Garagen: Wo unsere Welt des Scheins noch ehrlich ist

Man sagt ja uns Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts gerne nach, es sei uns nur um Äußerlichkeiten getan.

Man sagt ja uns Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts gerne nach, es sei uns nur um Äußerlichkeiten getan.
Man sagt ja uns Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts gerne nach, es sei uns nur um Äußerlichkeiten getan.
Man sagt ja uns Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts gerne nach, es sei uns nur um Äußerlichkeiten getan. – (C) Freitag

Der Glanz der Oberfläche sei es, mit dem wir innere Schäbigkeit zu überdecken suchten, und mehr Scheinen als Sein sei vorherrschendes Lebensprinzip. Sicher, wer sich – zumal in der Vorweihnachtszeit – durch Wien bewegt, mag schon Zweifel hegen, ob denn so viel Flitter durch inwendige Werthaltigkeit legitimiert sei; doch hält unsere Glitzerwelt auch Orte von nachgerade bestürzend ungeschminkter Ehrlichkeit bereit. Etwa jene Räume, die wir schaffen, um unser aller liebstes Fortbewegungsmittel temporär zu deponieren. Will sagen: unsere Garagen.

Vom Parkhaus bis zur Tiefgarage: Die Kunst der Baukunst hat unsere Automobilbehältnisse bis dato weitgehend unbehelligt gelassen; und die Zeiten, da ein Carl Benz, man schrieb das Jahr 1910, seinem gedeckten Autoabstellplatz die pittoreske Form eines historistischen Turms geben ließ, die liegen doch ein Stück zurück. So häufig uns die Bauaufgabe Garage in der Gegenwart beschäftigt: Ob über oder unter der Erde, ob Einzelstück oder Massenquartier – was wir uns vor die Kühlerschnauzen setzen lassen, versucht meist nicht einmal mehr, den Anschein von ästhetischem Bemühen zu wecken. Kein Wunder, dass Garagen einzig als Ort des Schreckens in Film- und Fernsehserienbilder gerückt werden: Was anderes als Mord und Raub und sonst sinistre Betätigung könnte in solchem Rahmen schon zu Hause sein?

Kaum zu glauben, dass Garagen auch zur „Geburts-, Wirkungs- und Probestätte für Erfindungen und Aktionen“ taugen sollen. Ein Ausstellungsprojekt will uns jedenfalls davon noch bis Anfang Jänner an mehreren einschlägigen Orten Wiens überzeugen. Und dass eine der Stationen, die Garage im Wiener Kunsthaus, ausgerechnet dem Thema Perpetuum mobile gewidmet ist, lässt einen Hauch von Ironie ahnen. Wo wäre denn unsere Mobilität so immobil wie an ihrem überdachten Ruheplatz (außer vielleicht im Morgenstau auf der Südosttangente)? Näheres unter www.marcello-farabegoli.net/garagen.html.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2015)

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