Weltmeisterwelt von Gestern

Oder: Warum ein Italiener die USA ein Stück größer machen könnte. Ohne Trump.

Schon in drei Wochen könnte Amerika tatsächlich wieder „great“ sein. Oder doch zumindest ein ordentliches Stückchen größer als bisher schon. Und das hat so überhaupt nichts mit Donald Trump zu tun. Sondern mit Fabiano Caruana. Der 26-jährige italienisch-amerikanische Doppelstaatsbürger geht nämlich für die USA ins Rennen um den Titel eines Schachweltmeisters.

Seit 1972, als der legendäre Schachspinner Bobby Fischer in einer auf das Schachbrett ausgelagerten Schlacht im Rahmen des Kalten Krieges gegen den Russen Boris Spassky gewann, durfte sich kein US-Amerikaner mehr bester Schachspieler der Welt nennen. Während andere glamouröse Titel mit Weltgeltung wie ein Nobelpreis oder ein Oscar jüngst doch merklich an Glanz und Gewicht verloren haben, ist der Schachweltmeister immer noch das, was er schon zu Zeiten Stefan Zweigs war: Synonym für Geistesriesentum (wobei das Schachspielen ja eher als Spezialbegabung als Ausweis breiten Genies gilt).

Caruana, der bis vor Kurzem noch für Italien gespielt hat, bekommt es mit dem inzwischen in die Jahre gekommenen norwegischen Wunderkind Magnus Carlsen zu tun. Der 27-Jährige ist seit sieben Jahren die unbestrittene Nummer eins der Schachwelt und seit 2013 Weltmeister (er löste damals den Inder Viswanathan Anand ab). Bis 28. November soll nun in London in zwölf Partien der neue Titelträger gefunden werden, bei einem Remis entscheidet ein Stechen im Schnell- und Blitzschach, die Spezialität des intuitiven Titelträgers Carlsen. Bei den allgemein immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen werden die stundenlangen Partien, in denen Nuancen entscheiden, nicht nur zur Herausforderung für ein social-media-gewöhntes Publikum, sondern ist die ganze Veranstaltung ein fast anachronistisches Statement für analoges Geistesringen (nur um die romantische Verklärung nicht zu übertreiben: Die Vorbereitung auf die Partien findet in Teams mit massiver Computerunterstützung statt).

Wir Europäer jedenfalls können nur gewinnen: Entweder siegt ein Norweger über einen US-Amerikaner, dann hat sich die Alte Welt wieder einmal in einer klassischen Kulturtechnik als überlegen erwiesen. Falls doch der Amerikaner gewinnt, dann ist er eben ein Italiener. Und die USA ein Stück größer. Ganz ohne Trump.

florian.asamer@diepresse.com
[OXQ21]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2018)

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