Odeeh: „Mode zu entwerfen ist wie Therapie“

Deutsche Mustermänner: Otto Drögsler und Jörg Ehrlich ist mit ihrem Label Odeeh ein Meisterstück fantasievollen Modeschaffens gelungen.

Eingespielt. Otto Drögsler (l.) und Jörg Ehrlich, ein designendes Paar.
Schließen
Eingespielt. Otto Drögsler (l.) und Jörg Ehrlich, ein designendes Paar.
Eingespielt. Otto Drögsler (l.) und Jörg Ehrlich, ein designendes Paar. – (c) Beigestellt

Als Otto Drögsler sich an die Mode herantastete – der Niederösterreicher studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien –, stand eine Zeitenwende an: Sein erstes Semester absolvierte er noch bei dem österreichischen Parade-Couturier Fred Adlmüller, ehe sich dieser aus der Lehrtätigkeit zurückzog. „Als er in Rente ging, hatte die Hochschule die geniale Idee, Karl Lagerfeld 1983 als Gastprofessor nach Wien zu holen“, erinnert sich Drögsler. „Das war ein echter Glücksfall, denn Lagerfeld hat mich sehr protegiert und überall als seinen begabtesten Studenten vorgestellt.“ Zu Kopf gestiegen ist Drögsler diese wohlwollende Haltung nicht (oder der Erfolgsrausch ist seitdem verpufft), und er lobt Lagerfeld auch als einen guten Lehrer: Denn er habe es seinen Studierenden stets ermöglicht, sich in eine unabhängige Richtung zu entwickeln – solange sie verstanden, „dass etwas nicht nur interessant sein muss, sondern auch gut gemacht. Da musste man sich natürlich schon beim Entwerfen überlegen, wie man ein Modell ausführen kann.“

Schließen
(c) Beigestellt

Auf Lagerfeld folgte als Gastprofessorin Jil Sander, auch an sie erinnert sich Drögsler gut: „Sie war das genaue Gegenteil, wollte nur kleine Jil Sanders“, die mit einer gedeckten und reduzierten Farb- und Materialpalette auskommen sollten. Drögslers Sensibilität entsprach das wohl nicht, wie deutlich jenen Kollektionen abzulesen ist, die er seit 2008 mit seinem Geschäfts- und Lebenspartner, Jörg Ehrlich, entwirft.

Naiver Idealismus. Nach vielen Jahren in den Designabteilungen angesehener deutscher Modeunternehmen, etwa Rena Lange, Escada und René Lezard, beschlossen Drögsler und Ehrlich, ihre eigene Vision kompromisslos umzusetzen. Diese Motivation führte zur Gründung ihres Labels Odeeh, die freilich zu keinem günstigen Zeitpunkt erfolgte: Die Wirtschaftskrise, deren Nachwirkungen noch immer zu spüren sind, begann schließlich akkurat im Gründungsjahr der Firma: „Die Krise haben wir damals wie heute im Kopf ausgeschaltet“, sagt Jörg Ehrlich und ergänzt: „Wenn man etwas Neues startet, muss man sich eine Prise Naivität und Idealismus bewahren.“

Ortskundig. In der Baustelle des Berliner Stadtschlosses fand die Odeeh-Show statt.
Schließen
Ortskundig. In der Baustelle des Berliner Stadtschlosses fand die Odeeh-Show statt.
Ortskundig. In der Baustelle des Berliner Stadtschlosses fand die Odeeh-Show statt. – (c) Beigestellt

Geholfen hat den beiden wohl auch der Schwung, den sie aus ihrer Entscheidung, sich nicht mehr den strategischen Erfordernissen der Industrie zu beugen, mitgenommen haben. „Ab der vierten Kollektion, in Berlin haben wir gerade Kollektion 16 gezeigt, begannen wir, mit verschiedenen Mustern zu spielen.“ Reminiszenzen der Wiener Werkstätte könnten seine eigene Sensibilität in diese Richtung beeinflusst haben, meint Drögsler, und der unbefangene Zugang von japanischen Buyers sei ebenfalls ein Einfluss gewesen. „Wir denken“, so Drögsler weiter, „in Einzelteilen und sagen damit zu unserer Kundin: Kauf, was dir gefällt, mach damit, was du willst, und werde glücklich damit.“

Ausnahmestellung. Im Jahr der Gründung von Odeeh konnten dank der guten Kontakte der beiden Designer bereits 50 Verkaufsstellen verzeichnet werden – heute ist man beim Dreifachen angelangt. Mittlerweile hat das Label in der deutschen Modelandschaft eine Ausnahmestellung errungen: „Es ehrt uns sehr, dass manche unserer Kunden als Erstes zu uns kommen, um zu schauen: Was hat Odeeh in dieser Saison gemacht? Um unsere Kollektion herum bauen sie dann all ihre Orders auf“, erzählt Otto Drögsler.

Aufwertung. Den Berliner Modesalon sehen die Designer als echte Bereicherung.
Schließen
Aufwertung. Den Berliner Modesalon sehen die Designer als echte Bereicherung.
Aufwertung. Den Berliner Modesalon sehen die Designer als echte Bereicherung. – (c) Beigestellt

Über die stetige Weiterentwicklung und das Auffinden einer möglichst unverwechselbaren Handschrift sagt Jörg Ehrlich: „Mode zu entwerfen ist ja wie eine Therapie: Nach und nach kommst du zum Kern deines Themas, und so ist es auch bei unserer Kollektion. Wir haben sehr vorsichtig angefangen und kommen heute, Saison um Saison, immer mehr zu dem, was wir wirklich sind.“ Dass es im Zuge dieser Evolution aus dem Zusammenspiel zweier Auffassungen oft zu Reibungen und (konstruktiven) Meinungsverschiedenheiten kommt, liegt nahe. Drögsler und Ehrlich sind zwei starke Persönlichkeiten, sodass man gut nachvollziehen kann, wenn Ehrlich sagt: „Wir sind jeweils unsere strengsten Kritiker und sprechen ziemlich schonungslos aus, was wir nicht gut finden.“ Ihr gemeinsames Privatleben beeinträchtigt das aber nicht: „Wir nehmen unsere Arbeit nicht mit nach Hause“, versichert Otto Drögsler. „Natürlich reden wir auch da manchmal über Mode, aber wir streiten nicht im Wohnzimmer über ein Kleid, über das wir uns nicht einig sind.“

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Odeeh: „Mode zu entwerfen ist wie Therapie“

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.