Thilo Westermann: Klares Auge, ruhige Hand

Für seine Hinterglasmalerei entwickelte Thilo Westermann eine eigene Technik. Escada druckt seine Motive nun auf Kleider.

Transfer. Details aus Motiven von Thilo Westermann wurden zu textilen Zitaten.
Transfer. Details aus Motiven von Thilo Westermann wurden zu textilen Zitaten.
Transfer. Details aus Motiven von Thilo Westermann wurden zu textilen Zitaten. – (c) Thilo Westermann/Oechsner Galerie

Ein besonders ungeduldiger Mensch sei er in der Tat nicht, räumt Thilo Westermann ein. Ohne nämlich allzu weit in Richtung einer psychologisierenden Gesprächsführung gehen zu wollen, drängt sich in Anbetracht seines unendlich minutiösen Kunstschaffens hier die Frage nach der grundsätzlichen Verfasstheit seiner Persönlichkeit auf. „Doch, doch. Ich bin schon eher der Typ, der sich hin und wieder einmal gern zurückzieht. Die Arbeit beruhigt mich; beim Malen bin ich in meinem Kosmos und vergesse alles um mich herum.“

Akribisch, archaisch, anachronistisch: Solcherlei könnte einem in den Sinn kommen, wenn es gilt, Westermanns Arbeit zu beschreiben. Die Technik, die er für seine Hinterglasmalerei nach und nach perfektionierte, beruht nämlich auf dem Auftrag von unzähligen kleinen Punkten, die, von nahe betrachtet, eine zerfallende Sequenz darstellen mögen, in ihrer Gesamtheit aber ein naturgetreues Bild ergeben. Seine bevorzugten Formate sind A4 oder A5, als Motive wählte er bislang fast ausschließlich Blüten, Blumenschmuck in Vasen. Das nicht eben unbekannte Vanitas-Motiv, die Vollendung des klassischen Stilllebens, wird dabei von Thilo Westermann durch den Reflexionsprozess über die Verortung seiner Kunst, ihre jeweilige Kontextualisierung, ergänzt. „Ich kombiniere die Hinterglasmalerei mit Diasec-Druckunikaten. Die beiden sollen miteinander einen Dialog eingehen.“ Charakteristisch ist hier die so punktgenaue Ausführung der kleinformatigen Gemälde, dass ihre vielfache Vergrößerung ohne Schärfeverlust möglich wird. Zugleich ist auch der großformatige Druck als Unikat gedacht. „In beiden Fällen“, so Westermann, „fasziniert mich die Perfektionierung einer spiegelglatten Oberfläche.“

(c) Beigestellt

Auf neuen Wegen. Was Westermann darüber hinaus interessiert, sind die sogenannten Dispositive im Foucaultschen Sinn. Auch der Dialog zwischen Hinterglasmalerei-Original und Druck-Original als Doppelhängung im jeweiligen Ausstellungsraum ist ein solches Dispositiv. Dasselbe gilt für jede Ausstellungssituation, bisweilen von Westermann fotografisch dokumentiert (zu sehen etwa in Westermanns neuem Künstlerbuch „Vanitas“, Verlag für moderne Kunst). Diese Auseinandersetzung mit Präsentationsformen mag Westermanns Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit einer Modemarke erklären. Schließlich eröffnete ihm dies eine weitere Dispositiv-Dimension.

Der Kreativdirektor von Escada, Daniel Wingate, sah Anfang 2014 in einer Galerie Westermanns Arbeiten und war an einer Kooperation interessiert. „Man ging dann auf meine Galeristin zu, als erste Idee kursierte wohl ein bedrucktes T-Shirt“, erzählt Westermann über die ersten Annäherungsversuche. Während es der Modemarke darum gehe zu vermitteln, dass es bei Escada „um mehr geht als den Goldknopf und das Blumenmuster“, war für den Künstler das Vordringen in ein neues Umfeld reizvoll. „Die Trennung zwischen Kunst und Design macht für mich keinen Sinn – gerade aus der Wiener Tradition weiß man, wie gut die Vorstellung eines Gesamtkonzeptes, in dem Mode und Kunst zueinander finden, funktionieren kann.“ Eine zusätzlich reizvolle Option bestand für ihn darin, die Flächigkeit des Gemäldes bzw. des Kunstdrucks zu durchbrechen und seinen Arbeiten Plastizität zu verleihen: „Eines meiner wichtigsten Anliegen ist ja das Erreichen von Dreidimensionalität durch verschiedene Verfahren“, so Westermann.

Klare Grenzen. Nicht nur das Medium und seine Materialität sind freilich ungewöhnlich: An die Stelle spiegelnden Glases tritt ja fließender Seidenjersey. Auch das von Westermann vorgegebene Prinzip der Produktion von Einzelstücken musste zwangsläufig ausgesetzt werden. Logischerweise war die Bereitschaft zur Vervielfältigung seiner Motive auf Textilien eine Grundvoraussetzung für die Capsule Collection von Escada. „Andererseits wollte ich nicht, dass reproduzierte Drucke zur Dekoration von Schaufenstern eingesetzt werden. Das hätte das Prinzip meiner künstlerischen Arbeit unterwandert.“

Nun ist die Zusammenarbeit von Thilo Westermann mit Escada bei Weitem nicht die erste dieser Art. Auch die potenzielle Kundschaft konnte bereits einen Lernprozess durchlaufen. Nicht jede Kontextverschiebung verläuft allerdings glücklich. „Vieles passiert leider auf einem sehr flachen Niveau. Während ich etwa die Arbeit von Yayoi Kusama sehr schätze, fand ich äußerst unbefriedigend, was daraus im Modekontext gemacht wurde.“

Und so hatte Westermann nicht nur eine ziemlich konkrete Ahnung davon, wie weit er mit Escada gehen wollte und wofür er zu haben war. In den vergangenen Monaten (Verkaufsstart der Kollektion war im Februar) legte er mit Escada auch eine beachtliche Welttournee hin. Und es ist aufgrund der Schnittmenge aus Kunstliebhabern und Modeaficionados wohl auch nicht auszuschließen, dass das eine oder andere Westermann-Escada-Outfit bei Abendveranstaltungen während der Preview-Days zur Biennale in Venedig ausgeführt wurde.

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