„Haute Joaillerie“: Treffpunkt Place Vendôme

Von Hand gefertigte Unikate in der Schatulle und im Schrank: Das funkelnde Pendant zu Pariser Couture-Kreationen sind Kostbarkeiten der „Haute Joaillerie“.

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(c) Beigestellt

An der Place Vendôme im ersten Pariser Arrondissement ist die Dichte an schwarzen Limousinen mit verdunkelten Scheiben vielleicht noch eine Spur größer als an vergleichbar „guten Adressen“. Das liegt wohl daran, dass am Platz selbst das derzeit in Umbau befindliche Ritz ansässig ist, ein paar Schritte weiter residiert man im ebenfalls fürstlichen Lotti oder dem Hôtel Vendôme. Während der Haute-Couture-Defilees überrannte einander außerdem hier das Modevolk, da die Kollektionen von Armani Privé vor Ort gezeigt wurden (derzeit wird das Théâtre Armani umgebaut). Von Luxus verwöhnte Menschen, die sich hierher begeben, haben gemeinhin aber eines im Sinn: Kostbarkeiten, und zwar die erlesensten und teuersten, die die Welt zu bieten hat.

Das Pendant zur Haute Couture, die in Paris einem strengen Regelwerk unterliegt (siehe Kasten S. 40), in den Gefilden der Goldschmiedekunst ist die Haute Joaillerie. Aufseiten der Kundschaft geht es um die Bereitschaft, besonders hohe Summen auszugeben – und dafür von Hand gefertigte Einzelstücke zu erwerben, die von Distinktionsvermögen zeugen. Es handelt sich dabei vorrangig um eine Frage des Lebensstils. Ein besonderes
Distinktionskriterium, das man in der „simplen“ Prêt-à-porter nicht so schnell findet: Wer sich Haute Joaillerie, die meist nicht um weniger als 40.000 Euro zu haben ist, leistet, kommt großteils mit dem hauseigenen Privatjet und residiert stilecht im Herzen von Paris. Wie gesagt – Lotti, Ritz (wenn wieder eröffnet) und Hôtel Vendôme sind „next door“.

„Haute Joaillerie“: Kostbarkeiten



Liebäugeln. Darum zeigen sich auch die großen Modehäuser besonders generös, wenn es darum geht, ihre betuchte Klientel einzufliegen. Kundenbindungsprogramm auf höchstem Niveau, könnte man sagen. Da werden Gäste um den halben Erdball geflogen, in den besten Hotels untergebracht und mit eigenem Fahrer ausgestattet, um sich die neuesten Kollektionen des Hauses zu Gemüte zu führen. Eine logische Ergänzung dieses Shoppingrituals unter „Ultra High Net Worth Individuals“, wie die Bankensprache die reiche Kundschaft bezeichnet, stellt also die Tuchfühlung mit der Königsdisziplin der Juwelierskunst dar, der Haute Joaillerie. Neben großen Schmuckspezialisten wie Boucheron, Cartier, Van Cleef & Arpels oder Chopard liebäugeln immer mehr Modehäuser mit der Joaillerie auf höchster Stufe.

Chanel war das erste Modehaus, das sich den kostspieligen Kunststücken widmete, ehe Dior und schließlich Louis Vuitton dem Beispiel folgten. Die Pionierstaten von Gabrielle Chanel erfolgten vor genau 80 Jahren, also 1932 – derzeit feiert man mit einer Jubiläumskollektion namens „1932“ die Ursprünge. Die gesamtwirtschaftliche Situation verdrängt die Mittelschicht aus der Zielgruppenperspektive, deshalb fokussiert die Luxusindustrie immer mehr auf das Begehren der Geldelite. Und die will es gerade eher üppig. Das neue Geld aus dem arabischen und russischen Raum gibt den Ton vor. Es darf ruhig ein bisschen mehr sein. Mehr Karat, mehr Raffinesse, mehr Handwerkskunst. Was sich natürlich gebündelt in den Verkaufssummen niederschlägt.

Glanzlicht für Wien. Auch Wien wird, wenn man so will, bald zu einem Satelliten der Place Vendôme. Louis Vuitton eröffnet im März 2013 ein eigenes Schmuck-Stockwerk im neuen Megastore auf den Tuchlauben, wo auch die Haute Joaillerie angeboten wird. Das ist eine besondere Ehre für die österreichische Hauptstadt, denn bislang kannte man dieses Schmucksegment der Luxusmarke tatsächlich nur im Herzen von Paris. Mit dem neuen Flagshipstore rutscht Wien in eine neue Skala der Expansionsstrategie.
Auch Dior setzt auf den österreichischen Markt. Mit einer neuen Boutique, die – so wollen es Gerüchte – in das derzeitige Louis-Vuitton-Geschäft am Kohlmarkt ziehen soll, streckt auch dieses Prestigelabel seine Fühler in Österreich aus. Ob es freilich auch den von Victoire de Castellane entworfenen Schmuck geben wird, kommentiert man noch nicht.

Prinzipiell herrscht im Umfeld der Haute Joaillerie oft Schweigen: Die Kunden verlangen Diskretion. Auch wie Verkaufsgespräche verlaufen, wird nicht kommuniziert; dieses Geheimnis bleibt Superreichen vorbehalten. Und die wollen nicht genannt werden. Das respektieren die Luxusmarken selbstverständlich, schließlich möchte man die Kunden ja nicht verschrecken. Die Liste potenzieller Käufer ist ohnehin überschaubar. Zum Glück produziert China gefühlt jede Minute einen neuen Dollar-Millionär – und die kaufen bekanntlich besonders gern in Wien ein

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