Türkei: Eine transsexuelle Diva regt auf

Die Sängerin Bülent Ersoy steht bereits seit über 40 Jahren auf der Bühne, ist transsexuell und erfolgreich. Ein Mysterium in der Türkei.

Archivbild: Bülent Ersoy in den 1990ern
Schließen
Archivbild: Bülent Ersoy in den 1990ern
(c) � STR New / Reuters

So schrill kann ein echter Paradiesvogel gar nicht sein. Bülent Ersoy, Grande Dame der türkischen Volksmusik, sitzt während der populären Talkshow „Beyaz Show“ auf einem mondänen Fauteuil, in einem neonblauen Federkleid und pompösen Kunstwimpern, erblickt das Glas auf dem Beistelltisch und fragt den Moderator vorwurfsvoll: „Was ist das? Wasser?“ – woraufhin dieser das Showpersonal um einen Früchtetee bittet, aber auch damit ist Ersoy nicht zufrieden zu stellen: „Was, Früchtetee?“

Und bevor sie aussprechen kann, was sie eigentlich möchte, Schnaps nämlich, liefert sie den Zuschauern auch gleich die Antwort, warum das wohl nicht klappen wird: „Das geht bei RTÜK (Regulierungsbehörde für den privaten Rundfunk, Anm.) wohl nicht durch.“ Freilich hat das ganze Land über diesen Auftritt Mitte Mai gesprochen. Manche bekritteln ihr grausames Outfit, andere finden Alkoholscherze daneben, wiederum andere lachen darüber. Ersoy selbst ist sämtliche Reaktionen längst gewohnt. So kontrovers wie sie – am heutigen Samstag feiert sie ihren 60. Geburtstag – ist kaum ein Showstar in der Türkei.

Ersoy wurde als Mann geboren und stand bereits mit 18 Jahren auf der Bühne. In London unterzog er sich einer Geschlechtsumwandlung, nur kurze Zeit später – nach dem Militärputsch 1980 – erhielt sie Bühnenverbot (wie andere trans- und homosexuelle Künstler auch). Die Sängerin verbrachte anschließend mehrere Jahre in Deutschland, bis der ehemalige Ministerpräsident Turgut Özal das Verbot wieder aufhob. Ihrer Karriere haben das Exil und die Umwandlung nicht geschadet. Und dieser Umstand darf ruhig als Mysterium bezeichnet werden, schließlich ist die Türkei nicht für ihre Offenheit gegenüber Trans- und Homosexuellen bekannt.

In Sachen Musik aber scheint die türkische Gesellschaft eine gewisse Toleranz an den Tag zu legen: Vor Ersoy trat der beliebte Sänger Zeki Müren in Minikleidern und Netzstrümpfen auf – und das in den 1960er-Jahren. Ersoy hingegen veröffentlichte erfolgreich ein Album nach dem anderen, trat auf so ziemlich jeder Bühne des Landes auf (obwohl sie nach einem Auftritt angeschossen und schwer verletzt wurde) und war zuletzt Jurorin der Castingshow „Popstar Alaturka“. Während der ersten Staffel lernte sie den damals 25-jährigen Teilnehmer Armagan Uzun näher kennen, die beiden heirateten kurze Zeit später und sorgen damit für ein mediales Donnerwetter. Nur ein paar Monate später folgte die ebenfalls medienwirksame Scheidung.

Eines hat Ersoy nämlich immer schon getan, ob nun freiwillig oder nicht: der türkischen Klatschpresse Futter gegeben. Dabei sind ihr Schminkkästchen genauso ein Thema wie ihre angebliche Vorliebe für jüngere Männer und ihre Aussagen zur Tagespolitik. Vor vier Jahren sorgte die Sängerin für einen Eklat, als sie nach dem Einmarsch der türkischen Armee in den Nordirak bekundete, dass sie ihren Sohn sicher nicht in den Einsatz und damit „unter die Erde“ schicken würde. Der konservativ-nationalistische Teil des Landes reagierte mit Entsetzen, der liberale mit Applaus. Selbst ein Strafverfahren wurde eingeleitet, wegen „Entfremdung des Volkes vom Militärdienst.“ Und erst kürzlich schaltete sich Ersoy in die aktuelle Debatte über Abtreibungen ein (die Regierung will das Recht zur Abtreibung einschränken): Nein, sie würde nicht abtreiben lassen, sagte Ersoy. Diesmal applaudierten die Konservativen und die Liberalen verdrehten die Augen.

Wie auch immer sie sich äußert, Ersoy setzt sich jedes Mal gekonnt in Szene – nicht umsonst wird sie „Diva“ genannt. Ob sie nun wirklich die transsexuelle Diva einer teils homophoben Nation ist oder ein schrulliges Original oder eine verblichene Sängerin mit seltsamer Garderobe – darüber ist sich die türkische Gesellschaft trotz all ihrer Erfolge noch nicht einig.

Auf einen Blick

Bülent Ersoy wurde am 9. Juni 1952 in Istanbul als Mann geboren. 1980 unterzog sich Ersoy in London einer Geschlechtsumwandlung. Ihrer Karriere hat dieser Schritt nicht geschadet, sie gilt als eine der beliebtesten Sängerinnen in der Türkei. Nach einem Auftritt 1989 wurde die Sängerin angeschossen und verlor dabei eine Niere. Lange Zeit galt sie als unpolitisch, neuerdings kommentiert sie häufiger die aktuelle Tagespolitik – und sorgt damit entweder für Applaus oder Kopfschütteln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)

Kommentar zu Artikel:

Türkei: Eine transsexuelle Diva regt auf

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen