Architektur für Zeiten der Extreme

Der britische Architekt Jack Self ortet Fronten im Alltäglichen, ganz besonders nach dem Brexit.

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Jack Self. – (c) Beigestellt

Es sind aufreibende Tage, in denen Jack Self zuletzt nach Graz gekommen ist. Der Anschlag von Nizza hallt noch nach, die Attacke auf Passagiere in einem Zug in Ansbach ebenso, und am Tag vor dem Interview im Grazer Haus der Architektur lief ein junger Mann in München Amok. Die Zeitungen sind voll mit Kommentaren und Analysen, geschrieben in einer weltuntergangsähnlichen Stimmung, mit Tränen in den Augen, kurzatmig und in Aufregung: das Auseinanderbrechen der Gesellschaft beschreibend und zugleich dasselbe befeuernd.

Der Architekt und Autor Self kommt aus London, er will an diesem heißen Sommertag in Graz zu seinem Sozialwohnbauentwurf The Ingot – zu Deutsch: der Goldbarren – sprechen, einem Wolkenkratzer für die britische Hauptstadt, den er nach den Parametern der neoliberalen Finanzwelt geplant hat; ein Haus, das sich selbst erhält sozusagen, mit Goldplatten verkleidet. „Form follows finance“, die Form folgt dem Finanzwesen, so nennt Self das Konzept. Ein Architekturwettbewerb der Future Architecture Platform hat dazu eingeladen, „optimistische Lösungen“ zu finden für die vielen brennenden Fragen der offenbar zerbrechenden Gesellschaft, die an diesem Wochenende mehr denn je spürbar sind. „Ich bin Optimist“, sagt Self. Ein Satz, den man nur noch selten hört. Und gerade das Optimistische fühlt sich bei Selfs Arbeiten höchst realistisch, pragmatisch, schnörkellos und unpathetisch an. Er habe sich daran gewöhnt, in einer Zeit der Extreme zu leben, meint Self. Was bringt es denn zu jammern, wenn man auch machen kann?

Die neue Welt. Gebaut hat der Brite selbst dabei noch nichts. Nur entworfen, Konzepte geschrieben. Mit 29 Jahren, so alt ist Self, sei man in Großbritannien noch nicht alt genug, in die Riege der tatsächlich Ausführenden zu rücken, die Schranken seien groß. Dennoch ist Self erfolgreich mit seiner Arbeit: Er gibt ein Magazin heraus, das „Real Review“, entwirft, 2016 hat er zusammen mit den ebenfalls jungen Planern Shumi Bose und Finn Williams den britischen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig kuratiert. „Reporting from the Front“ war das Thema in diesem Jahr, und das britische Trio sah die größte Front zu Hause, in Großbritannien: Die Wohnungskrise dort, im Speziellen in der Metropole – im Moloch – London, wird immer dramatischer und verlangt nach Lösungen. Mit dem Brexit-Votum kam dann noch eine ganz andere Front dazu, unerwarteterweise: jene zwischen jüngeren und älteren Briten, zwischen Stadt- und Landbewohnern. Das sind Tatsachen, die einen schnell pessimistisch werden lassen. Selfs Konzept auf der Biennale war umso pointierter, angepasst an eine Welt, die sich aus Daten speist – das Zuhause ist dort, wo das WLAN ist –, in der die Menschen auf ihre Smartphones blicken und immer weniger Zeit zu Hause verbringen. Vielleicht, weil ihnen das Geld fehlt, ein schönes Zuhause zu haben. Vielleicht, weil sie zu viel arbeiten müssen, um überhaupt ein Zuhause zu haben. Der britische Pavillon jedenfalls beherbergt als Antwort auf diese Entwicklung nun Wohnräume auf Zeit: für Stunden, für Tage, für längere Zeiträume.

Klare Linie. Der Entwurf des vergoldeten Hochhauses The Ingot folgt den Ansprüchen der Finanzwelt: Investment in sich selbst.
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Klare Linie. Der Entwurf des vergoldeten Hochhauses The Ingot folgt den Ansprüchen der Finanzwelt: Investment in sich selbst.
Klare Linie. Der Entwurf des vergoldeten Hochhauses The Ingot folgt den Ansprüchen der Finanzwelt: Investment in sich selbst. – (c) HDA

Zeit-Raum-Gefüge. „Wenn es um das tägliche Leben heute geht, würde ich sagen: Die eine Sache, die sich grundlegend verändert, ist nicht unsere Beziehung zum Raum, sondern zur Zeit“, sagt Self. „Die Art, wie wir miteinander kommunizieren, ist instant. Wir müssen uns dauernd entscheiden. Wir rechnen jede Minute damit, angerufen zu werden, ein SMS zu bekommen, eine Benachrichtigung, eine Anweisung per E-Mail. Es könnte eine Newsstory kommen, auf die wir reagieren müssen.“ Dazu kommen drastische Veränderungen in der Arbeitswelt – nicht nur in der Art der Arbeit, sondern auch in den Anstellungsverhältnissen, die immer kürzer werden. Das Leben, meint Self, sei nicht mehr längerfristig planbar. Der weiteste Zeithorizont liege bei sechs Monaten, „aber realistischer sind eigentlich drei bis sechs Stunden“. Zugleich könne niemand mehr wirklich in die Zukunft planen: „Das Denken an die Zukunft wird zum subversiven Akt.“

Der von Self entworfene Raum ist konsequenterweise für Stunden gedacht, eine kühl designte Mischung aus Hostelschlafsaal und Wohnzimmer, mit einem gläsernen Kleiderschrank in der Mitte. Subtil deutet der Architekt schon an, was er als möglichen neuen Weg sieht: die Gemeinschaft.

„In und mit dem heutigen Wirtschaftssystem die Saat für ein anderes Modell finden“, drückt Self das aus, was er mit seiner Arbeit leisten will – etwas pathetisch, aber viel wichtiger noch ist das, was er anschließt: „Ich glaube daran, dass man es schaffen kann.“

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