Was der Wiener Untergrund uns allen zu erzählen hat

Schauplatz Oberen Donaustraße 15a: Ein Durchgang zeigt, was sich an Vergangenem unter ihm verbirgt.

(C) Freitag

Hoch hinaus will ja bald einmal einer. Bleiben wir doch, bescheiden, wie wir sind, auf dem Boden und schauen wir zur Abwechslung nicht hinauf, sondern hinunter. Will sagen: in den Untergrund hinein. Dazu braucht man nicht notwendigerweise Krampen und Schaufel. Über das Souterrain altehrwürdiger Städte lässt sich beispielsweise auch aus Archiven einiges erfahren, und wenn man Glück hat, dann hat die dazu erforderlichen Nachforschungen schon jemand anderer angestellt.

Schauplatz Obere Donaustraße 15a. Dort haben die Bauträger Neue Heimat und Österreichisches Volkswohnungswerk jüngst eine Wohnanlage errichtet, die nicht weiter bemerkenswert wäre, hätte man sich nicht für die Gestaltung des Durchgangs Richtung Augarten Bemerkenswertes einfallen lassen: Der wurde im Rahmen eines Wettbewerbs Studierenden der Wiener Kunstschule überantwortet, und das Siegerprojekt, „Raumgeschichten“ von Lena Fasching und Martina Montecuccoli, kehrt nun tatsächlich das Untere nach oben. Will sagen: das Innerirdische auf Durchgangsniveau.

Fasching und Montecuccoli nämlich haben in penibler Kleinarbeit die Geschichte des Bauplatzes recherchiert, haben Akten gewälzt, historische Pläne studiert; und was sie da an Grundrissen ehemaliger Bauten fanden, begleitet jetzt Passanten durch Passagen und Höfe: die Baulinien der Leopoldstädter Cavallerie-Kaserne, die sich von 1723 bis 1863 hier befand, genauso wie jene des folgenden Militärverpflegsetablissements oder, zuletzt, eines Umspannwerks der Wiener Stadtwerke. Erinnerungsspuren, konkret und abstrakt zugleich, Ornament gewordene Wirklichkeit eines Gestern und Vorgestern, wie sie sonst nur jene zu Gesicht bekommen, die bei Aushubarbeiten wieder einmal auf irgendein obskures Gemäuer längst vergessener Tage stoßen.

Die Vergangenheit hole uns immer wieder ein, heißt es oft. Ein Bild, das so nicht stimmt: Sie läuft uns ja nicht nach, die Vergangenheit, sie ist einfach immer da. In uns, um uns – und unter uns.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2014)

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