Das Dekolleté des Bauarbeiters

Es ist eines der großen Paradoxa, dass der Blick auf Dinge gesellschaftlich geächtet wird, die genau den Zweck verfolgen, die Blicke auf sich zu ziehen.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Nehmen wir etwa das zwiespältige Verhältnis, das Männer zu Dekolletés haben müssen. Einerseits soll es die Aufmerksamkeit der Männerwelt wecken – denn nur aus purer Bequemlichkeit zwängen sich doch die wenigsten Damen in korsettähnliche Kleidungsstücke, oder? Doch andererseits, ist die Aufmerksamkeit einmal geweckt, soll sie gefälligst auf eine dezente Weise erfolgen. Als hätte man es eben nicht bemerkt. Die Kunst besteht darin, einerseits so zu schauen, dass die Trägerin es sehr wohl bemerkt, umgekehrt aber den Blick nicht so zu fixieren, dass die Augäpfel aus den Höhlen zu treten drohen.

Nicht ganz so viel Feingefühl ist bei einem ähnlichen Phänomen vonnöten, das gerne scherzhaft als „Bauarbeiterdekolleté“ bezeichnet wird: Jemand bückt sich und entblößt dabei den Ansatz der beiden Hintern-Backen. Das muss gar kein Bauarbeiter sein, auch viele junge Menschen gewähren durch extrem tief sitzende Jeans einen Einblick in Körperregionen, die oft nur notdürftig durch ein wenig Stoff geschützt sind. Finden sich darauf Namen wie „Calvin Klein“ oder „D & G“ darf man getrost davon ausgehen, dass der Einblick gewollt und ein verstörter/interessierter/gelangweilter Blick deshalb zulässig ist. Zeigt sich hingegen Feinripp oder – im Extremfall – nur mehr oder weniger behaarte Haut, muss man davon ausgehen, dass die Freilegung der Region nicht die ursächliche Intention des Hosenträgers gewesen sein kann. Der Blick ist demnach, wie sicher auch Benimm-Guru Elmayer bestätigen würde, ehebaldigst abzuwenden. So er ob des Anblicks nicht ohnehin schon fluchtartig auf andere Dinge gerichtet wurde.


erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2008)

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