Walk of Häme

Zwischen Spaghetti-Western und Heimatfilm

Oder: Warum Gut, Böse oder Hässlich zuallererst von der Perspektive abhängt.

Alte Filme haben diese Woche eine zentrale Rolle gespielt. Dabei war es wie meistens: Den Film hat sich niemand angeschaut, aber der Titel musste freischwebend herhalten. Das hat Tradition in der politischen Debatte: Kaum jemand liest Bachmann, Handke oder Hesse, trotzdem wollen alle den Menschen Wahrheiten zumuten, vor Elfmetern Angst haben und sich am Anfangszauber ergötzen.

Übrigens: Wenn Sie wieder einmal so einen richtigen Spaghetti-Western anschauen wollen (ein geschwänzter Vormittag ist dafür besonders geeignet, auch wenn man längst nicht mehr in die Schule geht), dann vielleicht nicht einen der so häufig zitierten D-Filme oder den unvermeidlichen mit der Mundharmonika, sondern bitte „Il buono, il brutto, il cattivo“. Der deutsche Titel „Zwei glorreiche Halunken“ will uns kaum über die Tastatur kommen. Warum es bis heute so selten gelingt, Filmtitel einigermaßen sinnvoll einzudeutschen, bleibt ein Geheimnis.

In dem Film geht es natürlich nicht um zwei, sondern um drei, und Halunken trifft die Sache auch gar nicht. Also besser nicht beim Titel hängenbleiben (gehängt wird in dem Film natürlich auch gern), sondern bis zum Ende schauen. Die Musik bringen wir danach nicht mehr aus den Ohren. Und wer hätte damals schon gedacht, dass dieser schweigsame Schauspieler 40 Jahre später einmal für Filme wie „Gran Torino“ verantwortlich sein würde? Nur der Hang zum Colt ist Clint Eastwood leider auch abseits des Sets geblieben.

Wer also in diesem „Wer als erster ,Wahl‘ ruft, verliert“-Spiel momentan der Gute, wer der Böse und wer der Hässliche ist, hängt ganz von der Perspektive ab. Im Zweifelsfall ist jedenfalls immer der andere schuld.

Doch vom Western wurde ohnehin recht schnell wieder zu einem Genre gewechselt, in dem man in Österreich weit trittsicherer ist: dem Heimatfilm. Einmal mehr musste die Kulisse von Alpbach samt Handgeschnitztem und Selbstgebranntem herhalten, um die Machtverschiebungen im fernen Wien auszuverhandeln. „Im Westen nichts Neues“ wäre auch wieder so ein oft missbrauchter Titel.

Im Osten warten wir zumindest noch bis heute Abend, bis wir wissen, wie es weitergeht. Spannend bleibt es jedenfalls. Wie das halt so ist, wenn High Noon ist. Und wenn uns nach Happy End ist, schalten wir eben um – zum Heimatfilm.

florian.asamer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2017)

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