Ballsaison: Etikette und Exzess

Sie sind altmodisch und oft nur auf den ersten Blick elegant. Trotzdem sind Österreichs Bälle von Wien bis St. Florian auch heuer wieder ausverkauft, und die Wirtschaft betont unermüdlich deren Wertschöpfung.

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Er stammt aus der Monarchie, sein exaktes Alter kennt niemand und dennoch ist er nicht umzubringen: der Ball. Jene leicht antiquierte Tanzveranstaltung, die gehäuft (aber nicht nur) im Fasching vorkommt. Die im besten Fall in historisch-schönen Hallen stattfindet, wie in der Wiener Hofburg oder im Musikverein. Im weniger optimalen Fall tut's auch die Grazer Stadthalle oder der Turnsaal im Kolpinghaus.

Im Vorjahr hat man den Ball beinahe totgesagt. Die Wirtschaftskrise hatte vor allem heimischen Unternehmen den Auftritt in der eigenen Loge und mit weit gereisten Firmenkunden vermiest. Hieß es. Die Bälle waren trotzdem ausverkauft und ein Jahr später – Rezession hin, steigende Arbeitslosigkeit her – spürt die Ballbranche noch immer keinen Einbruch. Alle großen Bälle, wie etwa der vom Verein Grünes Kreuz (Jägerball) morgen, Montag, verkaufen sich. Das Krisengerede ist gänzlich verstummt. Im Gegenteil, die Wiener Wirtschaftskammer wird nicht müde, die Wertschöpfung der Ballsaison zu betonen. 67 Mio. Euro bringen die 450 größeren Bälle der Hauptstadt heuer.

Das vielleicht interessanteste Detail an dieser Amour der Österreicher zu dem altmodischen Tanzvergnügen: Gerade die Jungen gehen hin. Mehr denn je, sagen Veranstalter und Tanzschulen. Beim Philharmonikerball wurde die Zahl der Debütantenpaare dieses Jahr um ein Drittel aufgestockt – um der großen Nachfrage junger Paare gerecht zu werden. Eine Tendenz, die den Jugendforscher Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung nicht überrascht. „Auf Bälle zu gehen“, sagt er, „war für junge Menschen schon einmal uncooler als jetzt“, trotz der mitunter „gespreizten“ Atmosphäre, die gerade auf den großen, teuren Bällen herrscht. Trotz der traditionellen, spießigen Inszenierung der (Möchtegern-)Gehobenen, die beim Ballbesuch mitgeliefert wird.

Nicht trotz, sagt Jugendforscher Ikrath. Sondern gerade deswegenzieht es viele Junge auf die Bälle, „ein Phänomen der letzten zehn, fünfzehn Jahre“. Für Ikrath ist das „eine Generation Jugendlicher, die sich nicht um jeden Preis von den Erwachsenen abheben will,“ sondern deren Traditionen unkritisch übernimmt. Auch wenn die Jungen nicht immer exakt formulieren können, was sie tatsächlich in die Ballsäle lockt. Das Ambiente, die schönen Gebäude, die elegante (Ver-)Kleidung, sagen viele der Generation Facebook. Nur wenige kommen wirklich wegen des Tanzes. So wie der IT-Spezialist Christoph Härtl, der heuer den Opernball eröffnet. Mit 24 ist er fast schon „alt“, der Debütantendurchschnitt ist unter 20. „Wenn ich nicht tanzen könnte, würde ich auch keine Bälle besuchen“, sagt Härtl. Er weiß aber, dass viele junge Menschen eher in der Disco als beim Walzertanzen zu finden sind.


Abheben vom Proletariat. Also doch eher Pop statt Gesellschaftstanz? Nicht ganz. Wer auf Bälle geht, kann etwas mit dieser Kultur anfangen oder hat sie von zu Hause mitbekommen. Trotzdem: In der Klientel der U19-Ballbesucher finden sich, so Philipp Ikrath, „wenige, die im normalen Leben Hip-Hopper sind oder ins Lokal „Nachtschicht“ gehen. Die finden die Bälle natürlich fürchterlich affektiert.“

Der typische junge Ballgast stamme eher aus einer bildungsbürgerlichen Schicht oder würde gern zu dieser gehören. Zumindest einen Ballabend lang gelingt das mittels teurer Eintrittskarten und ebensolcher Garderobe. „Da schwingt viel Elitätsbewusstsein mit“, sagt Ikrath. „Böse formuliert wollen sich diese Jugendlichen von den Proleten abheben, indem sie die Faschingssaison kultiviert gestalten.“ Der Wiener Tanzschulbesitzer Roman Svabek sieht das naturgemäß anders. Aus seinen Tanzkursen wisse er, „dass es nicht mehr diese eine Schicht gibt, die auf Bälle geht“.

