Wenn der Nachbar zum Freund wird

Sie können die unangenehmsten Zeitgenossen sein oder zu Freunden werden. Nachbarn rücken längst nicht mehr nur auf dem Land näher. Gerade in der Stadt ersetzen sie mitunter Familienstrukturen.

Mehr als Nachbarn. Die Hausgemeinschaft im 13. Bezirk.
Mehr als Nachbarn. Die Hausgemeinschaft im 13. Bezirk.
Mehr als Nachbarn. Die Hausgemeinschaft im 13. Bezirk. – Katharina Fröschl-Roßboth

Jeder von uns hat einen oder mehrere Nachbarn. Egal, wie weit entfernt die nächste Wohnung, die nächste Villa ist, irgendwann wird unser Lebensraum begrenzt, beginnt der Garten, das Haus oder die Terrasse eines anderen. Vor allem in der Großstadt bekommt man die nächsten Nachbarn zwangsläufig mit. Hört, wenn das Flötenkind aus der Wohnung darüber im Morgengrauen zu üben beginnt, die ältere Dame einen Stock tiefer die „Zeit im Bild“ wieder in Maximallautstärke verfolgt. Oder riecht den Müll mit den Windeln des Nachwuchses, den die junge Familie aus dem Erdgeschoß stundenlang im Stiegenhaus stehenlässt.

Wer Tür an Tür mit anderen Menschen wohnt, braucht viel Verständnis - und die Bereitschaft, Rücksicht zu nehmen. Eine Erleichterung kann da sein, wenn man die Anonymität verlässt und mehr von den anderen weiß als Nachname und Türnummer. Noch einfacher wird es mitunter, wenn man sich die Nachbarn schon vor dem Einzug ausgesucht hat. So war das bei der Hausgemeinschaft des Geschäftsführers der ProSiebenSat1Puls4-Gruppe, Michael Stix, und seiner Frau Birgit. Sie hatte das Grundstück im 13. Bezirk entdeckt, auf dem einst eine Villa stand und 2012 ein Haus mit zehn Wohnungen gebaut wurde.

Das Ehepaar Stix motivierte ihre Freunde, Andreas und Stephanie Martin, mitzuziehen. Bei der Besichtigung des Baugrundes lernte man andere zukünftige Eigentümer kennen – und war sich gleich sympathisch. Heute sind fünf der zehn Hausparteien eng miteinander befreundet und sagen: „Das ist mehr, als nur Eier und Mehl auszutauschen.“ Sie teilen den Garten, die Kinderbetreuung und die Hausverwaltung. Gießen die Blumen, füttern die Katzen und leeren den Postkasten, wenn eine Familie verreist. Sie verfolgen gemeinsam Fußballspiele (in Top 3) oder die ersten Hochrechnungen bei Wahlen, organisieren – wie am vergangenen Freitag – Geburtstagsfeste im Garten und feiern zusammen Silvester (meist in Top 1 oder 4). Das sei ein bisschen „wie bei Melrose Place“, der Teenager-Serie aus den 1990ern. Nur mit dem Unterschied, dass die fünf Familien insgesamt zehn Kinder im Alter von null bis acht Jahren haben. „Die verbinden sehr“, sagt Birgit Stix. „In anderen Häusern hat man oft ein schlechtes Gewissen, wenn die Kinder laut sind, das gibt es bei uns nicht.“

Der Anonymität entgehen

Eine Zeit lang mag die Anonymität der Großstadt reizvoll sein. Vor allem junge Menschen, die aus der Provinz in die Stadt und die ersten eigenen vier Wände ziehen, wollen möglichst wenig oder gar nichts mit den Menschen unter demselben Dach bereden müssen. Dem unangenehmen Small Talk mit Unbekannten aus dem Weg gehen. Wer hat sich nicht schon einmal vor einer flüchtigen Stiegenhausbegegnung gedrückt, beim Verlassen des Hauses die Wohnungstüre leise wieder zugemacht und im Vorzimmer gewartet, bis der Nachbar von 16B mit seinen Altglassäcken an einem vorbeigegangen ist? Aber irgendwann sehnen sich die meisten nach einem zumindest freundschaftlichen Austausch. Ist doch irgendwie seltsam, dass man auf Facebook zwar jeden Schritt der ehemaligen Schulkollegin verfolgt, mit der man sonst nichts mehr zu tun hat, aber nicht weiß, was die Frau mit der höflichen Tochter, die unter einem wohnt und die man beinahe täglich sieht, macht, wenn sie das Haus verlässt.

