Nachbarn, vereint euch!

Jeder hat sie, nicht jeder kennt sie: Nachbarn können einem viel im Alltag abnehmen. Plattformen geben Tipps, wie man seine Grätzelmitbewohner findet – und zusammenbringt.

Manche kennt man nicht, manche mag man nicht, aber viele von ihnen können auch eine große Hilfe im Alltag sein: Nachbarn.
Manche kennt man nicht, manche mag man nicht, aber viele von ihnen können auch eine große Hilfe im Alltag sein: Nachbarn.
Manche kennt man nicht, manche mag man nicht, aber viele von ihnen können auch eine große Hilfe im Alltag sein: Nachbarn. – (c) Getty Images (Ernst Haas)

Während der Urlaubszeit dreht es sich meist um das Blumengießen oder das Füttern der Katze. Wie dankbar ist man den Nachbarn, wenn sie das auch dieses Jahr für einen übernehmen. So funktioniert es, wenn es gut läuft. Im schlechteren Fall sind die Nachbarn nervig und machen einem Vorwürfe: Zu laut, zu unordentlich sei man – und ob man nicht vielleicht Filzpatschen nach 22 Uhr tragen könnte oder sich im Schlafzimmer gar nicht mehr bewegen – in der Wohnung drunter höre man nämlich die Schritte.

Nachbarn. Man kann sie sich nicht aussuchen, nicht jeder kennt die seinen, aber sie sind auf jeden Fall da. Besonders in der Stadt, wo viele Menschen auf wenig Raum und dünne Wand an dünner Wand wohnen. Wer sich da nicht arrangieren mag, hat schon verloren. Tatsächlich hat in den vergangenen Jahren aber ein Umdenken stattgefunden. Das Bild des Nachbarn als unguter Grantler wird abgelöst – von dem des nützlichen Unterstützers, der einem helfen kann, besser durch den Alltag zu kommen. Nachbarschaftsplattformen haben ihren Teil dazu beigetragen, dass Nachbarn gemeinsam Dinge erledigen. Wer sich in Wien neue Wohnprojekte ansieht, findet auch welche, die gleich gemeinsam von Nachbarn gebaut wurden, oder bemerkt, dass Gemeinschaftsflächen (bis hin zum Swimmingpool oder der Haussauna) wieder vermehrt mitgedacht werden.

Doch wie lernt man seine Nachbarn am besten kennen und was kann gute Nachbarschaft leisten? Zwei Mitgründer der deutschen Plattform Nebenan.de haben ihre Erfahrungen in einem Buch aufgeschrieben. Das Ergebnis lässt sich leicht zusammenfassen: Wer seine Nachbarn kennenlernen will, muss selbst aktiv werden. Wenn es schon Nachbarschaftsplattformen gibt, hilft das Anmelden dort, es geht aber auch analog. So schlagen die Autoren in dem Buch vor, eine gemeinsame Aktivität zu planen – und dafür tut's der gute alte Zettel auch. Die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ erzählte unlängst, unabhängig von dem neuen Buch, die Geschichte einer Mutter, die es mit engagierten Nachbarn schaffte, im Berliner Stadtteil Neukölln eine Brennpunkt-Volksschule zur beliebtesten Schule im Viertel zu machen – indem genügend gut ausgebildete Eltern ihre Kinder dort anmeldeten. Den Anfang machte die Mutter mit einem Zettel, den sie in der Gegend aufhängte. Es muss freilich nicht gleich ein ganzes Stadtviertel sein, das man mit seinen Nachbarn umkrempelt – wenn es auch dazu Vorschläge im Buch gibt – es reichen auch kleine Dinge, um das Hausklima zu verbessern. Eine Einladung zum Kaffee, aber auch das Anbieten von Hilfe für Kleinigkeiten („Melden Sie sich, wenn der Zucker mal aus ist“), kann der Start dafür sein, mit seinen Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Auch über ein Nachbarschaftsabendessen freuen sich viele – man soll im Voraus die Kosten planen oder die Aufgaben verteilen, raten die Autoren.

