Hoch hinaus: Sportliche stöckeln besser

Orthopäden warnen, aber immer mehr Leute behaupten: Mit dem richtigen Training kann man auch in hohen Hacken halbwegs gesund über die Runden kommen.

Stoeckelschuhe
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Stoeckelschuhe
(c) Michaela Bruckberger

Nein“, sagt Wolfgang B. „Nein, ich halte die überhaupt nicht aus. Wenn ich dieses Geräusch hinter mir auf der Straße nur höre, das macht mich ganz nervös.“ Wolfgang B. ist hier allerdings eher die Ausnahme. Denn die meisten Männer werden beim Klacken hoher Hacken aus einem anderen Grund nervös. Stöckelschuhe halten sich nämlich hartnäckig als Inbegriff von Weiblichkeit und Sexyness – egal, was sie langfristig mit dem zweiten und dritten Mittelfußknochen anstellen.

Konnten sich Orthopäden früher damit trösten, dass High Heels hauptsächlich für den Abend reserviert waren, zeigt ein Blick in die Auslagen der Schuhgeschäfte, dass Stöckelschuhe Teil der Alltagsgarderobe geworden sind. Sogar der Frühjahrstrend der „Killer Heels“ hat sich in den Sommer hinübergerettet. In die Jahreszeit der hitzebedingt geschwollenen und damit nicht unbedingt für Absatzhöhen über fünf Zentimeter geeigneten Beine.

Der Trend zum Stöckel mag an der Wirtschaftskrise liegen – angeblich hängen Mode und Wirtschaft, Rocksaum und Konjunktur ja zusammen. Vielleicht wartet eine weitere Binsenweisheit, à la „je tiefer die Kurse, desto höher die Stöckel“ nur darauf entdeckt zu werden. Stellen sich Frauen auf die Füße bzw. Zehenspitzen? Oder besinnen sich die traditionell Hauptbetroffenen bei Kündigungswellen schon vorsorglich auf traditionelle Werte und Reize und stöckeln deshalb aus Überlebensgründen, was das Zeug (und besagter Mittelfußknochen) hält?

Das erklärt vielleicht auch eine gewisse Akzentverschiebung. Die Frage, wie ungesund Stöckelschuhe sind, steht nicht mehr so im Vordergrund – entweder, weil es eh jede weiß, oder weil man da halt leider nix machen kann. Stattdessen wird sehr viel Zeit – und Geld – darauf verwendet, der Damenwelt das Leben auf Zehenspitzen zu erleichtern. Und rund um diese Frage hat sich mittlerweile eine richtige kleine Industrie entwickelt.

Die beginnt bei Utensilien, die es in jedem Schuhgeschäft oder Drogeriemarkt zu kaufen gibt: etwa Geleinlagen, die den Druck auf den Fußballen verringern oder die Fersen davor bewahren sollen, durchgescheuert zu werden. Oder Gumminippel, die auf Stilettoabsätze aufgepfropft werden und einem doppelten Zweck dienen: Erstens kommt man damit halbwegs sicher über Katzenkopfpflaster, Gummifußmatten und Gehsteiggitter jeder Art; und zweitens ersparen sie den peinlichen Moment bei der Gartenparty, wo man den Liebsten bitten muss, einen doch wieder aus dem Rasen zu ziehen, in den man fünf Zentimeter tief eingesunken ist.

Fitness auf 14 Zentimetern. Aus New York und London hat sich – zumindest bis Berlin – noch ein anderer Trend angepirscht: spezielles Fitness- und Gehtraining für Stöckelschuhträgerinnen. Da gibt es sowohl Work-outs in Stöckelschuhen, bei denen jene Muskelpartien trainiert werden, die man für und in High Heels dringend braucht. Da sind nicht nur gute Wadenmuskel gefragt, sondern auch eine trainierte Bauch-, Oberschenkel- und Rückenmuskulatur. Um diese zu stärken, werden auch Kurse für richtige Stöckeltechniken angeboten. „Laufen auf High Heels ist kein Hexenwerk“, meinte die Tanzlehrerin und Kursleiterin Xenia Kotina in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“. „Viele Frauen gehen einfach zu verkrampft ran – und dann wackeln sie oder stapfen. Dabei kommt es eigentlich nur auf starke Füße an.“ Wer diese Kurse besonders erfolgreich absolviert hat, kannsich gleich für das nächste Stiletto-Rennen anmelden, das am 11. Juli am Berliner Ku'damm stattfindet und bei dem die Teilnehmerinnen 100 Meter auf Stöckeln sprinten.

Die meisten Besucherinnen von „Walk on heels“-Kursen haben allerdings weniger sportliche Ziele. Sie setzen darauf, dass Stöckelschuhe ihre Attraktivität steigern. Denn die allgemeine Meinung besagt, dass hohe Hacken schön, weiblich und sexy machen. Sie verlängern die Beine, lassen den Fuß kleiner aussehen, verändern den Gang (man denke an Marilyn Monroes Hüftschwung in „Some Like It Hot“) und die Haltung. Einer italienischen Urologin zufolge gibt es noch einen Bonus: Die richtige Stöckelschuhhaltung trainiert automatisch den Beckenboden – und dessen Funktionsfähigkeit ist für Frauen nicht ganz unwichtig.

Hohlkreuz und Spreizfuß. Für den Malus bei High Heels sind die Orthopäden zuständig. Und die lassen sich's nicht nehmen, auf die Nachteile ständigen Stöckelschuhgebrauchs hinzuweisen: Die Wadenmuskulatur verkürzt sich, das führt zu Problemen mit den Knien und schließlich mit dem Rücken. Vor allem eine bereits vorhandene Neigung zum Hohlkreuz kann verstärkt werden. Durch die Belastung des zweiten und dritten Mittelfußknochens kann sich ein Spreizfuß entwickeln. Dazu kommt die Gefahr, umzuknicken. Orthopädisches Fazit: Höher als fünf Zentimeter sollten Schuhe nicht sein.

Doch selbst Skeptiker geben zu, dass sportliche Frauen mit Stöckelschuhen besser zurecht kommen. Wer regelmäßig trainiert (in Sportschuhen) und sich danach richtig dehnt, verringert zumindest die Gefahr einer verkürzten Wadenmuskulatur.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2009)

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