Wie viele Großstädter sich eine intensivere Nachbarschaft wünschen, zeigt auch der Zulauf, den die Plattform Frag nebenan hat. Nach gut zwei Jahren haben sich rund 38.000 Nutzer auf der Plattform registriert, die bisher nur in Wien, seit Kurzem auch in Graz, Leoben und Kapfenberg aktiv ist. „Wir sehen den Wunsch nach mehr Gemeinschaft und danach, sich mehr zu Hause zu fühlen“, sagt Stefan Theißbacher, einer der Gründer des Wiener Start-ups. So suchen vor allem ältere Menschen neuen Anschluss. Eine Nachbarin im siebten Bezirk organisiert etwa regelmäßig Spieleabende.

Die Anfragen auf der Plattform zeigen aber, dass es meist darum geht, den Alltag einfacher und (zeit-)ökonomischer zu gestalten. So suchen beispielsweise manche nach Mitfahrgelegenheiten, fragen nach, ob man die Thermenwartung gemeinsam organisiert oder bitten um eine Bohrmaschine. Eine junge Mutter fragt, ob ihr jemand ihr Stillkissen waschen kann, weil es nicht in ihre Waschmaschine passt. Andere verkaufen oder verschenken Möbel oder suchen nach Regenwürmern für den Dachgarten. „Je mehr Leute dabei sind, desto mehr geht es allerdings auch um Bürgerbeteiligung“, sagt Theißbacher.

Noch ist Frag nebenan über Investoren finanziert. Im nächsten Schritt wollen die Plattformbetreiber die Stadt miteinbeziehen. Schon jetzt können sich Bezirksvorsteher registrieren, sie müssen für ihre Mitgliedschaft allerdings zahlen. Es soll nie Bannerwerbung auf der Seite geben, aber früher oder später will man lokalen Unternehmen und Hausverwaltungen erlauben, hier zu werben. Bis Mitte 2017 wollen die Gründer mit ihrem Start-up schwarze Zahlen schreiben. Noch heuer wollen sie die Plattform in alle österreichischen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern bringen – und im nächsten Schritt steht eine Expansion in die Schweiz und nach Deutschland an.

Externe Freunde erlaubt

Familie Stix teilt mit ihren Nachbarn im 13. Bezirk mehr als das Dach über dem Kopf. Und noch etwas macht die Hausgemeinschaft zu etwas Besonderem: die Vielfalt ihrer Berufe. Es gibt einen Softwareentwickler, einen Agenturchef, einen Medienunternehmer, eine Raumordnungsexpertin, eine Zahnärztin, eine Steuerberaterin, eine Volksschullehrerin, eine Apothekerin und einen Hausarzt, der die vielen medizinischen Alltagsfragen beantworten kann.

„Ein bisschen wie Melrose Place“: (v. l.) Eliette u. Bernhard Felkel, Michael u. Birgit Stix, Alexandra u. Karl-Maria Grünauer, Stephanie u. Andreas Martin, Manuela Nouri (Ehemann Alireza ist nicht im Bild).
„Ein bisschen wie Melrose Place“: (v. l.) Eliette u. Bernhard Felkel, Michael u. Birgit Stix, Alexandra u. Karl-Maria Grünauer, Stephanie u. Andreas Martin, Manuela Nouri (Ehemann Alireza ist nicht im Bild).
„Ein bisschen wie Melrose Place“: (v. l.) Eliette u. Bernhard Felkel, Michael u. Birgit Stix, Alexandra u. Karl-Maria Grünauer, Stephanie u. Andreas Martin, Manuela Nouri (Ehemann Alireza ist nicht im Bild). – Katharina Fröschl-Roßboth

Wird diese enge Gemeinschaft auf Dauer nicht langweilig? Nein, sagen die Nachbarn, zudem seien externe Freunde immer willkommen. „Für mich ist das neu, dass es ein Miteinander und kein Nebeneinander gibt“, sagt der Unternehmer Karl-Maria Grünauer. Mit seiner Frau Alexandra (die Steuerberaterin) und seinem achtjährigen Sohn hat er früher in der Schweiz gelebt, da seien die Menschen noch verschlossener. Eine so intensive Nachbarschaft kannte niemand aus der Hietzinger Hausgemeinschaft. In der Kindheit der Erwachsenen sei es eher üblich gewesen, dass sich die Kinder eines Hauses, einer Siedlung zusammentun, die Eltern hätten aber selten Kontakt gesucht. Konflikte würde es so gut wie keine geben, sagen die Nachbarn. Wobei das daran liegen kann, dass sie erst seit 2012 in dem Haus wohnen – und die Kinder noch klein sind.

