Die Invasion der Neonkappen

Eine der größten Leistungen der 90er-Jahre war es, die ärgste Verirrung der 80er-Jahre aus dem Straßenbild vertrieben zu haben: den Farbton Neon. Insofern sollte es zur Sorge nötigen, dass knallpink, schreigelb und brüllgrün wieder im Trend ist.

Die Anzeichen dafür haben Sie sicher schon gesehen: Diese Jugendlichen in der U-Bahn, die grelle Baseballkappen auf ihrem vorne kurz, hinten lang (kurz: Vokuhila) façonnierten Haar tragen, den Lautsprechern ihrer Mobiltelefone winselnde Obertonfolgen entlocken und sich in einer Art Patois aus Floridsdorfer und Anatolischer Mundart verständigen.

Woher kommt das? Und wie heißt es? Die Weiten des Internet fördern eine erstaunliche Erkenntnis zu Tage: Wien hat eine jugendkulturelle Bewegung namens „Krocha“ geschaffen. Das stammt von „krachen“ und bezeichnet Jünglinge, die nach Besuch eines Bräunungsstudios auf eher rüpelhafte Weise Tanzlokale besuchen. Zum Beispiel „in die Nachtschichteinekrochen“.

Der ideologische Überbau dieser Bewegung ist noch etwas diffus. In besagtem Austro-Pidgin verfasste Stellungnahmen im Internet lassen eine solide Verweigerung des bildungsbürgerlichen Ethos sowie eine damit korrespondierende Betonung des Lustprinzips vermuten. Das Tragen der „Kafiya“ (vulgo „Palästinensertuch“ oder „Arafats Putzfetzen“) wiederum weist auf eine gewisse Nonchalance gegenüber dem Antisemitismus hin. Bedenklich, aber auch bei Vertretern elitärerer Bildungsschichten zu vermerken, wovon sich jeder überzeugen kann, der dieser Tage über den Wiener Naschmarkt promeniert.

Neon, Vokuhila, Pali-Tuch: Warum kommt bloß das Schlimmste der 80er-Jahre zurück? Viel schöner wäre doch ein Revival der „Muppet Show“ . Denn der einzige, dem knallgrün steht, ist und bleibt Kermit.


oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2008)

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