgefahr.

Frau Ibrahim, Somalia befindet sich seit 1991 im Bürgerkrieg. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt. Sie helfen den Frauen vor Ort. Wie würden Sie deren Situation beschreiben?

Hanan Ibrahim: Die Situation der somalischen Frauen bricht mir das Herz. Sie haben keinen Zugang zu gesundheitlicher Betreuung. Die Armut ist sehr groß. Es gibt nichts, es fehlt an allem.


Mit welchen Problemen haben Familien im Alltag zu kämpfen?

Unsere Kindersterblichkeitsrate gehört zu den höchsten der Welt. Gleichzeitig müssen sich die Leute mit Malaria, Hunger, Cholera, Genitalverstümmelungen und natürlich auch HIV herumschlagen. Es gibt praktisch kein Gesundheitssystem und auch keine psychologische Unterstützung. Die ist aber wichtig: Somalia ist schon so lange im Bürgerkrieg. Die Menschen brauchen jemanden zum Reden.


Inwiefern spielt die weibliche Genitalverstümmelung im Alltag eine Rolle?

Das ist ein schwieriges Thema, weil es sich um ein kulturelles Problem handelt. Es hat nichts mit Religion zu tun, es ist mehr eine geistige Einstellung. Die Leute tun es, weil es von ihnen erwartet wird. Da wird auch viel kultureller Druck, vor allem von älteren Menschen ausgeübt.


Aber die Mütter wissen doch, was sie ihren Kindern antun. Warum schützen sie ihre Töchter nicht?

Weil es eine weitverbreitete Haltung ist. Die Leute glauben, dass es eine Schande ist, wenn sie das nicht mit ihren Mädchen machen lassen. Sie haben Angst vor schlechter Nachrede, auch davor, dass sie ihre Töchter sonst nicht verheiraten können. Es ist schlimm, was sich die Leute einbilden. Aber so tut es halt jeder. Deswegen muss auch die Wahrnehmung der Somalier verändert werden. Es passiert ja ganz oft, dass die Mädchen bei der Genitalverstümmelung sterben. Sie verbluten, weil sie unter den schlechtesten Bedingungen durchgeführt wird.


Wer führt sie durch?

Es sind alte Frauen, die das machen.


Alte Frauen verstümmeln junge?

Sehen Sie, das ist das Problem. Es ist eine kulturelle Sache, die keiner Logik folgt. Es gibt ja auch viele Ehemänner, die das alles gar nicht wollen. Es sind die Mütter, die das in die Wege leiten.


Und wie soll das in Zukunft verhindert werden?

Man muss die Leute aufklären. In die Schulen gehen, mit den Lehrern und Eltern reden, aber vor allem mit den Frauen.


Sie sagen, es gibt keine gesundheitliche Versorgung?

Wir haben Spitäler, aber da ist nichts drinnen.


Was heißt, es ist nichts drinnen?

Es ist nichts drinnen. Ich musste nach einem Angriff einmal selbst ins Spital. Tatsächlich hatte ich dort sogar einen VIP-Raum: Aber in dem Raum war nur eine Matratze. Das ist VIP bei uns. Deswegen sage ich ja immer: Wenn in Europa die Krankenhäuser ihre alten Betten entsorgen, dann sollen sie die doch nach Somalia schicken. Wir brauchen sie.


Haben Frauen dann nicht Angst, ihre Kinder im Krankenhaus zu bekommen?

Ich sage Ihnen etwas, viele Frauen bekommen ihre Kinder zu Hause, und dann verbluten sie. Weil zuerst musst du sie aufschneiden, wenn sie heiraten, dann wieder zunähen, dann wieder aufschneiden, wenn sie ein Kind bekommen. Es ist einfach nur krank. Und wir haben ja kaum Hebammen, die bei der Geburt helfen. Das ist das größte Problem. Und wenn die Frauen dann ins Krankenhaus gebracht werden, dann ist es zu spät.


Wie halten das alle durch?

Somalische Frauen sind sehr stark. Aber sie sind auch sehr verletzlich. Schlussendlich sind es die Männer, die die Waffen tragen. Die Frauen wollen den Frieden. Die Afrikanische Union versucht jetzt die al-Shabaab (islamistische Terroristen, Anm.) aus dem Land zu treiben. Die al-Shabaab terrorisieren ja auch die Frauen. Sie sagen, was wir anzuziehen haben. Ich glaube nicht, dass irgendjemand diese Kleidung (Niqab, Anm.) gerne trägt. Aber wir tun es aus Angst. Weil du dein Haus sonst nicht verlassen kannst. Sie kidnappen dich sonst.


Wehrt sich denn niemand?

Ich glaube, die Einstellung der somalischen Frauen hat sich geändert. Sie schließen sich zusammen, weil sie gehört werden wollen. Sie wollen, dass jeder weiß, dass sie nicht mehr bereit sind, bei diesem Blödsinn mitzumachen. Sie sind bereit zu kämpfen. Mittlerweile sind somalische Frauen sogar bei Treffen der United Nations dabei. Die Welt soll wissen, dass sie diesen Wahnsinn nicht mehr unterstützen. Genug ist genug!


Viele Menschen denken, dass sich somalische Frauen unterdrücken lassen. Sie zeigen ein anderes Bild.

Oh, das sind sehr starke Frauen. Es ist nur wegen der radikalen Gruppen.

Wollen in so einer Situation nicht viele das Land verlassen?

Wohin sollen sie gehen? Sie würden ihre Kinder beim Gehen verlieren. Es ist besser, sie vor Ort zu unterstützen.


Wie versuchen Sie die Frauen mit Ihrer Arbeit zu unterstützen?

Wir versuchen sie zu fördern und psychologisch zu betreuen. Die meisten haben Furchtbares erlebt. Und sie haben niemanden, mit dem sie darüber reden können. Außerdem schauen wir, dass Mädchen zu Hebammen ausgebildet werden. Es gibt viel zu wenige.


Wie kann Ihrem Land sonst noch geholfen werden?

Alles, was Österreicher hergeben können, ist sehr erwünscht in Somalia. Alles. Bis zum alten Computer. Auf denen bilden wir die Frauen aus. Bildung ist wichtig. Wenn eine Frau ausgebildet wird, ist sie eine informierte Mutter, die ihr Wissen wiederum an ihre Kinder weitergeben kann. Es ist wichtig, in Frauen zu investieren. Sie sind das Rückgrat der Gesellschaft.


In letzter Zeit verbindet man Somalia auch vielfach mit Piraten.

Also ja, das fällt den Leuten immer ein, wenn sie an Somalia denken. Piraten. Aber das sind Terroristen und Kriminelle. Die haben nichts mit unserer Gesellschaft zu tun.


Welche Überlebensstrategien legen sich somalische Frauen zurecht, damit sie nicht verzweifeln?

Grundsätzlich sind somalische Frauen sehr stark. Aber natürlich verlieren auch sie die Hoffnung, wenn sie etwa ein Kind verlieren. Aber man muss irgendwie weitermachen. Was sollten sie auch sonst tun? Ich glaube, viele Frauen halten sich daher an ihrem Glauben fest. Dadurch sind sie auch sehr religiös. Sie hoffen auf Gott.


Die al-Shabaab-Milizen rekrutieren viele Kinder. Was tun die Mütter, damit sie ihre Kinder nicht verlieren?


Sie können gar nichts tun. Das Problem ist, dass die Mädchen und Burschen keine Beschäftigung haben. Irgendwas, das sie ablenkt. Die Armut ist sehr groß. Dann kommen die Männer und geben den Jungen ein bisschen Geld und ein Mobiltelefon. Und schon gehen die Kinder freiwillig mit.


Sie arbeiten direkt in Mogadischu. Ist Ihre Arbeit sehr gefährlich?

Ja, sie ist sehr gefährlich. Auch wenn ich keine Morddrohungen bekomme, weil ich versteckt arbeite. Wenn ich hinausgehe, dann verstecke ich mich hinter einem Niqab. Niemand kennt mein Gesicht. Was auch gut ist. Ich habe zum Beispiel nur einen kleinen Laptop, der in meiner Handtasche Platz hat. Wenn ich mit einem Laptop hinausgehen würde, dann würden sie mich sofort umbringen.


Haben Sie nicht Angst, verraten zu werden?

Doch. Denn wissen Sie, was wirklich traurig ist? Dass Sie nie wissen, wem Sie trauen können. Seit die al-Shabaab aus dem Land gedrängt werden, kämpfen sie mit allen Mitteln. Und sie haben ihre Taktik geändert. Mittlerweile ziehen sie auch Frauenkleider für ihre Attentate an. Oder sie verwenden Esel oder Kinder, die ihre Bomben tragen. Wenn ein Kind auf der Straße daherkommt, dann könnte es ein Kindersoldat sein. Man weiß es ja nicht. Sie dürfen nie jemandem trauen. Nie.


Fühlen Sie sich denn irgendwann sicher?

Nein, nie, das Land ist in keiner Sekunde sicher. Jederzeit kann etwas passieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2012)

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