50 Jahre Star Club: Pilzköpfe im Striplokal

Das Hamburger Konzertlokal machte die Beatles groß und Rockmusik am Kontinent salonfähig – auch heute noch ein Grund zum Feiern.

(c) Dpa/Angelika Warmuth (Angelika Warmuth)

Ruhm, Rausch und Rock'n'Roll: Paul McCartney hat in seinem Leben gewiss mehr erlebt als ein paar Dutzend Durchschnittsbürger zusammen. Aber wenn der Sänger und Bassist der Beatles seine Erinnerungen sortiert, erfährt man Folgendes: „My best memories? Oh, getting crazy on stage in the Star Club.“

Dort, ums Eck von der Reeperbahn, hat vieles begonnen: der Aufstieg eines unbekannten Liverpooler Quartetts zur berühmtesten Band der Popgeschichte. Der Siegeszug der Beatmusik auf dem europäischen Festland. Und der stürmische Auf- und Ausbruch der deutschen Jugend aus dem Mief der wirtschaftswundergläubigen und schlagerseligen Welt ihrer Eltern. Große Freiheit 39: Schon die Adresse war Programm. „Die Not hat ein Ende. Die Zeiten der Dorfmusik sind vorbei“, stand prophetisch auf dem Plakat, das zum Eröffnungsabend lud. Es war der 13. April 1962, also vor 50 Jahren. Das musste dieses Wochenende ausgiebig gefeiert werden, in mehreren anderen Locations – denn das zu feiernde Lokal selbst existiert nur mehr als Gedenkstein.

Die Pilzköpfe im Striplokal

Der Stadtteil St. Pauli war Anfang der Sechzigerjahre eine schäbige Gegend, in der sich Seeleute die Zeit mit Prostituierten vertrieben und nur der Beat für echte Stimmung sorgte. Manfred Weissleder, eine Kiezgröße und Besitzer diverser Erotik-Etablissements, ließ sich von dem wegen Totschlags vorbestraften Profiboxer und Musikmanager Horst Fascher überreden, in einer seiner Immobilien eine musikalische Talenteschmiede einzurichten.

Faschers Konzept: Statt eine einzige Band zu zwingen, sich die ganze Nacht über zu verausgaben, sollte jede Stunde eine andere Gruppe dem Publikum einheizen. Das ging auf, und der Star Club hieß bald nicht umsonst so. Alle Großen der 1960er-Jahre griffen hier in die Saiten: Jimmy Hendrix, Frank Zappa, Chuck Berry, Ray Charles, Little Richard, Fats Domino, Jerry Lee Lewis und Bill Haley. Ach ja, und diese Pilzköpfe aus Liverpool.

Sie waren zwei Jahre zuvor voller Hoffnung in den neuen Musik-Hotspot Hamburg gekommen und rasch auf dem harten Boden der Kiez-Realität gelandet. Im grindigen Striplokal Indra gaben sie die ganze Nacht über den Pausenfüller für Nutten und Freier – damals noch mit Pete Best als Schlagzeuger. Die Umstände zwangen sie dazu, ihr schmales Repertoire zu erweitern und nicht gar so eingeschüchtert auf der Bühne zu stehen: „Macht Schau, Engländer“, maulte sie der unzufriedene Wirt an. Er quartierte sie in zwei fensterlosen Hinterzimmern seines Bambi-Kinos ein, ohne Heizung und Dusche, direkt hinter der Leinwand und vor ständiger cineastischer Lärmkulisse. Den Schlafentzug ertrugen die Musiker nur mit Unmengen Holsten-Bier und Preludin-Pillen, einer damals ebenso illegalen wie populären Muntermacherdroge.

Veteranen rocken ab

Da war der Star Club schon ein Fortschritt. Die Fab Four wurden übermütig: John Lennon trat im Affenkostüm auf die Bühne oder auch nur in Unterhose und mit Klobrille um den Hals. Schon während ihres ersten langen Gastspiels ereilte sie ein Telegramm ihres Managers: „Glückwunsch, Jungs. Die Plattenfirma EMI will Aufnahmen mit euch machen.“

So wie den Beatles ging es so manchen Stars jener Zeit: In wenigen Jahren füllten sie große Hallen und Stadien, und für Musiklokale wurden sie unbezahlbar. Schon 1969, nach nur sieben glorreichen Jahren, musste der Star Club seine Pforten schließen. Das berüchtigte Sextheater Salambo zog ein, mit Geschlechtsverkehr auf offener Bühne. Später brannte das Gebäude aus und wurde abgerissen.

So luden am Freitag die Erben zum Tanz – und holten die Veteranen aus der Versenkung. Der 76-jährige Fascher hielt in der Großen Freiheit 36 und daneben im Kaiserkeller Hof. Auf der Bühne rockten „The Quarrymen“ – und damit niemand Geringerer als die Beatles, als sie noch nicht Beatles hießen. Die Liverpooler Schulfreunde leben noch heute gut davon, dass in ihrer Combo zu Jugendzeiten einst McCartney, Lennon und George Harrison dilettierten.

Mit seiner Band gab auch der tragische Pete Best einiges zum Besten. Der Drummer wurde, angeblich mangels Talent, schon 1962 durch Ringo Starr ersetzt. Der kometenhafte Aufstieg seiner undankbaren Kollegen ließ ihn in Depressionen verfallen, bis hin zu einem Selbstmordversuch. Erst seit Kurzem ist das Glück ihm hold: Seit EMI 1995 mit der Doppel-CD „Anthology 1“ ganz frühe Beatles-Songs auf den Markt brachte, lebt er als Millionär von den Tantiemen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2012)

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