Auch Erwachsene quer durch alle Schichten sehnen sich in einer Kultur, „in der es eigentlich auf nichts mehr ankommt“, nach Etikette. Zumindest glaubt das Tillmann Prüfer, der Stilkritiker der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“. „In Berlin können Sie in Unterhosen zu einer Filmpremiere gehen, und wenn Sie sagen, das ist so gewollt, wird das akzeptiert.“ Auch deshalb würden sich manche danach sehnen, wohin zu gehen, „wo man nicht reindarf, wenn man keinen Smoking trägt“. Auch die Deutschen (und ja, auch die Berliner) gehen wieder vermehrt auf Bälle, die Münchner etwa auf „ihren“ Opernball, den Filmball im Bayrischen Hof.

„Trotzdem ist es doch immer noch ein sehr österreichisches Phänomen“, glaubt der in Zürich lebende deutsche Autor und Stilexperte Philipp Tingler. „Zürich ist hingegen nicht gerade eine Metropole des Ballwesens.“ Wenn er in Wien zu Besuch ist, dann sieht er „tagsüber viele Menschen, die ich mir ohne weiters auf so einem Ball vorstellen kann“. Menschen, die auf Titel und Formalismen Wert legen. Dabei sei der Ballbesuch nicht nur Vergnügen: „Man geht ein Commitment für mehrere Stunden ein, muss in dieser Garderobe bleiben und darin vielleicht auch noch tanzen. Und die Menschen zahlen auch noch dafür.“


Etikette ist nicht käuflich. Tillmann Prüfer will nicht nur die Sehnsucht nach Etikette erkennen, sondern auch eine nach Exzess. Weil Bälle einer seltsamen Dynamik unterliegen würden: bis Mitternacht geht es fein und elegant zu, danach herrscht Anarchie. „Viele genießen einen Ball, weil man sich dort gesellschaftlich goutiert betrinken kann. Es geht auch darum, sich besonders viel Champagner zwischen die Backen zu knallen.“ Das gilt gerade auch für die Jungen, die auf Bällen oft unter den gnädigen Augen (und mit dem Geld) der Eltern trinken dürfen.

Apropos Etikette: Die kann man mit Geld nicht kaufen. Man hat sie oder eben nicht. Weshalb Bälle sowohl in der Großstadt als auch in der Provinz mitunter zum Defilee schlecht frisierter, geschmacklos gekleideter Besucher werden, wobei Prüfer und Tingler dem durchaus positiv gegenüberstehen. Dieser Aufmarsch der Eitelkeit habe etwas Unterhaltsames. „Und es ist ein Phänomen, das man bei allen Veranstaltungen beobachten kann, bei denen der Zugang über Geld geregelt wird“, sagt Tingler.

Entstanden ist die Ballkultur aus den Tanzveranstaltungen des Adels der Barockzeit. „Wie viele Rituale sind auch solche Veranstaltungen im Laufe der Zeit von den höheren Ständen über das Bürgertum nach unten gesickert“, sagt der Grazer Soziologe Manfred Prisching. Heute ist sie bei der breiten Masse angekommen. Und in Wien lässt sich zusätzlich beobachten, dass sogar jüngere und nicht konservative Kreise auf den klassischen Ball setzen – wie Life Ball oder Flüchtlingsball. Auch wenn sie ihn in vielen Belangen ironisieren oder sich wie der Rosenball als Opernball-Alternative sehen, bleibt man der Form treu.

Früher, sagt Prisching, sei es bei Bällen auch darum gegangen, junge Menschen im heiratsfähigen Alter der Öffentlichkeit – und damit potenziellen Partnern – zu präsentieren. Heute gehe es eher um die „Vergemeinschaftung“: darum, dass Menschen gemeinsam an den gleichen Ritualen teilnehmen. Ähnlich wie Feuerwehrfeste oder Kirtage haben Bälle eine hohe Beständigkeit – und ähnliche Erfolgsrezepte: „Musik, Tanz und viel Interaktion mit anderen Menschen.“ Kurz: inszenierte Spießigkeit im Dreivierteltakt.

(c) Die Presse / HR

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2010)

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