Davide Dato: Der Komet kommt!

Mit Hip-Hop und Salsa begann der Italiener Davide Dato. Nun ist er nur mehr wenige Sprünge vom Solisten im Staatsballett entfernt. „Man muss genießen, was man hat und nicht zu viel grübeln“, lautet Datos Devise.

Davide Dato Komet kommt
Davide Dato Komet kommt
Davide Dato – (c) Christine Pichler

Lässig schlendert er durch die Operngasse, kaut an seinem dick belegten Ciabatta-Wecken, streckt die braun gebrannten Knie aus der karierten Bermuda, zeigt ein strahlendes Lächeln, genießt den Tag. Ein junger Mann wie jeder andere. „Nein“, sagt Davide Dato, „ich bin nicht wie jeder andere. Leider.“ Der Spaß der Twens ist nicht seiner. Das Vergnügen des 22-Jährigen ist die Arbeit, seiner Leidenschaft frönt er im Probensaal und auf der Bühne. Davide Dato ist Tänzer, der jüngste Halbsolist im Wiener Staatsballett.

Ein kleiner Seufzer entschlüpft ihm schon, wenn er aufzählt, was ihm seit Kindesbeinen versagt ist: „Skifahren, Eislaufen, Bungee-Jumping, Motorradfahren, Party Feiern, Essen und Trinken, so viel ich will.“ Die Nachmittagsjause mit Wurst und Käse sei eine Ausnahme, beteuert er. Die Probe hat ihm keine Zeit zum Mittagessen gelassen. Doch das Bedauern wegen des Verzichts auf die „üblichen Vergnügungen der Altersgenossen“ ist nur kurz, denn „ich mache ohnehin genau das, was mir Spaß macht. Ich tanze. Das ist momentan genau das, was ich machen will.“ Dem Tanz widmet er daher auch alle freien Stunden. Für eine Freundin oder einen Freund, sagt er, „ist keine Zeit. Das Tanzen, immer besser zu werden, andere zu beobachten, von ihnen zu lernen ist mir jetzt wichtiger.“ Als verbissener Ehrgeizling geht der junge Mann jedoch nicht durch die Welt, eher als Genießer, der „immer nur das machen will, was Spaß macht.“ 

Davide Dato – (c) Christine Pichler
Schwesterlein, komm tanz mit mir. Bei den allerersten Schritten musste Grata, die jüngere Schwester, beide Hände reichen. Prinz und Prinzessin wollten die Geschwister aus Biella im Piemont nicht sein. Lieber wiegten sie sich im Salsa-Rhythmus oder tobten als Breakdancer durchs Wohnzimmer. Mit Begeisterung besuchten sie die Tanzschule. Hip-Hop, Salsa, Merengue und Mambo waren ihre Domäne. „Wir waren gut, wir sind bei Wettbewerben aufgetreten bis ich 15 war. Ich habe das Gefühl von Theater gemocht, die Bühne und das Licht. Ballett habe ich zunächst nur nebenher gelernt.“ Ein Sommerworkshop brachte die Wende. Der talentierte Teenager entdeckte „eine andere Welt“, die des klassischen Tanzes und wählte einen Weg, den viele Tänzer auf der Suche nach mehr Freiheit in umgekehrter Richtung gehen. Davide aber ließ sich gerne fesseln und widmete sich mit Elan den strengen Regeln des klassischen Balletts. Die Eltern unterstützten ihn mit dem gleichen Eifer: „Ein Jahr lang führten sie mich dreimal in der Woche nach Mailand zum Training. Meine Mutter brachte mich hin, mein Vater holte mich am Abend ab. Das waren jedes Mal mehr als 100 Kilometer.“ Der Fleiß wurde mit der Aufnahme in die berühmte Rudra-School Lausanne von Maurice Béjart – „Der war damals noch am Leben“ – belohnt. Zugleich schickte er auf Anraten seines Lehrers eine DVD nach Wien. Jolantha Seyfried, damals Direktorin der Ballettschule, sah und Dato siegte. Mit einem Stipendium bekam der 16-Jährige einen Platz in der Ballettschule und im Internat Boerhaavegasse. Neben dem Tanzunterricht musste sich Dato vor allem mit Sprachproblemen herumschlagen. „Ich wollte unbedingt auch das Gymnasium abschließen.“

Immer auf dem Stehplatz. Also büffelte er nach dem Ballettabschluss weiter für die Matura, tanzte zusätzlich in der Theaterklasse. „Das war furchtbar, weil ich kein Wort Deutsch konnte. Mein Glück war meine Französischlehrerin, Susanna Hansal. Sie hat mir sehr geholfen, mich quasi adoptiert und ist auch jetzt noch immer für mich da.“ Mit 18 konnte Dato zwei Zeugnisse mit der Note „Ausgezeichnet“ rahmen lassen: „Ich war der Einzige, der ohne Deutsch gekommen ist und die Matura geschafft hat und der Einzige, der an die Oper engagiert worden ist.“

Schon während der Schulzeit hat er jede Ballettvorstellung gesehen: „Immer auf dem Stehplatz. Ich habe viel gelernt, nicht nur alle Namen. Als ich engagiert wurde, war ich gleich zu Hause.“ Datos offenes Wesen, seine gute Laune stehen keineswegs im Widerspruch zu Arbeitseifer und professioneller Ernsthaftigkeit. Mit Sprungkraft, Eleganz und Virtuosität hat er das Publikum erobert. Blumen und Teddybären warten nach jeder Vorstellung an der Bühnentüre auf den feschen Jüngling. Den ersten Sonderapplaus erntete Dato als Max und auch als Moritz im gleichnamigen Ballett nach Wilhelm Busch. Zuletzt brillierte er als wilder Zigeuner in „Don Quixote“ und wird als funkelnder Rubin zwischen den Juwelen Natalie Kusch und Ketevan Papava in George Balanchines „Rubies“ zu sehen sein. Als Zeichen internationaler Anerkennung sind Goldmedaillen und Urkunden in der Vitrine gestapelt. In längst perfektem Deutsch spricht Dato über die Zukunft. Krampfhaftes Karriereplanen liegt ihm nicht, er schaut gelassen und neugierig nach vorn. Im Herbst kommt „Romeo und Julia“.

Die Titelrolle allerdings, das weiß er, liegt noch in der Ferne. „Es ist egal, welche Rolle man tanzt. Man muss genießen, was man hat und nicht zu viel grübeln. Tanzen ist das, was ich immer wollte. Wenn man es nicht leidenschaftlich liebt, gibt es keinen Grund, es zu machen. Ich sehe so viele, die frustriert sind, denen das Tanzen keinen Spaß macht, ich weiß nicht, warum sie es dann tun. Der Beruf ist so schwer, so anstrengend und nicht so gut bezahlt.“ Dato bleibt Optimist: „Ich glaube an die Arbeit: Wenn man das macht, was man machen muss, bekommt man immer, was man verdient.“ Lachend korrigiert er sich: ­„Na ja, fast immer.“

TIPP

„Nurejew-Gala“, 23. 6., „Romeo und Julia“ als Mercutio, 17./21. 9. 2012, beide Staatsoper www.wiener-staatsballett.at

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