Adoption: Der lange Weg zum Kind

Auf jedes Kind, das zur Adoption freigegeben wird, kommen bis zu zehn adoptionswillige Paare, rechnet die Familienministerin vor. Wie schwer ist es in Österreich, ein fremdes Kind zu adoptieren?

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Reuters

Dass Anita Berger einmal Kinder haben wird, war ihr immer schon klar, nur der Zeitpunkt war unklar – „irgendwann“ nach dem nächsten Karriereschritt, nach dem Auskosten des Stadtlebens, nach der Überwindung des letzten Beziehungs-Aus. Als „irgendwann“ da war, war Anita Berger, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, 35 Jahre alt, hatte einen Freund, doch mit dem Baby klappte es nicht. Viele Arzttermine später war Berger 40 Jahre alt und wusste, dass sie nur mehr drei Optionen hatte: Adoption, Pflegekind – oder gar keines.

Bergers Fall ist nicht untypisch. Die Entscheidung, Mutter zu werden, verlagert sich in Österreich immer weiter nach hinten – 1980 lag das durchschnittliche Alter bei der Erstgeburt bei 24 Jahren, 2013 bei 28,7 Jahren. Manchmal merkt man erst zu spät, dass es zu spät ist und wählt als „last exit“ die Adoption – oder versucht es zumindest. 2012 gab es laut Justizministerium in Österreich 265 Adoptionen Minderjähriger, 2013 waren es 319 Adoptionen – 266 der Kinder stammten aus dem Inland, der Rest aus dem Ausland. Dem Familienministerium zufolge kommen auf ein Kind schätzungsweise zehn „Bewerber“.

Ein Dilemma, das unlängst Familienministerin Sophie Karmasin aufgriff. Sie argumentierte damit gegen ihren „Parteikollegen“ (Karmasin ist ja parteifrei) Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter, der – untypisch für die ÖVP – auch homosexuellen Paaren das Adoptieren von fremden Kindern ermöglichen will. Karmasins Argument lautete: zu viel Konkurrenz. Es sei schon für heterosexuelle Paare schwer genug. Ist das so? Und wie hart ist es genau? Etwa in Wien?

Konkurrenz. Denn Wien ist das Bundesland mit den meisten Adoptionen, was Kenner der Materie darauf zurückführen, dass Adoptionskinder generell öfter einen Migrationshintergrund aufweisen, der wiederum in der Bundeshauptstadt häufiger ist – eine genaue Statistik fehlt jedoch. Aber sogar in Wien gab es im Jahr 2013 „nur“ 32 Adoptionen. Demgegenüber stehen laut Jugendamt 40 Paare, die ein Kind adoptieren möchten. Laut Efkö (Eltern für Kinder Österreich) sind es mehr: 60 bis 70. Efkö ist ein Verein, der die Vorbereitungskurse für potenzielle Adoptiveltern und die Nachbetreuung für Auslandsadoptionen in Wien organisiert.

Gerade für Bewerber ab 40 Jahren wird es im Wettbewerb ums Kind hart. Zwar gibt es nach den Buchstaben des Gesetzes keine Altersgrenze der Bewerber nach oben (dagegen schon ein Mindestalter von 25 Jahren). De facto aber wird es mit steigendem Alter schwieriger. Da die Adoption im Detail und in der Vollziehung Ländersache ist, variieren die Regeln. In Tirol etwa kommt man nur bis 40 Jahre auf die Vormerkliste für Adoptionswillige, wobei die Adoption selbst dann wegen der Wartezeit später erfolgen kann. Niederösterreich wiederum setzt 45 Jahre als maximalen Altersabstand zwischen Kind und Vater oder Mutter in spe fest – wobei die Grenze nicht ganz starr ist. Tatsächlich landen bei der Volksanwaltschaft fast nur Beschwerden von enttäuschten Adoptivwerbern über 40 Jahren. Markus Huber, Mitarbeiter der Volksanwaltschaft und Familienrechtexperte sagt: „Je älter die Eltern, desto geringer die Chancen.“ Der wichtige Nachsatz: „Das Alter allein ist nie der Grund für die Nicht-Eignung, es fließt aber in die Bewertung ein, wenn es darum geht, ob eine natürliche Eltern-Kind-Beziehung möglich ist.“

In der Warteschleife. „Man muss sich immer fragen, ob die Frau in ihrem Alter auf natürlichem Weg noch ein Kind bekommen könnte“, sagt Herta Staffa, Sprecherin des Wiener Jugendamtes. „Irgendwann hat es keinen Sinn mehr“, sagt auch Margot Zappe, Leiterin des Bereichs Adoption im Efkö. Zuletzt hatte sie die Anfrage eines Paares, beide zwischen 50 und 55 Jahre alt. „Wenn das Kind dann 18 ist, sind die Eltern über 70. So etwas schaut man sich gar nicht mehr an“, sagt Zappe.