Nachbarschafts-Beef auf Facebook

Ganz so reibungslos hat die Nachbarschaft zwischen Katha Schinkinger und Nora T. etwa nicht begonnen. Die vierfache Mutter Schinkinger ist PR-Beraterin und Gesellschafterin des Wiener Lokals Habibi & Hawara, ihr Mann ist Geschäftsführer des Medienhauses Vice. „Als Allerletzte“ habe sie, wie sie sagt, im vergangenen Herbst erfahren, dass sich Nachbarin Nora öffentlich über sie beschwert hatte. Auf Facebook schrieb diese nämlich: „Bin grad draufgekommen, dass mein neuer Nachbar ober mir mit den nervigen vier Kindern, der unfreundlichen Frau und dem dünnen Boden der Herausgeber von Vice Ö ist.“ Weil die beiden im sozialen Netzwerk viele gemeinsame Freunde haben, erfuhr Schinkinger bald von der nachbarlichen Unmutsäußerung und reagierte prompt ihrerseits mit einem Post: „Liebe Nora! Schade, dass wir uns noch nicht kennengelernt haben. Holen wir bald nach. [. . .] Die nervigen Kinder werden dir auch artig ein Einstandslied singen. [. . .] Wenn Dir das nächste Mal die dünne Decke auf den Kopf fällt, klopf einfach an.“

Das Versöhnungs-Post auf Facebook. Katha Schinkinger mit ihrer Tochter (die sie liebevoll
Das Versöhnungs-Post auf Facebook. Katha Schinkinger mit ihrer Tochter (die sie liebevoll
Das Versöhnungs-Post auf Facebook. Katha Schinkinger mit ihrer Tochter (die sie liebevoll "Die Chefin" nennt) und Nachbarin Nora T. – Wallner

Zu diesem Zeitpunkt hatten die zwei Frauen längst via Chat direkten Kontakt aufgenommen – und schnell festgestellt, dass sie einander sympathisch sind. Die kleine Aufregung, die im Freundeskreis größer als bei den Beteiligten war, löste sich rasch auf. Tags darauf tranken sie Versöhnungs-Prosecco – das Beweisfoto mit Schinkingers Tochter wurde ebenfalls auf Facebook geteilt.

Schinkinger hat aus dieser Episode durchaus eine Lehre gezogen: „Man darf nicht so ignorant sein.“ Sie sei im Jahr 2014 in das neue Haus mit zwölf Parteien gezogen und habe sich nicht bei allen Nachbarn vorgestellt.

Was sie nachträglich bereut. „Ich bin dafür, dass man Dinge anspricht und nicht wartet, bis einem die Decke auf den Kopf fällt. Wenn ich weiß, was andere stört, dann nehme ich gern Rücksicht“, sagt sie. Umgekehrt sagt Nora T.: „Man verzeiht Nachbarn einiges, wenn man sie besser kennt. Vor der persönlichen Begegnung dachte ich mir: Wer hat heutzutage noch vier Kinder? Es fühlt sich ganz anders an, wenn man die Menschen kennt, die über einem wohnen.“

Nicht selten entsteht aus einer Nachbarschaft auch eine Freundschaft, die den gemeinsamen Wohnort überdauert. So war das bei Judith Pühringer, der Geschäftsführerin des Netzwerks Arbeit plus, und AMS-Chef Johannes Kopf. Die beiden lernten sich 2001 kennen, als Pühringer mit ihrer Familie eine Wohnung in einem Haus im achten Bezirk bezog – und zwar genau unter dem Appartement von Kopf und seiner damaligen Lebensgefährtin. Nach und nach entwickelte sich zwischen den beiden eine intensive Freundschaft. „Und das, obwohl wir politisch ganz woanders stehen“, sagt Pühringer. „Sie steht eher links, ich kam aus der Industriellenvereinigung“, erzählt Kopf. Verstanden haben sie sich dennoch sofort.

Illegale Dachparty

Gemeinsam errichteten sie eine nicht genehmigte Terrasse auf dem Flachdach des Hauses und luden zur Einweihung zur Vorführung von Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“. Die Polizei, die von Nachbarn der umliegenden Häuser alarmiert wurde, entdeckte die Terrassengemeinschaft, das Fest ging in einer der Wohnungen im Haus weiter. Wie es der Zufall wollte, sind Pühringer und Kopf heute beide im Arbeitsmarktbereich tätig und haben immer wieder auch beruflich miteinander zu tun. Seit 2006 wohnen sie nicht mehr im selben Haus. Ihre Freundschaft aber hat den Wohnungswechsel überdauert.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2016)

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