Tauschen, Reparieren, Schenken. Die Bereitschaft, zu helfen, ist jedenfalls da – auch im Sommer, wie eine Umfrage auf Fragnebenan.at – dem Pendant zu Nebenan.de in Österreich – zeigt. Rund 90 Prozent der Befragten wünschen sich, dass ihre Nachbarn die Blumen im Urlaub gießen, 70 Prozent wären auch bereit, es für andere zu tun. 74 Prozent würden im Urlaub den Postkasten leeren und 75 Prozent die Nachbarn informieren, sollte etwas im Haus passiert sein. Abgesehen vom Urlaub sind es vier große Bereiche, für die die Plattform Fragnebenan.at verwendet wird. Der erste ist das Verleihen von Werkzeug, Sport- und Küchengeräten, erzählt Stefan Theißbacher, der die Plattform vor fünf Jahren gegründet hat. Der zweite sind Empfehlungen wie Restaurants oder Ärzte. Ein weiterer Teil will Menschen kennenlernen – für Sport, Hobbys, Grätzelfeste und -aktionen –, und der vierte große Bereich sind Kleinanzeigen. „Die meisten verschenken Dinge, die sie nicht mehr brauchen“, sagt Theißbacher. Direkt im Haus halten Nachbarn heute über WhatsApp, E-Mail und per Aushang Kontakt. Für das Grätzel werden dann Nachbarschaftsplattformen verwendet.

Ältere wollen Kontakte. Die Nutzer der Plattform sind eher jünger: 60 Prozent sind unter 44 Jahre alt. Immerhin zehn Prozent sind aber über 65 Jahre. Wobei Senioren andere Interessen an Nachbarn haben als jüngere. „Die Jüngeren sind wegen des Sharing-Gedankens dabei, bei den Älteren geht es um den Community-Gedanken. Sie sind oft nicht mehr so mobil, und da hat es echt viel Wert, wenn jemand in der Nähe ist.“ Streit gibt es auf der Plattform, auf der österreichweit 56.000 Menschen registriert sind, selten. Manchmal vergreife sich jemand im Ton, so Theißbacher, da reiche es, wenn die Plattform den Nutzer anschreibe. Seit der Gründung sei zwei Mal etwas nicht rechtzeitig zurückgegeben worden – sodass man die Menschen ermahnen musste.

Auch andere haben das Potenzial von guter Nachbarschaft entdeckt. So haben Organisationen wie der Obdachlosenverein Neunerhaus einen Account auf der Plattform, um Freiwillige zu finden. Zuletzt wurde mit deren Hilfe ein Hochbeet aufgestellt. Auch die Kollegen in Deutschland wollen mit dem Buch zeigen, was in der Nachbarschaft alles möglich ist: Von kleinen Reparaturen für Nachbarn und Talentetausch-Aktionen (jeder bietet das an, was er am besten kann) über Fahrtendienste für die Grätzelbewohner, Kleidertauschpartys und Gemeinschaftsbeete bis hin zum Gestalten von Plätzen und Müllaufräumaktionen lauten die Vorschläge. Sie werden mit bestehenden Projekten untermauert, durchgeführt von Nachbarn, die sich früher vielleicht gar nicht so gut kannten.

Miteinander

Fragnebenan.at: Die Plattform gibt es seit fünf Jahren und sie hat mittlerweile 56.000 Nutzer in ganz Österreich, der Großteil davon lebt in Wien.

Auf der Plattform tauschen sich Nachbarn für Reparaturen und Tipps etc. aus – und finden sich für Hobbys, Sport oder Grätzelprojekte zusammen.
Ratgeber. Ina Brunk und Michael Vollmann, Mitgründer der deutschen Nachbarschaftsplattform Nebenan.de, haben in einem Buch aufgeschrieben, wie Nachbarn zueinanderfinden und ihre Umgebung verbessern können. „Ziemlich beste Nachbarn“, Oekom-Verlag, 176 Seiten, erhältlich unter www.oekom.de, ab 3.9. im Buchhandel

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2018)

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