Das Alter ist aber nicht die einzige Hürde am Weg zum Kind. In Wien werden etwa nur verheiratete Paare akzeptiert – obwohl das Gesetz das nicht vorschreibt. „Aber das Jugendamt kann sich die Bewerber aussuchen“, sagt Zappe. Die gesetzlich erlaubte Adoption durch Single-Vater oder -Mütter käme so gut wie nicht vor. Anstrengend ist für viele Bewerber auch das lange Warten. Selbst wenn man alle Voraussetzungen erfüllt, ist es nicht sicher, ob man ein Kind bekommt. Zwei bis drei Jahre dauert es, lautet ein Erfahrungswert beim Efkö in Wien. In manchen Bundesländern, wo die Adoption in den jeweiligen Bezirkshauptmannschaften geregelt ist, ist die Wartezeit aber um ein Vielfaches höher.

Bei Robert Birkner und seiner Frau (damals 39 und 33 Jahre alt), war die Warteprognose etwa fünf bis sieben Jahre als sie sich entschlossen, in Niederösterreich ein Kind zu adoptieren. Sie hatten Glück, Tochter Anna – heute zehn Jahre alt – kam nach nur 2,5 Jahren zu ihnen. „Im Jahr davor wurden viele Kinder adoptiert und dann standen wir ganz oben auf der Liste“, erzählt er. Aber nicht immer wird chronologisch gereiht. In Wien wird etwa nicht – wie in anderen Bundesländern – nach dem Einlangen der Pflegebewilligung entschieden, sondern alle Eltern werden in einen Pool gegeben und dann wird geschaut, ob das Kind mit den Eltern zusammenpasst. Das kann so weit gehen, erzählt eine Betroffene, dass auch die Haarfarbe (rothaarige Eltern bekommen rothaarige Kinder) ein Mit-(Auswahlgrund) ist.

„Es werden ja keine Kinder für Eltern gesucht, sondern Eltern für Kinder“, sagt Margot Zappe. Dieser Grundsatz sei auch in den Vorbereitungskursen ein wichtiges Thema. Denn Adoptionskinder haben häufig schwierige Startbedingungen. „Jedes dieser Kinder bringt definitiv ein Packerl mit“, sagt Zappe. Sie kommen oft aus zerrütteten Familien, sind die Kinder von Drogen- und Alkoholabhängigen, haben vielleicht schon Gewalt erlebt. „Man muss da mit Langzeitfolgen rechnen“, sagt Zappe – etwa mit Lern- oder Aufmerksamkeitsstörungen. In den Vorbereitungskursen wird daher ganz genau abgeklärt, ob sich Eltern vorstellen können, das Kind einer Drogensüchtigen zu nehmen.

„Bauchmama.“ Auch die Tochter von Birkner ist das Kind einer Alkoholikerin. „Natürlich macht man sich Gedanken. Aber wir hätten ohnehin jede Hürde genommen“, sagt er – auch ein behindertes Kind. Seine Tochter Anna ist aber gesund. Birkner weiß, dass nicht alle Adoptiveltern so denken: Wie das zukünftige Kind einmal sein und aussehen soll, war in Gesprächsrunden mit anderen Adoptiveltern ein großes Thema. Birkner fand das teils befremdlich.

