Dawanda: Die Renaissance des Bastelns

Selbstgemachtes statt Massenware: Dawanda, ein digitaler Marktplatz für Einzelstücke und hippe Handarbeiten aller Art, erlebt einen großen Ansturm.

Dawanda Renaissance Bastelns
Dawanda Renaissance Bastelns
Symbolbild – (c) Www.BilderBox.com

Hosen und T-Shirts von H&M, das Sofa kommt von Ikea – das kann jeder. Jahre, nachdem die schwedischen Riesen Design für jeden erschwinglich gemacht haben, ist nun Selbermachen, Häkeln, Stricken, Schneidern angesagt. Statt „made in Bangladesch“ zählt nun die echte Handarbeit. Haarspangen mit applizierten Mini-Teetassen oder Schallplatten, Gürtel aus alten Flugzeuggurten oder Handytaschen mit aufgestickten Rehen – auf Dawanda, einem digitalen Laden für Unikate, Designerstücke und Basteleien aller Art, haben tausende Menschen Unterschlupf gefunden, die gerne basteln und ihre Produkte verkaufen wollen.

Mittlerweile geht der Umsatz der Website in die Millionen. 120.000 Designer und Bastler bieten zwei Millionen Produkte an. „20.000 bis 25.000 Menschen aus Österreich machen bereits mit“, sagt Salli Peter von Dawanda. Während die Textilindustrie das Land längst weitgehend verlassen hat, erobern die Heimwerkerinnen vom Sofa aus den Nischenhandel im Internet.

Andrea Reymaier ist eine von ihnen. Die Besitzerin eines kleinen Wollgeschäfts in Wien-Landstraße verbringt manch einen Fernsehabend damit, Hauben zu häkeln. „Seit 2007 verkaufe ich sie auf Dawanda.“ Leben kann sie davon nicht, aber statt wie früher nur hin und wieder für einzelne Kunden zu häkeln, verkauft sie heute jeden Monat 20Hauben um bis zu 25Euro pro Stück nach Deutschland. Dort sitzen noch die meisten Dawanda-Kunden. Seit der Gründung vor sechs Jahren hat Dawanda etliche Start-up-Preise eingeheimst, mittlerweile gibt es die Seite in mehreren Sprachen.

Die Idee hatten die zwei Gründer, Claudia Helming und Michael Pütz, 2005. In Moskau, das war damals ihr Wohnort, versuchten sie, originelle Geschenke zu basteln und Matrjoschka-Puppen selbst zu bemalen. Das missglückte. „Es war das Schlüsselerlebnis: Andere können das besser, und wie toll wäre es, wenn man diese anderen schneller finden könnte“, sagt Claudia Helming im Firmenvideo. Ein Jahr später ging Dawanda – das ist übrigens ein afrikanischer Name und bedeutet „die Einzigartige“ – online. So zumindest die offizielle Erklärung. Eine andere ist das amerikanische Vorbild Etsy. Das New Yorker Start-up ist 2005 ins Netz gegangen, heute ist es ein Millionen-Unternehmen mit Niederlassungen in Europa. Zahlreiche kleine Start-ups wie Guzuu oder Madeitmyself.com schwimmen auf der Erfolgswelle der Handmade-Websites mit.


Die Beschaulichkeit trifft einen Nerv. Es ist eine zuckersüße digitale Welt, in die sich die Handwerker und Designer zurückziehen. Das Dawanda-Logo schmücken ein Herz und der Schriftzug „Products with Love“. Verweise zu anderen Seiten heißen „Lieblinks“, gefällt einem ein Artikel, kann man ihn „herzen“. Newsletter heißen Loveletter, statt Lookbooks gibt es Lovebooks.

Die neue Beschaulichkeit, die Sehnsucht nach Omas selbst gestrickten Socken, treffen einen Nerv. Als unlängst das Wiener Hotel Meininger Franz Eröffnung feierte und dazu 100Designer, die ihre Produkte auf Dawanda verkaufen, einlud, je ein Zimmer für einen Sonntag zu ihrem Verkaufsraum zu machen, war der Ansturm groß. Hunderte Menschen – vor allem junge Frauen – standen Schlange, um sich später durch volle Gänge zu schieben.

Online wird alle drei Minuten eine selbst genähte Tasche, jede Minute ein Schmuckstück, ebenfalls jede Minute ein Schälchen, Notizblock oder anderes Werk der Kategorie „Wohnen & Leben“ verkauft. „Es sind einige Profis dabei, viele benutzen Dawanda auch als Sprungbrett. Junge Mütter zum Beispiel, die das in der Elternzeit beginnen“, sagt Salli Peter. Manch einer hat sich dank der Website selbstständig gemacht. Jeder fünfte Nutzer hat Dawanda schon als einzige Erwerbsquelle.

„Ich habe 2009 als Hobby angefangen, jetzt bin ich nahe daran, nur von Dawanda leben zu können“, erzählt Anke Szilagyi. Ihre ersten Filzpantoffeln mit aufgenähtem Namen hat die Schneidermeisterin aus Sachsen für den Freund der Tochter genäht, mittlerweile hat sie 2000 Paar davon verkauft. „Vor Weihnachten ist das Geschäft extrem“, sagt sie. Eine Stunde sitzt sie für ein Paar vor der Nähmaschine. Am Ende kosten die Pantoffeln 25Euro.

Dawanda behält eine Provision von fünf Prozent des Preises, zusätzlich zahlt man eine Einstellgebühr von zehn bis 30Cent je Artikel. Allein 2010 hat sich der Dawanda-Umsatz auf drei Mio. Euro verdreifacht. Mit dem Erfolg wächst auch die Kritik. Der Großteil des Umsatzes stammt von professionellen Händlern. Wie viele davon tatsächlich daheim auf dem Sofa nähen, das lässt sich freilich schwer nachprüfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2011)

Kommentar zu Artikel:

Dawanda: Die Renaissance des Bastelns

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen