Penzing: So stiegenlos kann eine Stiegengasse sein

Stiegensteigen ist ja nicht jedermanns Sache.

Gasse? Welche Gasse? Stiegengasse, Wien Penzing
Gasse? Welche Gasse? Stiegengasse, Wien Penzing
(c) Wolfgang Freitag

Stiegensteigen ist ja nicht jedermanns Sache. Auch wenn uns noch so dringlich versichert wird, wie gesund die Bewegung treppauf, treppab im Vergleich dazu sei, sich via Aufzug nach oben respektive unten chauffieren zu lassen: Allein die optischen Zumutungen, die Treppenhäuser in vielen Gebäuden an uns richten, lassen uns jene anderen optischen Zumutungen, die Aufzugskabinen für uns bereithalten, vergleichsweise erträglich scheinen – schließlich ist man ihnen weniger lang ausgesetzt.

Ganz anders stehen die Dinge bei den gewissen Freianlagen, deren Stufenruhm durch alle Reiseführer raunt: Wer wollte nicht einmal die Spanische Treppe römischerseits hinauf- und die Potemkin'sche Treppe Odessa-mäßig hinuntersteigen. Wie auch Wien in solcher Sache Beachtliches vorzuweisen hat: die Rahlstiege in Mariahilf, die Strudlhofstiege am Alsergrund. Und dann ist da noch ein bislang wenig beachtetes Kleinod besonderer Art: die Stiegengasse weit draußen in Penzing.

Sicher, die Siedlung Augustinerwald, woselbst sie sich befindet, die will erst einmal erreicht sein. Aber wer sich den Strapazen einer Expedition an den Stadtrand unterzieht, wird mit Erstaunlichkeiten sondergleichen belohnt. Da wäre zunächst die unübersehbare Tatsache, dass von „Gasse“ über weite Teile der gut 300 Stiegengassen-Meter keine Rede sein kann: Eher wäre, was sich da durch das hügelige Gelände winkelt, weithin als Pfad oder Steig korrekt zu beschreiben. Vor allem aber weist die Stiegengasse auch den vorderen Wortteil betreffend eine überraschende Eigenheit auf: So keine Stiege gibt es nicht bald anderswo. Was umso mehr verwundert, behauptet doch das magistratische Online-Nachschlagewerk zu „Wiener Straßennamen und ihrer historischen Bedeutung“ (www.wien.gv.at/strassenlexikon/internet), die Stiegengasse sei „nach der dortigen Stiegenanlage“ benannt.

Halten wir fest: Die Spanische Treppe ist vielleicht schöner, die Potemkin'sche Treppe sicher länger, aber die Stiegengasse zu Penzing ist die stiegenloseste Stiegengasse der Welt. Ein Allzeitrekord für alle Zeiten.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2016)

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