Birkners Tochter ist über ihre Adoption voll informiert, hat aber keinen Kontakt zu ihrer „Bauchmama“, wie sie sie nennt. Sollte sie je einen wollen, will er sie unterstützen – Anna wurde „halb offen“ adoptiert, d.h. die leiblichen Eltern wissen nicht, wo das Kind ist, können aber über die zuständigen Behörden Kontakt zu den Adoptiveltern aufbauen. Nicht alle Kinder haben die Möglichkeit, ihre leiblichen Eltern kennen zu lernen. Seit 2001 besteht die Möglichkeit einer anonymen Entbindung im Spital. Sie hat die Zahl der Adoptionskinder nicht erhöht, aber zumindest in Wien wird inzwischen ein Drittel der adoptierten Kinder anonym geboren, d.h. es gibt zur Mutter keine Daten. Andererseits gibt es – wiederum in Wien – auch den gegenläufigen Trend zur offenen Adoption, bei der biologische und soziale Eltern in Kontakt sind. Etwa ein Drittel der Wiener Adoptionen ist „offen“.

Bei einer Gruppe von Adoptionen sind die genetischen Wurzeln jedenfalls meist offenkundig – bei jenen aus dem Ausland. Wegen Skandalen in der Vergangenheit sind die Regeln allerdings streng und bundesweit auch nicht einheitlich. Sigrid Bauer und ihr Mann, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, haben sich trotzdem bewusst für die USA entschieden und ein dunkelhäutiges Baby adoptiert. „Mir war das in Wien einfach zu negativ“, sagt sie. Dabei hätte sie mit einem Alter von unter 40 noch gute Chancen gehabt. „Aber ich habe einfach kein gutes Gefühl gehabt.“ In den USA war das anders: „In Amerika sagt jeder gleich einmal, kein Problem, das kriegen wir hin“, sagt sie.

Ein Kind aus dem Ausland kommt jedoch teuer – bezahlt wird zwar nicht die Mutter, aber Flüge, Behördengänge und Arzt kosten. Zu alt darf man übrigens auch für eine Auslandsadoption nicht sein. „Man braucht ja eine Pflegebewilligung für Österreich“, sagt Zappe vom Efkö. Was Bauer an Amerika so gefallen hat, ist, dass die Mutter die Adoptiveltern selbst aussuchen kann. Fast zwei Jahre hat es schlussendlich gedauert, bis sie ihre kleine Tochter in den Armen halten konnten. Die belastenden Erinnerungen am Weg dorthin verblassen aber schnell: „Man vergisst die Mühen davor, wie den Geburtsschmerz.“

Dann lieber ein Pflegekind. Auch Anita Berger hat die Situation für sich gelöst. Mit ihren 40 Jahren rechnete sie sich nach einiger Recherche keine Chancen bei einer Adoption mehr aus. Sie und ihr Mann haben ein Baby in Pflege genommen. Das geht sehr viel schneller, da es viel mehr Pflegekinder – Kinder auf Zeit sozusagen – gibt. Innerhalb eines halben Jahres war der kleine Bub bei ihr. Er ist mittlerweile acht Jahre alt, und sie hofft, er wird für immer bei ihr bleiben.

„Manchmal frage ich mich, ob ich ihn mehr geliebt hätte, wenn ich wüsste, dass er mein leiblicher Sohn ist“, sagt sie. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das möglich ist.“

Adoption in Zahlen

319 Kinder wurden 2013 in Österreich adoptiert. 266 der Kinder stammten aus dem Inland, der Rest aus dem Ausland. Dem Familienministerium zufolge kommen dabei auf ein Kind schätzungsweise zehn „Bewerber“. Exakte Gesamtzahlen sind allerdings Mangelware, weil der Vollzug und die gesetzliche Ausgestaltung der Adoptionsbedingungen im Detail den Ländern obliegt.

Seit 2001 besteht die Möglichkeit einer anonymen Entbindung im Spital. Sie hat die Zahl der Adoptionskinder aber nicht erhöht; zumindest in Wien wird laut Efkö (Eltern für Kinder Österreich) inzwischen ein Drittel der adoptierten Kinder anonym geboren, d.h., es gibt zur Mutter keine Daten. Hingegen gibt es – wiederum in Wien – auch den gegenläufigen Trend zur offenen Adoption, bei der biologische und soziale Eltern in Kontakt sind. Etwa ein Drittel der Wiener Adoptionen ist offen.

Noch mehr zahlen

2

bis 3 Jahre
wartet man in Wien durchschnittlich auf ein Kind. Österreichweit kann es aber viel länger dauern.

45

Jahre
ist in Österreich de facto das Höchstalter für potenzielle Adoptiveltern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2014)

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